Allgemeine Berichte | 24.07.2021, 09:31 Uhr

Innenminister Roger Lewentz und Finanzministerin Doris Ahnen gaben einen Lagebericht

Die eingeleiteten Maßnahmen greifen immer stärker, auch wenn das nicht jeder Betroffene sofort merkt

200 Millionen Euro an Soforthilfe sollen schnell und unbürokratisch über die Kreisverwaltung ausgegeben werden – Freiwillige Helfer sollen keinesfalls mit eigenen Fahrzeugen in das Krisengebiet hineinfahren

Die rheinland-pfälzische Finanzministerin Doris Ahnen und Innenminister Roger Lewentz gaben gemeinsam einen Lagebericht zur Hochwasserkatastrophe im Ahrtal.  Foto: -JOST-
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von unserem Mitarbeiter Volker Jost

Kreis Ahrweiler. Die Schäden durch die Starkregenkatastrophe sind noch längst nicht beseitigt, da droht schon neues Ungemach. Für das Wochenende sind erneut starke Regenfälle vorhergesagt, die auch das Ahrtal treffen könnten. Örtlich könnten laut Deutschem Wetterdienst (DWD) Niederschläge zwischen 25 und 40 Liter pro Quadratmeter in kurzer Zeit fallen, vereinzelt seien auch Sturmböen und Hagel möglich. Allerdings dürfte laut DWD die Regenmenge meist unterhalb der Warnschwelle bleiben.

Dennoch bereitet sich der Krisenstab bereits intensiv vor, erklärte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitagnachmittag in einer Pressekonferenz. „Ich verstehe die Angst der Menschen absolut vor einer neuen Hochwasserwelle“, doch man beobachte die Meldesituation sehr aufmerksam und habe bereits alle Vorbereitungen getroffen, um den Schutz der Bevölkerung in dieser extrem schwierigen Situation zu gewährleisten. Dafür seien Rückzugsmöglichkeiten vorbereitet, mit denen die Menschen aus den bedrohten Gebieten in sichere Bereiche evakuiert werden könnten, auch wenn dies derzeit nur sehr theoretisch sei. Zusätzlich zu den bestehenden Notunterkünften werde hierfür eine weitere für 1000 Menschen in der Grafschaft vorbereitet. Der Transport mit Bussen sei vorgeplant.

Hindernisse aus dem Weg räumen

Dazu habe der Krisenstab Informationen vorbereitet, die mit Lautsprecherdurchsagen durch Einsatzfahrzeuge in den betroffenen Ortschaften kommuniziert werden sollen. Noch wisse man nicht, ob und wo genau es Probleme geben könne, man sei aber in der Lage, schnell zu reagieren. Und das in abgestufter Form, je nachdem, wie sich die Wettersituation aufbaue. Zwar ist der Innenminister überzeugt, dass es nicht so schlimm kommen werde. Dennoch sei man derzeit dabei, entlang der gesamten Ahr Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit dann, wenn es doch zu einem höheren Wasserpegel käme, keine Aufstausituationen entstehen. Große Schuttansammlungen würden entfernt und Engstellen wo Brücken beseitigt.

In der gesamten Region sind laut Lewentz derzeit mehr als 5000 Einsatzkräfte unterwegs, darunter 1600 Feuerwehrleute, 2000 Personen vom Technischen Hilfswerk (THW), 800 Sanitätskräfte und 1000 Polizisten. Neben der Bundeswehr seien mittlerweile auch Pioniere der US-Armee vor Ort und beteiligen sich mit schwerem Gerät vor allem am Brückenbau. Schließlich seien entlang der Ahr insgesamt 62 Brücken eingestürzt, die wieder aufgebaut werden müssten. Tag für Tag würden mehrere hundert Tonnen Hilfsgüter in die Krisenregion transportiert und vor Ort verteilt. „Es ist beeindruckend, mit welcher Kraft und Energie all diese Menschen hier in der Region helfen“, so der Innenminister. In seinen Dank schloss er auch die freiwilligen Helfer aus ganz Deutschland ein, die auf eigene Faust in der betroffenen Region helfen. Doch er bat inständig darum, nicht mit eigenen Fahrzeugen in das Katastrophengebiet hineinzufahren, sondern sich vielmehr an den verschiedenen Sammelpunkten zu treffen, von denen aus ein Shuttle-Service in das Ahrtal bereitstehe. „Wir können dann die Leute auch besser koordinieren und an die Stellen schicken, wo ihr Einsatz am dringendsten gebraucht wird.“

Organisation wird von Tag zu Tag besser

Die Organisation werde von Tag zu Tag besser, wobei man auch sehen müsse, dass noch nie zuvor so viele Kräfte über einen so langen Zeitraum und über ein so großes Gebiet geführt werden mussten. „Und diese Lage wird wohl noch sehr lange andauern“, war Lewentz überzeugt, dass so schnell keine Normalität im Ahrtal einkehren wird. In jedem Fall werde die hohe Präsenz von Hilfskräften auch für die nächste Zeit beibehalten, solange es erforderlich sei. Er selbst sei ebenfalls jeden Tag vor Ort, um sich kontinuierlich über die aktuelle Entwicklung zu informieren. Insgesamt gehe es recht gut voran, fand der Innenminister. Die Ver- und Entsorgungsunternehmen täten alles Menschenmögliche, um Strom, Wasser und Abwasser sowie die Telekommunikation möglichst bald wieder herzustellen.

Derzeit werde darüber nachgedacht, wie man die gigantischen Müllberge noch schneller aus dem Tal herausbringen könne. Leider gebe es nur wenig Zufallsmöglichkeiten und viel Verkehr, der die Wege mitunter verstopft. Leider würden auch viele Fahrzeuge gesehen, die eigentlich nichts hier zu suchen hätten, deshalb werde man demnächst rigorosere Regeln verhängen. Alles in allem zeigte sich der Innenminister jedoch zufrieden mit dem Fortschritt: „Die eingeleiteten Maßnahmen greifen immer stärker, auch wenn das nicht jeder Betroffene sofort in seinem Bereich feststellt“, machte der Innenminister den Geschädigten Mut.

40.000 Menschen von der Hochwasserkatastrophe betroffen

Alles in allem seien über 40.000 Menschen von der Hochwasserkatastrophe betroffen, 30.000 befänden sich immer noch im Krisengebiet, so Lewentz. Nach wie vor seien zahlreiche Hubschrauber aus ganz Deutschland im Einsatz, um Menschen in schwer zugänglichen Bereichen mit Hilfsgütern, Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. So erreichte erst eine Woche nach der Unwetterkatastrophe ein Trupp der Bergwacht Schwarzwald den Ort Kirchsahr, in dem die Bewohner auf sich gestellt waren und nun schnellstmöglich mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt werden sollen. An 30 Servicestellen in der Region werden die Menschen mittlerweile mit Hygienehinweisen versorgt und über Unterbringungsmöglichkeiten informiert. Zudem sollen 60.000 Litern Dieselkraftstoff bereitgestellt und über mobile Tankstellen verteilt werden.

Die Zahl der Todesopfer in der Region kletterte indes weiter auf nunmehr 132, von denen allerdings erst 66 identifiziert seien. Außerdem vermisse man noch 149 Personen. Die Suche nach den Vermissten werde fortgesetzt, betonte Lewentz, wobei er allerdings auch befürchtete, dass nicht alle Opfer der Katastrophe auch gefunden werden könnten. „Wir haben uns jedoch fest vorgenommen, alles dafür zu tun, dass wir den Menschen Gewissheit über ihre Angehörigen geben können“, deshalb werde jeder Fall werde akribisch untersucht und von der Polizei abgearbeitet. Der Innenminister hoffte, dass auch Menschen als vermisst gemeldet seien, die beispielsweise noch im Urlaub weilten und sich bislang nicht effektiv zurückgemeldet hätten.

10 Millionen Euro an Spenden eingegangen

Finanzministerin Doris Ahnen (SPD) informierte über die geplanten Soforthilfen für die Hochwassergeschädigten. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung sei unglaublich groß, allein auf dem Konto der Landesregierung seien mittlerweile über zehn Millionen Euro eingegangen von mehr als 60.000 Einzelspendern. Parallel beschäftige sich die Landesregierung dem Thema der finanziellen Hilfen. Man könne die materielle Dimension der Katastrophe noch nicht korrekt bestimmen, aber je mehr man sehe, desto größer und erschreckender werde auch der finanzielle Aspekt der Katastrophe. Fürs erste habe sich das Land darauf konzentriert, die Soforthilfe zu organisieren.

Sowohl das Land wie auch der Bund stellt für die erste Soforthilfe 100 Millionen Euro zur Verfügung. Demnach könne jeder betroffene private Haushalt bis zu 3500 Euro an Soforthilfe erhalten, für Unternehmer gebe es sogar 5000 Euro je Betriebsstätte, auch für Freiberufler wie Ärzte, Anwälte oder Architekten. Die Auszahlung soll unbürokratisch über die Kreisverwaltungen abgewickelt werden, denn die wüssten am besten, wo das Geld gebraucht werde. Parallel gelte es, möglichst bald einen Eindruck über die konkrete Schadenssumme zu bekommen, um dann möglichst schnell in weitere Überlegungen einzusteigen, wie der Wiederaufbau organisiert und finanziert werden könne. Dazu hätten auch die anderen Bundesländer bereits ihre Unterstützung zugesagt, denn es handele sich um eine nationale Aufgabe. „Es ist unser großes Anliegen, alles dafür zu tun, die Not der Betroffene zu lindern und die Hilfe, die vor Ort benötigt wird, schnell zur Verfügung zu stellen“, versprach die Finanzministerin. -JOST-

 

Die rheinland-pfälzische Finanzministerin Doris Ahnen und Innenminister Roger Lewentz gaben gemeinsam einen Lagebericht zur Hochwasserkatastrophe im Ahrtal.  Foto: -JOST- Foto: Volker Jost

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