Allgemeine Berichte | 23.03.2021

40 Jahre Weltladen Remagen-Sinzig

ES GEHT! ANDERS. Warum fairer Handel wirkt.

Es geht! Anders. Mit der Fastenaktion lädt MISEREOR zu einer Neuausrichtung unserer Lebensweise ein.

P. Spiegel vor Ort in Brasilien. Foto: © Kopp MISEREOR)

Kreis Ahrweiler.

Sehr geehrter Herr Spiegel, warum haben Sie dieses Jahr das Motto „Es geht! Anders!“ gewählt?

Unsere Partner in Lateinamerika, Afrika und Asien berichten und erzählen immer wieder, dass „es anders geht“, dass es Alternativen gibt. Wir treffen Menschen, die sich der Ausbeutung ihrer Mitwelt entgegenstellen, indem sie beispielsweise ökologisch nachhaltige Formen der Landwirtschaft entwickeln und praktizieren oder sich durch unterschiedliche Bildungsformate für mehr soziale Gerechtigkeit und größere Chancengleichheit einsetzen. Im Beispielland der diesjährigen Fastenaktion Bolivien zeigen uns zwei Projektpartner exemplarisch, dass und wie es anders gehen kann. Die Sozialpastoral Caritas Reyes setzt gemeinsam mit beteiligten Familien durch Waldgärten andere, nachhaltige Formen der Landwirtschaft um und sichert so eine gesunde und vielfältigere Ernährung im Einklang mit der Natur. Unser Partner CEJIS unterstützt Indigene bei der Verteidigung und beim Schutz ihrer Territorien. Gemeinsam gehen sie andere Wege als die der Ausbeutung von Mensch, Natur und Ressourcen.

An wen richtet sich diese Aktion? Was kann/muss Politik ändern, was Kommunen und Verwaltungen, was jede*r Einzelne?

Papst Franziskus mahnt „die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“. Es gibt keinen Automatismus, Fragen der Ungleichheit und Ungerechtigkeit zugleich mit den großen Zukunftsfragen des Klimaschutz- und Erdsystemschutzes anzugehen. Ein Blockademechanismus kann nur aufgebrochen werden, wenn es starke Stimmen gibt, die zeigen, wie Zukunftsinvestitionen jetzt so gestalten werden können, dass sie zugleich die Gegenwartsängste, Verunsicherungen und soziale Schieflagen angehen. Auf politischer Ebene kann das bedeuten, nachhaltige Verhaltensweisen zu fördern, etwa in der Gestaltung von Rahmenbedingungen der Landwirtschaft, des Individual- und Güterverkehrs oder der Energieversorgung. Auf kommunaler Ebene lässt sich fragen, an welchen Kriterien Beschaffungen orientiert sind, wie gut Kinder und Jugendliche den öffentlichen Raum nutzen können, oder wie fußgänger*innen- und fahrradfreundlich Städte und Gemeinden gestaltet sind. Und im privaten Leben und Handeln eine*r jeden Einzelnen lässt sich beispielsweise schauen, welche Nahrungsmittel gegessen werden und unter welchen Umständen sie produziert wurden, welche Klimabilanz die eigene Mobilität hat oder wie man sich in der Nachbarschaft engagieren kann.

Was sind die Alternativen zum Weiter-So? Welche Regulierungsmöglichkeiten gibt es?

Misereor setzt sich aktuell im Rahmen der Initiative Lieferkettengesetz gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Akteuren und auch mit Unternehmen für ein Lieferkettengesetz ein, das menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten einfordert. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Rahmenbedingungen geändert werden können und müssen, um unser Produzieren, Handeln und Konsumieren sozial und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Denn neben den Bemühungen und Verhaltensänderungen, die jede*r Einzelne umsetzen kann, braucht es Strukturen, die nachhaltiges und verantwortliches Handeln erleichtern und teilweise sogar erst ermöglichen.

Und was wäre eigentlich, wenn die Natur vor Gericht klagen könnte?

Für mich ist an dieser Frage entscheidend, dass die Natur, die Schöpfung einen eigenen Wert hat. Sie ist einerseits schützenswert, weil sie menschliches Leben ermöglicht und fördert, doch ihr Wert erschöpft sich nicht allein darin. Die Schöpfung ist um ihrer selbst willen zu achten – wir sind ein Teil von ihr. Die biblischen Schöpfungstexte entwickeln Visionen, wie gelingendes Leben aussehen kann und vermitteln einen Sinn für Ungerechtigkeit. Sie wollen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit wachhalten.

GEPA wurde vor über 50 Jahren von Misereor, Brot für die Welt gegründet. War waren die Gründe damals?

Der wichtigste Grund war der Wunsch von (jungen) Leuten, dass sich das Welthandelssystem ändert: weg vom kolonialen Warenaustausch, hin zu einem fairen Handel. Sie begannen 1970 mit Hungermärschen, die die Gründung der „Aktion Dritte Welt Handel“ nach sich zog und zur Einrichtung der ersten Weltläden führte. 1973 gründeten wir mit unseren ökumenischen Partnern bereits einen wirtschaftlichen Arm des Vereins und 1975 daraus eine GmbH, die GEPA. Auch die Gründungen der ersten deutschen Weltläden und des Unternehmens El Puente stammen aus dieser Zeit.

Wir feiern 40 Jahre Weltladen Remagen-Sinzig – was hat sich in Bezug auf den fairen Handel seit 1981 gebessert, was nicht?

Ein gelingendes Fest wünsche ich ihnen. Es gibt heute viele und bessere Faire Produkte. Damit fehlen Entschuldigungen unfaire Produkte zu kaufen oder weiterzuverkaufen. Das gilt sowohl für den Geschmack, als auch die Qualitätsanforderungen für den europäischen Markt. Ohne das Wirken vieler in Weltläden - ebenso in Eine-Welt-Kreisen der Kirchen, in Fairtrade Towns und in einigen Unternehmen - wäre das Verständnis für fairen Konsum und die globalen Verknüpfungen auf unserem Planeten nicht so deutlich in das Bewusstsein der Menschen im globalen Norden gekommen. Doch der Faire Handel muss sich letztlich auch daran messen lassen, dass sich Handel tatsächlich umfassend wandelt. Und da gibt es noch viel zu tun.

Welche neuen Herausforderungen bestehen heute? Welche Folgen hat die Corona-Pandemie aktuell auf den fairen Handel?

Die COVID-19-Pandemie verschärft bestehende soziale und ökonomische Ungleichheiten sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene. Im Alltag bestehende Routinen des sozialen Miteinanders und des Wirtschaftens werden durch die ergriffenen Corona-Maßnahmen unterbrochen. Ungleichheiten, deren Verschärfung wir aktuell erleben, sind Folge einer imperialen Lebensweise, die zu einer ungleichen Arbeitsteilung, Beschleunigung, und Intransparenz in Lieferketten führt. Dabei werden die Kosten für Konsum und Produktion zu oft ausgelagert. Diese Prozesse gefährden die Erde als System und unser Zusammenleben als Menschen und zeigen unsere Verletzlichkeiten. Der Faire Handel ist ein Beitrag dazu, diese ausgelagerten Kosten einzubeziehen und abzubilden.

Konkret wird dies beispielsweise in der Bekämpfung ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse, die in Kinderarbeit eine ihrer schlimmsten Ausdrucksformen findet. Konkret wird dies ebenso im Beitrag des Fairen Handels für kleinbäuerliche Strukturen in einer Landwirtschaft, die oftmals zum Wohle weniger industrialisiert wird und uns unsere natürlichen Grundlagen – Boden, Wasser und Luft – entzieht.

Welche Bevölkerungsgruppen profitieren am meisten vom fairen Handel? Nennen Sie uns besonders beeindruckende Beispiele, wie es „Anders!“ geht.

Entwicklung ist ein Marathon, ein langer und komplexer Prozess. Wir begegnen immer wieder Partnern des Fairen Handels, die früher Förderungen von MISEREOR erhielten oder mit denen wir heute in Projekten zusammenarbeiten. Das gilt sowohl für den Zusammenschluss von Kaffeekooperativen in Guatemala und den größten Biogewürzproduzenten Indiens, als auch eine nepalesische Handwerkskooperative oder den philippinischen Genossenschaftsverband. Der faire Handel bleibt ein gemeinsames Ziel.

Das Interview wurde vom

Weltladen Remagen-Sinzig gefüht

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer MISEREOR. Foto: © Dicks MISEREOR)

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer MISEREOR. Foto: © Dicks MISEREOR) Foto: © Frank Dicks

P. Spiegel vor Ort in Brasilien. Foto: © Kopp MISEREOR)

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