Allgemeine Berichte | 04.02.2020

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz

„Die Erinnerung darf nicht enden“

„Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“

Kulturdezernentin Theis-Scholz verlas vor den zahlreichen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung die „Opfer“-Biografien.Fotos: BSB

Koblenz. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Seit 1996 ist dieser Tag ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Auch die Stadt Koblenz hatte gemeinsam mit dem Förderverein Mahnmal, der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit und dem „Freundschaftskreis Koblenz-Petah Tikva“ zu einer Veranstaltung eingeladen, mit der sich erinnert wurde an die ehemaligen, vor allem jüdischen Nachbarn aus Koblenz und Umgebung, die dem Rassenhass Hitler-Deutschlands zum Opfer fielen.

Die würdevolle Gedenkfeier begann mit einer Statio am Reichensperger Platz, wo das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus eine stimmungsvolle Beleuchtung durch den Koblenzer Lichtdesigner Garry Krätz erhalten hatte. Die Lichtinstallation war Teil eines „Beleuchtungs-Flashmobs“, einer bundesweiten Aktion, an der mehr als einhundert Gedenkstätten, Initiativen und Vereine beteiligt waren. Die dem Anlass würdige musikalische Begleitung der Gedenkfeier übernahm Christoph Funke am Sopransaxofon. Schüler/innen der Hans-Zulliger-Schule, die sich bereits seit Jahren mit viel Engagement in die Gedenkarbeit einbringen, verlasen nacheinander kurze Texte, die anklagend und mahnend Fremdenhass, Antisemitismus und Gleichgültigkeit thematisierten. Sie versprachen, sich dafür stark zu machen, dass „menschenverachtendes Gedankengut nicht verfange“, denn darauf vertrauen, dass der Holocaust der Vergangenheit angehört, wollten sie nicht.

Biografien von zwölf Juden aus Koblenz und Umgebung verlesen

Die Kulturdezernentin der Stadt Koblenz, PD Dr. Margit Theis-Scholz, begrüßte die zahlreichen Teilnehmer am Mahnmal und verlas die Biografien von zwölf Juden aus Koblenz und Umgebung, die durch den Terror des Nationalsozialismus unterdrückt, ausgebeutet und ermordet worden waren. Einer von ihnen war Heinz Kahn, der im März 1943 als 21-Jähriger zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert, 1945 dann in das KZ Buchenwald verschleppt wurde. Nach seiner Befreiung im April 1945 machte er Abitur, studierte und heiratete er. Seit 1987 war er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz. Am 9. Februar 2014 starb Heinz Kahn im Alter von 91 Jahren. Das Textblatt mit seinem Lebenslauf befestigten die Schüler zusammen mit den anderen Opferbiografien und weißen Rosen am rostigen Stahl des Mahnmals. Theis-Scholz nannte die in dieser Form demonstrierte Erinnerung die einzige Würde, die „wir den Opfern zurückgeben können, da wir das Geschehene nicht rückgängig machen können“.

Hernach zog die große Teilnehmergruppe weiter zur Gedenkstunde in die Citykirche. In ihrem Grußwort zitierte die Kulturdezernentin den einstigen Bundespräsidenten Roman Herzog, der den Gedenktag proklamiert hatte: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Nun rief sie die Erinnerung wach an die mehr als eine Million Menschen, die im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurden, die allermeisten, weil sie Juden waren. Aber auch andere Personengruppen, die vom nationalsozialistischen Menschenbild abwichen, wurden Opfer des Vernichtungswillens.

18 Millionen deutsche Männer, Soldaten, so Theis-Scholz, seien in der Zeit des Nationalsozialismus zerstörend, raubend und mordend durch Europa gezogen. Neben Obrigkeitshörigkeit trieben sie Abenteuerlust, Narzissmus, Gier und vielerlei andere Gründe an. In Anbetracht der begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verspüre sie keinerlei Bedürfnis, stolz auf die Leistung deutscher Soldaten zu sein. Ein dunkles Kapitel, in dem auch Koblenzer, die dem nationalsozialistischen Gedankengut zugewandt waren, zu Tätern wurden. Aber, so erwähnte sie, „es gab auch mutigen Widerstand und stille Held/innen“. Heute sind neuerlich rechtsradikale und andere menschenverachtende Äußerungen und Taten zu verzeichnen. Das sei eine Schande und nicht hinnehmbar. Aufklärungsarbeit und das Werben für Toleranz tue also weiterhin dringend not.

Als Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal ging Dr. Jürgen Schumacher auf das KZ Auschwitz-Birkenau und seine Befreiung, sowie beispielhaft auf das Schicksal der jüdischen Juristenfamilie Brasch ein, die ab Ende des 19. Jahrhunderts in Koblenz ansässig war. Selbstmord, Deportation, Ermordung, aber ebenso Flucht ins Ausland kennzeichnen ihr Schicksal, das Millionen andere Menschen in ähnlicher Form erleiden mussten. Erst viele Jahre nach dem Holocaust habe sich die Täternation Deutschland mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, beklagte Schumacher. Die Hoffnung, das Kapitel damit schließen zu können, schlug fehl. Auf dem gleichen Nährboden wie damals entwickelten sich mittlerweile Holocaust-Leugner zu Holocaust-Befürwortern, stellte Schumacher fest. Er sehe unsere Demokratie in ihrer Basis gefährdet. Die schlummernde Bestie Antisemitismus erhebe offensichtlich wieder ihr Haupt.

Mehrstimmig erhoben das Wort in der Citykirche nun Schüler/innen des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Hubert Huffer. Mit einer im Unterricht entstandenen Motette gaben sie wie Schlagzeilen einer Zeitung dem Damals und dem Heute eindringliche und bedrückende Inhalte: „Davon haben wir nichts gewusst“, „Davon wollen wir nichts wissen.“, „Muttersprache – Mördersprache“, „Was haben wir daraus gelernt?“ oder „Der Mensch ist des Menschen Wolf!“

In einem christlich-jüdischen, zum Teil auf Hebräisch gehaltenen Gebet gingen Superintendent Rolf Stahl (Evangelische Kirche), Dechant Thomas Hüsch (Katholische Kirche), Pfarrer Ralf Staymann (Altkatholische Kirche) und Christoph Simonis (Jüdische Kultusgemeinde) auf die Ausmaße des Holocaust, auf Opfergruppen und darauf ein, dass „wir vielen Menschen vieles noch nicht genug erklärt haben“. Und überhaupt: „Wo war Gott, als Menschen Menschen schändeten?“

Die Gedenkstunde wurde umrahmt mit stimmungsvollen Melodien, dargeboten von Werner Höss (Orgel) und Eleonore Ciupka (Flöte).

Noch bis einschließlich 16. Februar 2020 ist in der Citykirche die Ausstellung „Im Schatten von Auschwitz“ installiert. Es handelt sich hierbei um eine Ausstellung mit Fotografien von Mark Mühlhaus, die die eher unbekannten „Tatorte“ von damals zeigen, die Hunderttausenden Menschen den gewaltsamen Tod brachten. Parallel hat der Förderverein Mahnmal weitere Opferbiografien ausgehängt.

BSB

Die Biografien am Mahnmal sollen erinnern an Menschen aus Koblenz und der Region, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Die Biografien am Mahnmal sollen erinnern an Menschen aus Koblenz und der Region, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

„Die Erinnerung darf nicht enden“

„Die Erinnerung darf nicht enden“

Kulturdezernentin Theis-Scholz verlas vor den zahlreichen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung die „Opfer“-Biografien.Fotos: BSB

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