Motorjournalist Klaus Ridder besuchte Dr. Günter Gäb, dessen Vater den Nürburgring-Geschäftsführer fuhr
Die Resultate hat er noch alle im Kopf
Nürburg. Mit dem Verkauf von Programmen am Nürburgring hat Günther Gäb sein Taschengeld aufgebessert. 1940 wurde er in Nürburg geboren, war promovierter Klimaforscher und später Studienrat in Ahrweiler und kann sich noch genau an die ersten Rennen der Nachkriegszeit erinnern, einschließlich aller Resultate, die er noch im Kopf hat. Und die Rennfahrer aus dieser Zeit - er kannte sie alle.
Besuch in Argentinien
Der Argentinier Froilan Gonzalez wurde 1954 Zweiter beim Großen Preis von Deutschland. 2014 besuchte Dr. Günther Gäb den Südamerikaner in Argentinien, mittlerweile 90 Jahre alt, und bekam ein Poster mit persönlicher Widmung.
Der Vater von Günther Gäb fuhr als Chef den Geschäftsführer Alex Döhmer von 1926 bis zum Kriegsausbruch und kam so in Europa viel rum. Er konnte viel erzählen über die Großen Preise, ausgefahren in Monza, Monte Carlo, Spa, Donington oder Bremgarten. Interessant auch die Geschichten, wie Alex Döhmer Geschäftsführer des Nürburgrings und wie der Vater von Günther Gäb Cheffahrer wurde.
Geschäftsführer gesucht
„Alex Döhmer wurde 1903 geboren und heiratete die Kölnerin Leni Bachem, Tochter eines Verlegers. Vermögend. Alex Döhmer machte Führungen durch die Kölner Messe und kam so mit dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in Berührung. Das Thema kam auf den Bau des Nürburgrings in der Eifel“, erzählt Dr. Gäb. „Haben die schon einen Geschäftsführer?“ fragte Döhmer Oberbürgermeister Adenauer. „Der vermittelte ein Gespräch in das Innenministerium in Berlin - da hatten sich aber schon 2000 Aspiranten gemeldet. Mit der Fürsprache von Konrad Adenauer wurde Alex Döhmer genommen“, weiß Gäb.
Ein glücklicher Zufall
„Die Eifel war arm, und mein Vater hatte keine Arbeit, er machte aber den Führerschein und wurde als Lkw-Fahrer beim Bau der Rennstrecke eingesetzt. Major Döhmer, wie er genannt wurde, musste nach Düsseldorf und gab meinem Vater den Auftrag, ihn zu fahren. Die Fahrt verlief wohl zufriedenstellend. So wurde nach der Rückfahrt mein Vater gefragt, ob er nicht sein Fahrer werden wollte. Ein glücklicher Zufall - und so gab es bis zum Kriegsanfang eine harmonische Zusammenarbeit zwischen Chef und Cheffahrer. Auch in der russischen Kriegsgefangenschaft waren die Geschichten über viele Autorennen mit den Silberpfeilen gefragt. 1948 kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück“, blickt Dr. Gäb zurück.
In der Küche hängt ein Bild, gemalt von der „Hohen Acht“ aus mit der Streckenpassage Karussell im Vordergrund und der Nürburg im Hintergrund. Das Bild ist vom Maler Ernst Vollberg signiert und enthält die Unterschrift, dass es am Karussell gemalt wurde und im Hintergrund die Nürburg zu sehen ist. „Major Döhmer“ ließ von Vollberg wohl um die 50 Bilder malen. Sie wurden oft als Plakate verwendet oder auf der Umschlagseite von Rennprogrammen abgedruckt. Dr. Gäb ist stolz auf sein Original.
So nebenbei bemerkt Dr. Gäb, dass „Major Döhmer“ ein guter Chef war und die Menschen in der Eifel rund um den Nürburgring auch sehr zufrieden mit ihm waren. Einmal im Jahr ging „Major Döhmer“ zu Fuß um die Rennstrecke, eine Art Inspektionsspaziergang. Es kam ihm darauf an, dass die Zuschauer geschützt waren. Für die Fahrer konnte Döhmer nicht viel machen, aber die Zuschauer sollten sicher sein.
1949 sah Günther Gäb sein erstes Rennen, er war damals neun Jahre alt. Er wurde sogar dem Europameister von 1939, Hermann Lang, vorgestellt. 1951 fuhr Paul Pietsch, Vorkriegsrennfahrer und Verleger, mit seinem Alfa-Romeo-Rennwagen in der Nordkurve geradeaus - und dahinter ging es steil nach unten. Nach einiger Zeit kam Pietsch unverletzt und mit seinem Helm unter dem Arm aus den Büschen. An den Beifall kann sich Dr. Gäb noch erinnern. Das Rennen gewann übrigens der Italiener Alberto Ascari auf Alfa Romeo.
Mit vier Wagen am Start
Gut erinnert sich Dr. Gäb auch an den Großen Preis von Deutschland 1954. Mercedes war mit vier F1-Rennwagen am Start mit den Fahrern Juan Manuel Fangio, Karl Kling, Hans Herrmann und Hermann Lang. Erster Fahrer bei Ferrari war Froilan Gonzalez, bei Maserati war es Onofre Marimon. Onofre Marimon verunglückte im Training im Streckenabschnitt „Wehrseifen“ tödlich - sein Landsmann Gonzales wollte anfangs aus Trauer nicht starten.
Den Start gewann Froilan Gonzalez. Aber (fast) alle Aufnahmen zeigen Juan Manuel Fangio in Führung. Im Mercedes-Benz-Archiv, wo die Bilder vom Start zu finden sind, ließ einfach das Führungsauto weg. Gonzalez fuhr nur ein paar Runden - die Trauer um seinen Freund Marimon war so groß, dass er den Rennwagen an seinen Teamkollegen Mike Hawthorn übergab. Hawthorn brachte den Wagen als Zweiter ins Ziel. Das Rennen gewann Fangio.
Die heutigen Rennen sind für Dr. Günther Gäb nicht mehr so interessant. Es gibt zu viele Rennserien und zu viel Kommerz. Aber aus den „guten Zeiten“ der fünfziger Jahre, da hat er noch alle Fakten im Kopf.
Bilder gesucht
Autor Klaus Ridder sucht für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ weitere Zeitzeugen sowie Geschichten und Bilder aus alten Nürburgring-Tagen, hier besonders von dem ersten Nachkriegsrennen 1947. Kontakt: Klaus Ridder, Telefon (0049) 2241 1201863, Email: gefahrgutridder@t-online.de. Weitere Informationen online auf www.motorsportridder.de und www.klaus-ridder.de. Klaus Ridder
