Allgemeine Berichte | 30.08.2017

SPZ in Meckenheim mit neuem Angebot

„Echt stark“ macht Kinder in schwierigen Familiensituationen stark

(v.l.) Birte Send-Holm ,Anna Clasen, Alexandra Wischollek und Beate Schoenborn stellen ihr Projekt vor. CEW

Meckenheim. „Echt stark“ heißt die Gruppe, die Beate Schönborn und Birte Holm-Smend der Öffentlichkeit vorstellten. Einen Platz gefunden hat diese neue Gruppe in der Adolf-Kolping-Straße 2 in den Räumen des sozialpsychiatrischen Zentrums. Hilfen und Beratung können hier nicht mehr nur Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen erhalten, sondern auch Suchtkranke und vor allem ihre Kinder. Die modular aufgebaute Unterstützung ist ein Angebot, das sich auf die besonderen Probleme konzentriert, die Kinder von Suchtkranken sowie von psychisch Kranken gleichermaßen haben.

Bessere Vernetzung

Man habe sich mehr vernetzt, berichtete Birte Holm-Smend, weil auch in der Forschung und in der täglichen Praxis der Blick mehr und mehr ganzheitlich auf die Familien gerichtet wird, die Unterstützung benötigen. Während man früher die Schwierigkeiten der Kinder suchtkranker Eltern häufig auf andere Ursachen zurückgeführt hat, setzt man nun bei der familiären Situation an. Nachdem neuere Forschungen belegen, dass mehr als 60 Prozent der Kinder suchtkranker Eltern ebenfalls Suchtprobleme bekommen oder deutlich verhaltensauffällig sind, ist dies ein Erfolg versprechender Ansatz.

Das Angebot richtet sich an Kinder im Grundschulalter. Um die Gruppenarbeit sinnvoll mitgestalten zu können, ist eine wenigstens geringe Lesefertigkeit sinnvoll. Spielerisch wird innerhalb der Gruppe an den Problemen gearbeitet, die die Kinder gemeinsam haben. Ein großer Schritt in die richtige Richtung ist dabei, dass Kinder sich dessen bewusst werden, dass sie nicht schuld daran sind, wenn es Mama oder Papa nicht gut geht. Ein anderer wichtiger Faktor, den es zu überwinden gibt, ist die Tabuisierung des Themas innerhalb der Familie bzw. innerhalb der umgebenden Gesellschaft. Häufig genug geraten die Kinder in massive Loyalitätskonflikte, weil die Sucht eines oder beider Elternteile in keinem Fall in die Öffentlichkeit gelangen soll und sie zum Schweigen verpflichtet werden.

Im Rahmen der neuen Gruppe können die Kinder lernen, dass sie nicht die einzigen mit derartigen Familiengeheimnissen sind. Sie können miteinander reden und müssen sich nicht schämen, weil die anderen Kinder in der Gruppe schließlich die gleichen Probleme haben. Sie erfahren, dass ihre Situation nicht so exotisch ist, wie sie bisher dachten. Auch in anderen Haushalten mit suchtkranken Eltern übernehmen Kinder häufig die Elternrolle, weil der erkrankte Elternteil phasenweise nicht dazu in der Lage ist. Sie kochen, sie waschen, sie bemühen sich den Haushalt in Ordnung zu halten und versuchen oft zudem die Probleme der Eltern zu lösen.

Auflösung der sozialen Isolation

Der gemeinsame Austausch der Kinder untereinander löst sie aus ihrer sozialen Isolation, unter der sie meist zu leiden haben. Immer noch ist das Thema Alkoholsucht oder der Genuss von sogenannten weichen Drogen innerhalb der Gesellschaft eher im Bereich einer Gewohnheit angesiedelt, die man beliebig ändern könnte. Tatsächlich erzeugen Suchtmittel im Körper jedoch Vorgänge, die eine einfache Änderung des Konsumverhaltens aus Sicht des Süchtigen fast unmöglich macht. Aus diesem Grunde sprechen Mediziner und andere Fachleute bereits seit einigen Jahren von echten Krankheitsbildern bei Süchtigen.

Dass diese Krankheit nicht nur den Süchtigen selbst betrifft, zeigt sich deutlich in den Gruppenstunden. Wie weitere drei bis vier Millionen weitere betroffene Kinder in Deutschland erleben sie täglich, dass sich ihre Welt zu Hause deutlich von der Realität der meisten Altersgenossen unterscheidet. Innerhalb der Gruppe können Sie erleben, dass sie auch ein Recht auf Kindheit haben. Sie lernen, dass sie nicht für das Konsumverhalten ihrer Eltern oder dessen Folgen verantwortlich sind. In den zwölf bis 14 Treffen, die innerhalb eines Moduls vorgesehen sind, lernen sie in der Gruppenarbeit viel über ihre eigene Position innerhalb der Familie sowie über die Ursachen ihrer problematischen Situation. Der offene, altersgerechte Umgang und die kindgerechte Reflexion verschaffen den Kids mehr innere Sicherheit im Umgang mit ihrem oft schwierigen Alltag.

Der Caritasverband Rhein-Sieg e. V. und das sozialpsychiatrische Zentrum kooperieren bereits seit Herbst 2016 miteinander. Das Angebot richtet sich an alle Eltern mit Suchtproblemen und ihre Kinder aus dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis. Die Kontaktaufnahme zu den Betreuern der Gruppe ist per Telefon unter 0 22 25 / 99 97 60 oder unter der E-Mail-Adresse beate.schönborn@skm-rhein-sieg.de denkbar einfach. Hier werden je nach individueller Sachlage und persönlichem Bedarf Einzelgespräche, Gruppengespräche und auch Hausbesuche angeboten. Niemand ist gezwungen, an irgendwelchen Komplettmaßnahmen teilzunehmen. Ganz im Gegenteil möchte man den Betroffenen und vor allem ihren Kindern genauso helfen, wie es für Ihre persönliche Situation nützlich ist. Der Start des nächsten Moduls ist für den Herbst dieses Jahres vorgesehen. Auch nach der Beendigung eines Moduls lässt man die Menschen nicht mit ihrer Situation allein. Sofern weiterhin Unterstützungsbedarf gegeben ist, kann man diese auch in Einzelgesprächen weiterhin erhalten. Denkbar ist auch, dass Kinder zweimal an einem solchen Modul teilnehmen. Besonders sinnvoll ist dies, wenn sie bei der ersten Teilnahme noch recht jung waren.

In kindgerechter Atmosphäre tauschen sich die Grundschulkinder wortwörtlich spielend aus.

In kindgerechter Atmosphäre tauschen sich die Grundschulkinder wortwörtlich spielend aus. Foto: Chris Weber

(v.l.) Birte Send-Holm ,Anna Clasen, Alexandra Wischollek und Beate Schoenborn stellen ihr Projekt vor. Fotos: CEW Foto: Chris Weber

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