Bürgerstiftung Unkel, Willy Brandt-Forum
Die Summe seines Lebens
Willy Brandts Erinnerungen sind das Exponat des Monats
Unkel. Seine „Erinnerungen“ hat Willy Brandt in Unkel geschrieben, und deshalb ist der Schreibtisch, an dem es geschah, das zentrale Ausstellungsstück des Museums zur Zeitgeschichte „Willy-Brandt-Forum“. Angefangen hat es damit, dass er in seinem Abiturgesuch als Berufswunsch Journalist angab. Geschrieben hat er zeit seines Lebens, schon als Fünfzehnjähriger gegen Zeilenhonorar für den „Lübecker Volksboten“. Für Willy Brandt war Schreiben Leidenschaft, vielleicht auch Medizin. Krisen hat er schreibend bewältigt.
Seine erste Autobiografie legt er mit 47 Jahren vor, als er sich um die Kanzlerkandidatur bewirbt. „Mein Weg nach Berlin“ lautet der Titel des 1960 erschienenen Buchs mit dem Hinweis „aufgezeichnet von Leo Lania“. Brandt hatte also einen Ghostwriter, wie er überhaupt die Angewohnheit hatte, alles, was er veröffentlichte, einer dritten Person zu lesen zu geben.
Bericht über den Wahlsieg
Richtig los geht es, als er Kanzler geworden ist. „Über den Tag hinaus“ war ursprünglich als Bericht über den 1972er Wahlsieg geplant. Tatsächlich wurde daraus eine Bilanz der Inneren Reformen, in die der Blitz des Kanzlersturzes einschlug. Dieser verzögerte das Erscheinen des Buchs um wenige Monate, enthielt dafür aber die Schilderung der „Einunddreißig Tage“, die zum Rücktritt führten. Der Untertitel, den der gestürzte Kanzler dem Buch gab – Zwischenbilanz –, dürfte mit Bedacht gewählt worden sein.
Das dritte autobiografische Buch „Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960 – 1974“ erscheint zwei Jahre später und berichtet von den internationalen Aktivitäten Brandts. 1982 erscheint dann sein, nach dem Urteil von Richard von Weizsäcker, persönlichstes Buch „Links und frei. Mein Weg 1930 – 1950“.
Die Summe seines Lebens zog er schließlich in Unkel. Die „Erinnerungen“ entstanden in relativ kurzer Zeit, anderthalb Jahre. Das war möglich, weil er dieses eine Mal das Schreiben anstelle der aktiven Politik zu seiner Haupttätigkeit machte. Die Erinnerungen sollten die Motivation seines politischen Handelns erklären. Erst jetzt war es an der Zeit, Bilanz zu ziehen.
Bismarck und Bebel als Vorbilder
Im Hinblick auf schreibende Vorbilder lässt sich sagen, dass Brandt erstaunlicherweise schon als Schüler und Jungproletarier eine Verehrung für Bismarck entwickelte. Er beließ es nicht bei der Lektüre von dessen „Gedanken und Erinnerungen“, mehrfach soll er nach Hamburg zum Denkmal des Eisernen Kanzlers gefahren sein. Sein ganz anderer und nicht nur literarischer Orientierungspunkt war der Arbeiterkaiser August Bebel. Der hatte es schon in jungen Jahren mit seiner sozialistischen Bibel „Die Frau und der Sozialismus“ – sie brachte es zu Lebzeiten Bebels auf 53 Auflagen und wurde in 15 Sprachen übersetzt – zu Wohlstand gebracht. Was einmal mehr beweist: Jedes politische Genie ist ein literarisches Genie.
Pressemitteilung
Bürgerstiftung Unkel
