Allgemeine Berichte | 03.08.2026

EIN-Spruch: Die Krise des Staunens

Sebastian Wolter.  Foto: privat

Wann haben Sie eigentlich zuletzt über etwas gestaunt? Die Generation vor uns staunte über das Internet, frühere Generationen über das Auto, die Eisenbahn oder das Dampfschiff.

Vielleicht staunen wir allerdings seit fast 200 Jahren immer wieder über dasselbe – darüber nämlich, dass mehr Welt in unsere Reichweite rückt. Wir können immer schneller und weiter reisen, Menschen jederzeit kontaktieren und nahezu jedes Wissen in Sekunden abrufen. Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet diese Entwicklung als Vergrößerung unserer Weltreichweite.

Doch diese Erfolgsgeschichte hat eine Kehrseite. Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht werden kann, droht langweilig zu werden. Je mehr wir verfügbar machen, desto weniger kann uns überraschen. Das Außergewöhnliche erscheint täglich auf unseren Bildschirmen – und wird nach wenigen Sekunden weitergewischt. Unsere Zeit leidet weniger an einem Mangel an Sensationen, als vielmehr an einer Krise des Staunens.

Dass wir dennoch ein Gespür für das Unverfügbare besitzen, zeigt unsere Sehnsucht nach weißen Weihnachten. Die nächsten vier Monate können wir können wir täglich die Wetterdaten auswerten und Vorhersagen aktualisieren. Ob tatsächlich Schnee fällt, haben wir dennoch nicht in der Hand. Wir können ihn nur erhoffen und uns freuen, wenn er kommt.

Ein Schneefall mitten im Sommer würde vermutlich selbst uns noch staunen lassen. Genau davon erzählt ein alter kirchlicher Festtag. Hand aufs Herz: Hätten Sie gewusst, dass die Kirche am 5. August an die Weihe der römischen Basilika Santa Maria Maggiore erinnert? Hören Sie jetzt aber bitte nicht auf zu lesen!

Einer Legende zufolge erschien Maria einem römischen Ehepaar und Papst Liberius im Traum. Dort, wo am nächsten Morgen Schnee liege, solle eine Kirche gebaut werden. Tatsächlich soll der Esquilinshügel mitten im römischen Sommer weiß gewesen sein. Der Papst zeichnete den Grundriss in den Schnee, das Ehepaar ermöglichte den Bau.

Dass die Legende ausgerechnet vom Schnee erzählt, ist wohl kein Zufall. Schnee gehört zu jenen Erfahrungen, die sich nicht herstellen lassen. Man kann auf ihn hoffen und sein Kommen erwarten – erzwingen kann man es nicht. Wenn er zur richtigen Zeit fällt, ist er deshalb mehr als ein bloßes Wetterereignis: Kinder laufen nach draußen, Erinnerungen werden wach. Etwas, das wir nicht erreichen können, erreicht hingegen uns.

Genau darin erkennt Hartmut Rosa eine Erfahrung von Resonanz: Die Welt steht uns nicht nur als etwas gegenüber, das wir planen, erklären und beherrschen. Sie kann uns auch berühren und dazu bringen, auf sie zu antworten.

Vielleicht erinnert uns das Fest von Santa Maria Maggiore deshalb daran, was Staunen eigentlich bedeutet. Es beginnt nicht dort, wo uns Wissen fehlt, sondern dort, wo wir die Welt trotz allen Wissens als nicht vollständig verfügbar erfahren. Seit Generationen versuchen wir, immer mehr Welt in unsere Reichweite zu bringen. Im Staunen kehrt sich diese Bewegung um: Nicht wir verfügen über die Welt – etwas in der Welt berührt uns und setzt uns in Bewegung.

Über Sebastian Wolter

Einspruch ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sebastian Walter ist Theologe und ehrenamtlich in der Pfarrei engagiert.

Sebastian Wolter. Foto: privat

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Wir helfen im Trauerfall
Wir helfen im Trauerfall
Kleinanzeige Zaunbau
China Wellness Massage Andernach
Stellenanzeige Koch/Köchin, 2. Anzeige "2+1 Aktion"
Kirschbaumfest Oberlützingen
Rückseite
Dorffest in Bengen, 07. –  09.08.2026
Empfohlene Artikel
Zwölf Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Westum beim Jubiläumsfest, darunter Löschgruppenführer Tobias Michels (2. von rechts) sowie einige „Vorgänger“ (historischen Bild im Hintergrund).  Fotos: DU
12

Sinzig-Westum. Wenn eine Freiwillige Feuerwehr 100-jähriges Jubiläum hat, dann ist das viel mehr, als „nur“ ein bloßer Geburtstag. Es ist vor allem ein Jahrhundert im Zeichen selbstlosen, ehrenamtlichen Engagements für die Gesellschaft. Ob bei Feuer, Unfällen, Überschwemmungen, Brandwachen und vielem mehr – die Blauröcke sind ganzjährig und rund um die Uhr für die Sicherheit der Bevölkerung einsatzbereit.

Weiterlesen

Der Freundeskreis der Kapelle St. Josef Walporzheim versteht sich als offener Verein, der christliche Werte lebt und die Gemeinschaft im Dorf stärkt.  Foto: privat
14

Walporzheim. Der Freundeskreis der Kapelle St. Josef Walporzheim wurde im Jahr 2017 gegründet. Ziel des Vereins ist es, die Kapelle St. Josef als geistlichen Mittelpunkt des Dorfes zu erhalten und mit Leben zu füllen. Gleichzeitig setzt sich der Verein dafür ein, den gelebten Glauben in Walporzheim zu stärken und Menschen einen Ort der Begegnung und Gemeinschaft zu bieten. Darüber hinaus übernimmt der Freundeskreis die Betreuung und Pflege der Winzerkapelle im Heckenbachtal.

Weiterlesen

Die „Walking Shoes“ unterhielten ihr Publikum bestens.
17

Remagen. Und erneut machte der Verein „Lebendiger Marktplatz Remagen“ um Vorsitzende Steffi Oberhaus am Samstag seinem Namen alle Ehre. Zum 16. Mal lädt der Verein an allen Samstagen im August auf den Remagener Marktplatz ein. Und was dazu gehört, ist natürlich Musik. Und die gibt es seit 16 Jahren für jeden Geschmack und ohne Eintritt. Lediglich eine Hutsammlung gibt es, bei der jeder das geben kann, was er oder sie möchte.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Dieser Mann wird vermisst. Fotos: Kreispolizeibehörde Rhein-Sieg-Kreis
1498

Mann hinterließ einen Abschiedsbrief und verließ Wohnung mit unbekanntem Ziel

01.08.: 24-Jähriger aus Eitorf vermisst

Eitorf. Am Samstag (01. August) hat ein 24-jähiger Eitorfer gegen 23.00 Uhr seine Wohnung mit unbekanntem Ziel verlassen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief und sein Aufenthaltsort ist trotz umgehend eingeleiteter Fahndung bislang unbekannt.

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: Pixabay.com
726

Auch weiteren Taten sollen auf das Konto des Angeklagten gehen

Prozess in Koblenz: Mann lässt Kinderwagen mit Kind in fließenden Verkehr rollen

Mayen/Koblenz/Polch. Vor dem Landgericht Koblenz.muss sich ein 40-jähriger Mann wegen einer Reihe unterschiedlicher Straftaten verantworten, die unter anderem in Mayen, Polchh und Koblenz begangen wurde. Die Anklage umfasst unter anderem Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, räuberischen Diebstahl sowie einen fahrlässigen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Die Taten sollen sich in Koblenz, Polch und Mayen ereignet haben.

Weiterlesen