Allgemeine Berichte | 05.11.2019, 12:38 Uhr

Kabarettistisches Gastspiel in Bad Neuenahr

Der virtuose Simulant

Konrad Beikircher sucht im Augustinum einen Schutzpatron

Beikirchers Markenzeichen sind die ausschweifenden Geschichten, die er gestenreich erzählt. Foto: SCHÜ
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Bad Neuenahr. Lange sei er nicht mehr im Theatersaal zu Gast gewesen, stellte Kulturreferentin Madeleine Häusler bei der Begrüßung von Konrad Beikircher am Dienstagabend vergangener Woche im Augustinum fest. Doch dank Konzertveranstalter Michael Neißen war der zwar aus Südtirol stammende, aber längst zum Berufsrheinländer gewordene Kabarettist nun endlich wieder zu sehen – und die Besucher kamen in Scharen. Der beliebte Künstler hatte sein neues Programm „400 Jahre Beikircher“ mitgebracht und brachte das Publikum gleich auf seine Seite: Er freue sich besonders, wieder einmal hier zu sein, denn schließlich sei das Augustinum die „Altersphilharmonie“ von Bad Neuenahr. Und mit dem folgenden Monolog über Rollatoren trifft man in einer Seniorenresidenz immer die Richtigen.

Schutzpatron gesucht

Wie aber kommt es zum Titel seines Programms? Das wollte Beikircher gleich zu Beginn kurz erklären. Also, das war so: Wenn man beim richtigen Glauben ist – also katholisch – hat man für alles einen Schutzheiligen. Egal, ob man seinen Schlüssel verliert oder Bettnässer ist, es gibt einen Heiligen, zu dem man pilgern kann. Und anschließend findet man seinen Schlüssel wieder bzw. ist trocken. Nur die Kleinkünstler haben keinen Schutzpatron. Diesen Zustand wollten Beikircher und sein Freund Hanns Dieter Hüsch schon vor Jahren ändern, vergeblich. Da Hüsch leider evangelisch war und mittlerweile verstorben sei, müsse er diese Aufgabe nun allein erfüllen. Jetzt sei er fündig geworden, und zwar bei dem Brüsseler Bildhauer Jérôme Duquesnoy. Derselbe habe nämlich 1619, also vor genau 400 Jahren, das berühmte „Manneken Pis“ geschaffen. Und diese Figur des wasserlassenden Knaben sei wie geschaffen für Leute vom Kabarett, die andere auch schon einmal respektlos anpinkelten. Diese Erklärung nahm freilich den ganzen ersten Teil des Abends ein, denn Beikircher schweifte ab. Er erzählte vom Schutzheiligen der richtigen, der großen Künstler, dem David des Michelangelo in Florenz, dessen „bestes Stück“ gerne heimlich von prüden Japanerinnen fotografiert wird. Und kam darauf, dass Japaner seine Hochzeitsnacht in Venedig im Jahr 1989 nachhaltig störten. Als er mit seiner frisch Angetrauten auf dem Balkon eines feudalen Lokals am Canale Grande saß und die unten in einer Gondel vorbei fahrenden Asiaten sangen „Einmal am Rhein…“.

Sächsich oder sechzig?

Nach der Pause gab es einen Exkurs in die Sprachwissenschaften. Keiner könne erklären, so Beikircher, weshalb der Bayer aus den Eingeweiden heraus rede, der Hanseat aber vorne an den Schneidezähnen spreche. Einzig bei den Sachsen gebe es eine Erklärung für die merkwürdige Sprache: Die siedelten früher am Bodensee, pflanzten dort Spargel, Erbsen und Möhren, wurden vertrieben und landeten an der Leipziger Börde, weil ihr Lieblingsgemüse dort auch gut wuchs. Sie erfanden das Leipziger Allerlei und lebten in Frieden, bis Attila der Hunne kam. Der schlug ihnen mit der Lanze auf den Hinterkopf, das führte im Bereich des Unterkiefers zu Verschiebungen und seitdem sprechen die so. Sprachlich ganz anders, also viel besser, sind natürlich die Rheinländer unterwegs, die Worte wie Sechzig und Sächsisch zwar ähnlich sagen, aber für Kenner ist der feine Unterschied durchaus hörbar. Breiten Raum nahm anschließend die rheinische Relativverschränkung ein, eine Form, die es nur hier gibt und die bei Altphilologen für Aufruhr gesorgt hat. Beikirchers skurrile, aber natürlich streng wissenschaftliche Ausführungen sorgten für Staunen, Schmunzeln und Lachen, seine Lust am Fabulieren, Differenzieren und Augenzwinkern wirkte dabei unbegrenzt.

Zeit zum „Simmelieren“

Am Ende erzählte der Wortkomödiant, wie er als Schüler im Internat zum virtuosen Simulanten wurde, damit er nicht zum Unterricht musste und ein Extra-Frühstück bekam. Und landete dann wieder beim Rheinländer, der gerne „simmeliert“, also nachdenkt. Zum Beispiel darüber, warum man hier Tabletten für Osteoporose bekommt, anderswo Tabletten dagegen. Warum sie bei Frau Nebenwirkungen haben, bei Mann aber nicht. Egal, wie die Antwort lautet, sie beginnt immer mit der Einleitung „Komisch …“.

Leider findet auch der schönste Kabarettabend ein Ende, bei Beikircher nach zwei Stunden mit jubelndem Applaus. Der gefeierte Künstler ließ sich nicht lange bitten und gab die erhoffte Zugabe: eine Anekdote über eine Straßenbahnfahrt in Bonn, bei der sich die Mitreisenden über nix unterhielten, und zwar sehr lange und sehr kontrovers.

SCHÜ

Beikirchers Markenzeichen sind die ausschweifenden Geschichten, die er gestenreich erzählt. Foto: SCHÜ

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