Vortrags- und Musikabend im Zehnthaus zu Swisttal-Odendorf
Drei Instrumente erzählen ihre Geschichte
Swisttal-Odendorf. Die Bratschistin Gertrud Schmidt stellte im Zehnthaus zu Swisttal-Odendorf in einem Vortrags- und Musikabend die geschichtliche Entwicklung und besondere Spieltechnik der Viola d’amore vor.
Die Viola d’amore - ein Streichinstrument mit fünf bis sieben Spielsaiten und zusätzlichen Resonanzsaiten - wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelt und spielte insbesondere im Barock eine große Rolle. Obwohl es später aus der Mode kam und fast vergessen wurde, haben bis heute immer wieder Komponisten das Instrument in ihren Werken bedacht und Musiker seinen lieblichen, intimen Klang geschätzt und es so bis in unsere Zeit gerettet.
Eine Reise durch die Geschichte der Viola d’amore
Die Musikerin schilderte die Entwicklungsgeschichte aus der Sicht ihrer drei Instrumente, aus den Jahren 1720, 1772 und 1999 und ließ diese als Zeitzeugen und Hauptakteure auch durch ausgewählte Musikbeispiele zu Wort kommen. So schilderte sie, wie nach dem Ende des 30-jährigen Krieges (1648) in Europa ein starkes Bedürfnis nach Kunst und Musik einsetzte, das die Gründung vieler bischöflicher und fürstlicher Hofkapellen begünstigte und die Entwicklung der Musikinstrumente beflügelte. Gertrud Schmidt ließ Christian Petzolds elegant-anmutige Partita ex F für Viola d’amore solo auf dem „Sophie“ genannten Instrument von 1720 sehr schön schlicht - alle Charakteristika der acht Tanzsätze klar herausarbeitend - erklingen. Die „Dr. Faustus“ genannte Viola d’amore von 1772 von Tomaso Eberle durfte in den Händen der Musikerin mit der temperamentvollen Sonate „La Chasse“ von Bernardo Lorenziti auch einmal ihre kräftige und selbstbewusste Seite zeigen.
Ein Instrument gerät in Vergessenheit
Das Musikleben veränderte sich im nächsten Jahrhundert, die Konzertsäle wurden größer und die Instrumente lauter, viele alte Instrumente verloren ihre Bedeutung, so auch die Viola d’amore.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erinnerte man sich wieder an das einst so geschätzte Instrument. Es war der Franzose Henri Casadesus, der Anfang des 20. Jahrhunderts 24 durch alle Tonarten deklinierte Solo-Préludes für die Viola d’amore schrieb, die ursprünglich als Etüden gedacht waren, jedoch wirkliche Kleinode der Literatur für dieses Instrument darstellen.
Gertrud Schmidt erfreute die Zuhörer auf der „Dr. Faustus“ mit der Nr. XVII in E-Dur, einer technisch vielseitigen und die Möglichkeiten des Instruments ausschöpfenden Komposition aus diesem Zyklus. Auch im Verlauf des 20. Jahrhunderts widmeten sich weiter namhafte Komponisten der Viola d’amore, wie zum Beispiel der Tscheche Leos Janacek, der es in einer Oper und einem Streichquartett bedachte.
Paul Hindemith entdeckte das Instrument für sich, da es so „unbeschreiblich süß und weich klinge“, bemerkte jedoch, dass es „heikel“ zu spielen sei und „für es nur eine ganz kleine Literatur bestehe“. Dem Problem der „ganz kleinen Literatur“ half Hindemith ab, indem er eine Sonate und ein Kammerkonzert komponierte.
Der weltweit einzige Professor für Viola d’amore in Novosibirsk, Yuri Mazachenko, komponierte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Triptych „Castle Ruins“ für Viola d’amore.
Die Zuhörer zeigten im Anschluss an den musikalischen Vortrag großes Interesse an der Bauweise und der besonderen Spielweise des Instruments mit einem konvexen Bogen alter Bauart, der mehr durch Schwung und Geschwindigkeit den Klang gestaltet, denn durch Gewichtsverlagerung. Gertrud Schmidt ging auf alle Fragen sehr gerne und kenntnisreich ein.
