EIN-Spruch: Die Krise des Staunens
Wann haben Sie eigentlich zuletzt über etwas gestaunt? Die Generation vor uns staunte über das Internet, frühere Generationen über das Auto, die Eisenbahn oder das Dampfschiff.
Vielleicht staunen wir allerdings seit fast 200 Jahren immer wieder über dasselbe – darüber nämlich, dass mehr Welt in unsere Reichweite rückt. Wir können immer schneller und weiter reisen, Menschen jederzeit kontaktieren und nahezu jedes Wissen in Sekunden abrufen. Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet diese Entwicklung als Vergrößerung unserer Weltreichweite.
Doch diese Erfolgsgeschichte hat eine Kehrseite. Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht werden kann, droht langweilig zu werden. Je mehr wir verfügbar machen, desto weniger kann uns überraschen. Das Außergewöhnliche erscheint täglich auf unseren Bildschirmen – und wird nach wenigen Sekunden weitergewischt. Unsere Zeit leidet weniger an einem Mangel an Sensationen, als vielmehr an einer Krise des Staunens.
Dass wir dennoch ein Gespür für das Unverfügbare besitzen, zeigt unsere Sehnsucht nach weißen Weihnachten. Die nächsten vier Monate können wir können wir täglich die Wetterdaten auswerten und Vorhersagen aktualisieren. Ob tatsächlich Schnee fällt, haben wir dennoch nicht in der Hand. Wir können ihn nur erhoffen und uns freuen, wenn er kommt.
Ein Schneefall mitten im Sommer würde vermutlich selbst uns noch staunen lassen. Genau davon erzählt ein alter kirchlicher Festtag. Hand aufs Herz: Hätten Sie gewusst, dass die Kirche am 5. August an die Weihe der römischen Basilika Santa Maria Maggiore erinnert? Hören Sie jetzt aber bitte nicht auf zu lesen!
Einer Legende zufolge erschien Maria einem römischen Ehepaar und Papst Liberius im Traum. Dort, wo am nächsten Morgen Schnee liege, solle eine Kirche gebaut werden. Tatsächlich soll der Esquilinshügel mitten im römischen Sommer weiß gewesen sein. Der Papst zeichnete den Grundriss in den Schnee, das Ehepaar ermöglichte den Bau.
Dass die Legende ausgerechnet vom Schnee erzählt, ist wohl kein Zufall. Schnee gehört zu jenen Erfahrungen, die sich nicht herstellen lassen. Man kann auf ihn hoffen und sein Kommen erwarten – erzwingen kann man es nicht. Wenn er zur richtigen Zeit fällt, ist er deshalb mehr als ein bloßes Wetterereignis: Kinder laufen nach draußen, Erinnerungen werden wach. Etwas, das wir nicht erreichen können, erreicht hingegen uns.
Genau darin erkennt Hartmut Rosa eine Erfahrung von Resonanz: Die Welt steht uns nicht nur als etwas gegenüber, das wir planen, erklären und beherrschen. Sie kann uns auch berühren und dazu bringen, auf sie zu antworten.
Vielleicht erinnert uns das Fest von Santa Maria Maggiore deshalb daran, was Staunen eigentlich bedeutet. Es beginnt nicht dort, wo uns Wissen fehlt, sondern dort, wo wir die Welt trotz allen Wissens als nicht vollständig verfügbar erfahren. Seit Generationen versuchen wir, immer mehr Welt in unsere Reichweite zu bringen. Im Staunen kehrt sich diese Bewegung um: Nicht wir verfügen über die Welt – etwas in der Welt berührt uns und setzt uns in Bewegung.
Über Sebastian Wolter
Einspruch ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sebastian Walter ist Theologe und ehrenamtlich in der Pfarrei engagiert.
Sebastian Wolter. Foto: privat