Gedanken im Blick - Glaube, Traditionen und Persönliches
Die Angst nicht wegpredigen
Eine theologische Kolumne von Gunnar Bach
„Bange Zuversicht – was Menschen in der Corona-Krise bewegt“ - so betitelt der Theologe und Religionssoziologe Paul Michael Zulehner sein neues Buch, das diesen Monat erscheinen wird und die Ergebnisse seiner internationalen Online-Umfrage in zehn Sprachen zusammenfasst. Darin setzt er sich für eine kirchliche „Option für die Pandemieverlierenden“ ein. Die christlichen Kirchen, so seine Erkenntnis und Forderung, bräuchten in diesen Zeiten „nicht mehr Frömmigkeit, sondern mehr „Mystik mit den offenen Augen“ (Johann Baptist Metz).“ Denn die Pandemie polarisiere die Bevölkerung, schon im alltäglichen Leben. „Die einen haben Angst vor der Ansteckung, die anderen fürchten um die Beeinträchtigung ihres Lebensstils“, formulierte Zulehner schon im Oktober in einem Vortrag. „Wir leben in einer hoch vielfältigen, verbunteten, ja manchmal aggressiv polarisierten Gesellschaft.“ Gerade jetzt brauche es mehr soziale Nähe, mit gleichzeitiger physischer Distanz. Aber wie kann das gelingen? Selbstisolation, aber auch aggressives Denuntiantentum nehme immer mehr zu. Die Angst verrohe viele, mache sie kauffreudig, aber auch gefügig und folgsam, skizziert er den von ihm in seiner Umfrage festgestellten Wandel. Auch die Fremdenangst nehme zu. „Es ist erstaunlich, wie Europa wieder in die Nationalstaatlichkeit implodiert.“ Diese Ängste spalteten die Gesellschaft, aber auch die Werte geraten in Widerstreit. Welche sollen Vorrang haben? Gesundheit versus Freiheit, Gesundheit versus Wirtschaftlichkeit, Alte jetzt versus Jüngere von morgen, Arbeitsplätze versus Ökologisierung der Wirtschaft, Emotionalität versus Rationalität? Was sind Zulehners Handlungsanweisungen für die Gemeinden? Hybride Bildung zum Beispiel sei dienlich, Virtuelle Tools sollten von Gemeinden stärker genutzt werden. Viele Gläubige hätten während des Lockdowns Gott wurde ins Netz ausgelagert. „Es entstanden Sofa-Gottesdienste mit guter Beteiligung. Gotteserfahrung nicht im Knien, sondern mit hochgelagerten Beinen“, skizziert Zulehner die neue medial vermittelte spirituelle Erfahrung. Gleichzeitig wünscht er sich die Kirchengemeinden als „Herbergen für Suchende“, verbunden mit gastfreundlichen, niederschwelligen Projekten und virtuellen Dienstleistungen. Sind die Kirchen systemrelevant? „Die Kirchen kreisen bei uns um sich und das Feiern von Gottesdiensten, statt um Gott und das Leben und Leiden der Menschen in der Covid-Zeit“, beschreibt ein Umfrageteilnehmender die aktuelle Situation. Zulehner geht es „nicht darum, die Angst wegzupredigen“, sondern darum, „gemeinsam zu lernen, in der Angst zu bestehen“. Denn Angst entsolidarisiere und mache nachweislich aggressiv. „Das Gegenmittel gegen diese toxische Angst ist nicht Sicherheit, sondern Vertrauen“, ist sich Zulehner sicher. „ Alles, was Vertrauen bildet und stärkt, gilt es, engagiert zu pflegen.“ Zum Beispiel Begegnungen, soziale Freundschaften, Netzwerke, und Kommunikation. Er erhofft sich eine „Wende von einer moralisierenden Pastoral hin zu einer therapeutischen Pastoral“. Das heißt: darauf vertrauen zu können, dass Gott nicht verurteilt, sondern die Wunden heilt und die Liebe stärker ist als jeder Tod. „Sie hat das letzte Wort!“
Ihr
Gunnar Bach
