Beim dritten Tag des weiblichen Geschlechts in Dierdorf kam die Rhetoriktrainerin Katja Kerschgens zu Wort
Die perfekte Frau ist nur halb so gut
Dierdorf. „Du musst nicht perfekt sein, um richtig gut zu sein.“ Das war die Botschaft beim dritten Frauentag in Dierdorf, den die Gleichstellungsbeauftragte der Verbandsgemeinde, Andrea Frorath, mit der Landfrauen-Vorsitzenden Hella Holschbach und der Kleinmaischeider Erzieherin und Entspannungspädagogin Karin Gschiel auf die Beine gestellt hatte. Nachdem bei den vorherigen Veranstaltungen Frauen gezeigt hatten, wozu sie gestalterisch, künstlerisch und produzierend in der Lage sind, ging es diesmal mehr um die innere Einstellung. Dafür hatten die Organisatorinnen die Referentin Katja Kerschgens eingeladen. Die ist laut ihrer Visitenkarte „Rhetoriktrainerin mit einem Plan B“. Den entwickelte sie vor 25 Jahren nach der Diagnose MS zunächst für sich selbst und dann für ihre Zuhörer – auch in großen Hörsälen.
„Ihr eigener Lebensweg macht sie zur Wegweiserin“, formulierten es die Veranstalter in der Ankündigung. Darauf waren offensichtlich so viele Frauen gespannt, dass sich – an die Raumkapazität stoßend – über 70 Teilnehmerinnen für den dritten Frauentag anmeldeten, der wieder in der Alten Schule in Dierdorf stattfand.
Zur Stärkung gab es für die Frauen erst mal ein reichhaltiges Frühstücksbuffet, fachkundig gourmetfreundlich zusammengestellt von den Dierdorfer Landfrauen. Es folgte der Vortrag von Kerschgens: „Perfekt ist nur halb so gut. Frauen tappen oft in die Perfektionsfalle. Sie wollen oft alles besonders gut machen und halten sich damit extrem auf. Das ist ein Zeitfresser, wenn sie immer alles perfekt machen will. Ich will mit ein paar Belegen aufzeigen, dass wir oft zu perfekt sein wollen – und was dagegen getan werden kann. Zum Beispiel habe ich in meinen Rhetorikseminaren oft Frauen – aber auch Männer – mit Redeangst. Das kommt in den meisten Fällen vom Perfektionszwang.“
Unperfekt zu sein bedeute nicht gleichzeitig, weniger erfolgreich oder gar weniger glücklich zu sein. Im Gegenteil: „Das spart Zeit, das ist weniger Stress. Höchstens als Chirurg oder Ingenieur sollte jeder möglichst perfekt sein. Ansonsten reichen in der Regel 80 Prozent. Wer sich nicht so extrem unter Druck setzt, wird besser in dem, was er tut. Denn der Druck ist ein negativer Aspekt, der dazu führt, dass Menschen nicht das leisten können, was sie eigentlich leisten könnten. Mal einen kleinen Gang zurückschalten, mal locker werden, mal fünf gerade sein lassen – das ist am Ende viel zielführender.“
Noch während der Veranstaltung sagte eine Teilnehmerin zu Kerschgens: „Heute Morgen habe ich einen Kuchen abgeliefert, der war nicht so gelungen. Ich habe mich dafür entschuldigt.“ Das sei so eine typische Falle, in die Frauen sich treiben lassen, wenn sie nicht aufpassen. Wahrscheinlich habe niemand gemerkt, dass der Kuchen nicht perfekt war. Und geschmeckt hat er wahrscheinlich allen. Mit einer solchen Einstellung setzen sich Frauen unter Druck. Unperfekt zu werden, das sei ein Prozess für das ganze Leben. Wer es schafft, habe weniger Stress und lebe gesünder.
Grundsätzlich neigten Menschen dazu, einen schönen Schein von sich aufrechtzuerhalten. Das sei zum Beispiel bei den Facebook-Einträgen zu sehen: „Da werden nur Erfolge verkauft. Aber wer ein bisschen hinter die Kulissen schaut, stellt fest: Nein, da fehlt doch einiges. Da ist auch viel Unehrlichkeit dabei. So sind leider viele Menschen angelegt.“ Aber das tue ihnen nicht gut.“
„Wir wollten den Frauentag diesmal etwas anders machen“, sagt Veranstalterin Frorath. „Der Grundgedanke ist aber immer, etwas Gutes für die Frauen zu tun“, ergänzt Holschbach. Auf die Rhetoriktrainerin aus der Eifel kamen die Organisatorinnen, weil Frorath früher schon einen Kurs besucht hatte.
Bei den Landfrauen ist Kerschges schon seit Jahren bekannt. Niemand sollte sich also in der nächsten Zeit wundern, wenn ihm eine Frau begegnet, die sagt: „Ich bin nicht perfekt, aber ich bin doppelt so gut.“
Katja Kerschgens (vorn rechts) und die Veranstalterinnen Hella Holschbach, Andrea Frorath und Karin Gschiel (von links) freuten sich über das große Interesse von über 70 Teilnehmerinnen am dritten Frauentag in Dierdorf.
