Geschichten vom wilden Wäller Landleben in den 70ern
Der Westerwald und die „heiligen Kühe“
Montabaur. Eine heilige Kuh ist ein aus religiösen oder anderen kulturellen Gründen verehrtes und als unantastbar erklärtes Tier, das teilweise auch in einigen ärmeren Gesellschaften bis heute als Gradmesser des Vermögens gilt! Da hätte für die Lesung von Dietmar Gaumann aus seinem Buch „Westerwälder Erzählungen - heilige Kühe“ kaum ein Ort besser passen können als das Sozialkaufhaus in Montabaur. Galt dieses doch seit seiner Gründung im regionalen Sozialgefüge des unteren Westerwaldes als „heilige Kuh“. Und bei den dort ein- und ausgehenden bedürftigen Menschen bedarf es keines Gradmessers für ihr Vermögen - sie haben keines!
Für die SoRocket GmbH als Träger der Sozial- und beruflichen Qualifizierungseinrichtung, begrüßte dessen Geschäftsführer Stephan Reckmann mit der örtlichen Projektleiterin Andrea Leineweber die interessierten Gäste. „Dass wir diesen für viele auf Unterstützung angewiesene oder arbeitsuchende Menschen in der Region wichtigen Sozialmarkt zum Jahresende schließen müssen, wussten wir noch nicht, als wir diese Lesung geplant hatten“, so Reckmann. Bald nach diesem Abend werde das Haus vermutlich geräumt werden und es gebe dann wohl in der Region eine „Heilige Kuh“ weniger, die es zu respektieren und zu erhalten gelte!
Ermöglicht wurde die Veranstaltung im Rahmen des Projekts „SozialraumKultur“, durch das kulturelle Angebote in sozialen Einrichtungen unterstützt werden. Ziel ist es, kulturelle Teilhabe für alle Menschen zu ermöglichen – unabhängig von Einkommen oder Lebenssituation. Die Lesung wurde durch das Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz finanziell ermöglicht. Als Unterstützer der Einrichtung stellte Uli Schmidt fest: „ Das Sozialkaufhaus schafft durch solche Aktionen Raum für Begegnung, Austausch und Kultur im Alltag“. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass dies künftig nicht mehr möglich sei, so Schmidt.
Dietmar Gaumann, aufgewachsen in einem Westerwalddorf, das er „Krotzenroth“ nennt, stellte seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in lebendigen Geschichten vor: Im Westerwald nix los?“, fragt er rückblickend auf die 70er und 80er Jahre, die er überwiegend im Raum Altenkirchen erlebte. Weit gefehlt, eher immer was los – zumindest damals, in den kleinen Westerwaldorten. Mal mutiert darin ein Junge zum Actionheld, wundern sich Kirchgänger über „Dicke Frauen“ oder will jemand seinen Vornamen Dieter loswerden. Alles andere als beschaulich. Aber sich doch immer die Frage stellend: bleiben oder gehen? Mit einer Mischung aus Humor und ernsten Tönen schildert Gaumann die Eigenheiten der Region, ihrer Bewohner und gelebter Traditionen.
Ganz besonders gefiel die Geschichte „Wie ich einmal fast Sozialdemokrat wurde“. Sie spielt in den 70er in einem Wäller Arbeiterdorf, in dem vermutlich damals fast alle die SPD gewählt haben. Genau in diesem beschaulichen Ort musste der Held der Geschichte als Schüler eine Wahlzeitung der CDU mit dem damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel auf dem Titel in alle Haushalte bringen. Dies im Auftrag seines Vaters, einem örtlichen Steuerberater und CDU-Funktionär. Nicht selten stieß er dabei auf Ablehnung und Zurechtweisungen: „Wir wollen sowas hier im Dorf nicht, das gilt auch für alle Nachbaren!“, wies ihn eine rustikale Bauersfrau zurecht. Am meisten fürchtete er sich vor einem kauzigen alten Arbeiterführer und dessen Hund „Bebel“ - der sich aber dann noch einigen Irrungen doch als zwar raubeinig, aber eher friedlich und offen herausstellte.
In der sich anschließenden Diskussion mit dem Autor berichtete jemand die gleiche Geschichte, aber unter verkehrten Vorzeichen: Vater SPD-Funktionär und deshalb natürlich eine im tiefschwarzen Dorf zu verteilende Sozi-Zeitung. Die sich daraus ergebenden Konflikte waren ähnlich und sogar der Pfarrer äußerte Unverständnis für die so empfundene revolutionäre Tat! An weiteren Beiträgen der Gäste konnten sich alle erfreuen, beispielsweise über das Erlebnisse eines Messdieners oder der Gründung von Jugendclubs in einigen Dörfern rundum Montabaur in den aufmüpfigen 70ern. Alle waren sich darin einig, dass die bevorstehende Schließung des Sozialkaufhaus unbedingt verhindert werden muss.
