Allgemeine Berichte | 08.08.2025

Was ist eigentlich der geschichtliche Hintergrund der Sinziger Kirmes?

Die Sinziger feiern wahrscheinlich seit 1241

Die Kirmes wandelte sich im Laufe der Jahre zu ihrer heutigen Form. Foto: ROB

„Seit wann feiern wir Sinziger eigentlich Kirmes?“ – Diese Frage, keck an einem der Bierstände oder an einer Theke während der hohen Feiertage gestellt, entfacht schnell eine muntere Diskussion. Eine kleine Überraschung brachte sie bereits im Jubiläumsjahr „750 Jahre Stadtrechte“ 2017 zutage: Die Sinziger feiern historisch gesehen wohl schon länger Kirmes, als sie die Stadtrechte besitzen.

Die Sinziger Kirmes ist eines der größten und traditionsreichsten Volksfeste in der weiteren Umgebung. Zumindest bis ins Jahr 1310 lässt sich ihre Geschichte zurückverfolgen. Doch nach neueren Erkenntnissen, die insbesondere mit der Kirchweihe von Sinzigs Wahrzeichen, der Pfarrkirche St. Peter, zusammenhängen, feiern die Sinziger möglicherweise bereits seit dem Jahr 1241 ihre Kirmes. Mittlerweile spricht vieles für die These von 1241.

Für die Bewohner der Barbarossastadt sind die Kirmestage trotz vielfältigen gesellschaftlichen Wandels immer noch „hohe Feiertage“. Kein Wunder, denn die Kirmes in Sinzig gehört zu den ältesten der Region. Seit dem Jahr 1310, also seit nunmehr 715 Jahren, wird um Mariä Himmelfahrt in der Barbarossastadt „Jahrmarkt“ gefeiert.

Termin mit Tradition

Um genau zu sein, lautet die offizielle Geschichte der Sinziger Kirmes wie folgt:

„Am 4. Januar 1310 gewährte Heinrich VII. der Reichsstadt Sinzig das Recht, drei Tage vor und drei Tage nach Mariä Himmelfahrt (15. August) einen Jahrmarkt abzuhalten. Die Kirmes, die jedes Jahr in Sinzig um diesen Termin traditionell gefeiert wird, lässt sich auf diese Verfügung König Heinrichs VII. zurückführen. Kaiser Ludwig der Bayer verlegte am 9. Februar 1335 diesen Jahrmarkt auf den Sankt-Martins-Tag mit Vor- und Nachtagen. In einer zweiten Urkunde vom selben Tag bestätigte er alle Privilegien Sinzigs und stellte die Besucher des Sinziger Jahrmarkts und deren Waren unter den Schutz des Reiches. Einen zweiten Jahrmarkt erhielt Sinzig 1373 von Herzog Wilhelm II. von Jülich – auf den Sonntag nach dem Dreikönigstag.“

So schildert es Wim Kossin in „Sinzig und seine Stadtteile“ aus dem Jahr 1983.

Schützen übernehmen Brauchtumspflege

Ein unverkennbarer Vorteil für Historiker: Man besitzt eben diese Urkunde Heinrichs VII., und der Jahrmarkt an Mariä Himmelfahrt passt zum heutigen Geschehen – ebenso wie die Tatsache, dass die Jusseps-Jonge, die im Jahr 1300 als „kirchliche Schutztruppe“ im Zuge des beginnenden Stadtmauerbaus gegründet wurden, bis heute die Brauchtumspflege bei der Kirmes übernehmen.

Doch in jüngster Zeit stellten sich die Heimatforscher wiederholt die Frage, wie die Urkunde aus dem Jahr 1310 in die Stadtgeschichte passt. Und wenn man die Gleichung Kirmes = Kirchweihe akzeptiert – wie passt dann Sinzigs Wahrzeichen, die Kirche St. Peter, zu diesem Bild, zu deren Füßen die Kirmes ja noch immer gefeiert wird?

Stephan Pauly, Vorsitzender des Kirchbauvereins von St. Peter, hatte bereits vor Jahren vorsichtig neueste historische Erkenntnisse weitergegeben. Im Jahr 2010 belegte Pauly an dieser Stelle auch die 1241-These detailliert. Denn in viel detektivischer Kleinarbeit hat man in Sinzig mehr über die Kirchweihe von St. Peter herausgefunden. Würde diese Weihe dem Patrozinium folgen, dann müssten die Sinziger ihre Kirmes eigentlich am 29. Juni – also gemeinsam mit dem Murrefest in Westum – feiern.

In Sinzig ist man sich inzwischen jedoch ziemlich sicher, dass die Weihe von St. Peter am 15. August 1241 durch Bischof Heinrich von Ösel stattfand. Und natürlich wird spekuliert, dass damit die eigentliche Kirmestradition begründet wurde.

Kirmes und Kirche

Damit käme dann jene Urkunde des Jahres 1310, die den Sinzigern die Kirmes offiziell verlieh, wohl nicht ganz aus dem luftleeren Raum. Sie könnte vielmehr eine königliche Absegnung für eine bereits bestehende Kirchweih-Kirmes darstellen. Die Kirmestraditionen gingen dann auch wunderschön auf die Weihe des Sinziger Wahrzeichens St. Peter zurück.

Den Kirmesbesuchern dürfte es letztlich relativ egal sein, ob die Kirmes 715 Jahre (1310) oder sogar 784 Jahre (1241) Tradition hat. Hauptsache, es wird gefeiert – und das schon richtig lange. BL

Die Kirmes wandelte sich im Laufe der Jahre zu ihrer heutigen Form. Foto: ROB

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