Allgemeine Berichte | 20.03.2026, 13:44 Uhr

EIN-Spruch: Vom Werden und Vergehen

Sebastian Walter.  Foto: privat
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In dem Moment, in dem ich diesen Artikel schreibe, stehen Wahlen in Ahrweiler an und der Frühling beginnt – es ist der 21. März. Ein Datum, das wir gern mit Aufbruch verbinden: Licht kehrt zurück, Knospen sprengen ihre Hüllen, das Leben meldet sich. Doch dieser Anfang ist nur die halbe Wahrheit. Denn jedes Werden trägt das Vergehen bereits in sich: der Frühling ist nicht nur Geburt – er ist auch das Sterben des Winters.

Die Natur kennt keine sentimentalen Übergänge. Was sie still vollzieht, zeigt sich lauter und sichtbarer in der politischen Gegenwart. Auch hier erleben wir das Werden und Vergehen von Macht. Menschen steigen auf, getragen von Erwartungen und Zuspruch. Doch in diesem Aufstieg liegt oft schon der Keim des Abstiegs. Sie verschwinden wieder – nicht selten durch die gleiche Öffentlichkeit, die sie zuvor nach oben getragen hat.

Diese Dynamik zeigt sich im Palmsonntag in besonderer Klarheit. Die Szene ist bekannt: Jesus zieht in Jerusalem ein, die Menge jubelt, ruft „Hosanna!“ Wenige Tage später ist es dieselbe Menge, die „Kreuzige ihn!“ schreit.

Das ist kein bloßer Stimmungswechsel, sondern es zeigt sich ein Muster: Zustimmung kann kippen – und die lautesten Befürworter werden nicht selten zu den schärfsten Gegnern. Begeisterung ist selten stabil und Loyalität oft gebunden an den Moment.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Tage zwischen Frühlingsbeginn, Wahlen und Palmsonntag: Dass Aufbruch und Abschied zusammengehören. Dass jeder Höhepunkt seinen Wendepunkt bereits in sich trägt. Und dass man dem Jubel misstrauen sollte – besonders dann, wenn er am lautesten ist.

Und vielleicht folgt daraus der unbequeme Einspruch: Wer heute laut bejubelt wird, sollte diesen Jubel hinterfragen. Und wer heute jubelt, sollte überlegen, wie schnell er bereit ist, morgen das Gegenteil zu fordern

Einspruch ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sebastian Walter ist Theologe und tätig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Pfarrei.

Sebastian Walter. Foto: privat

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