Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter des Weissen Rings im Kreis Mayen-Koblenz
Ehrenamtliche lassen Opfer von Straftaten nicht im Regen stehen
Stumme Opfer: Viele Täter kommen ungestraft davon
Kreis Mayen-Koblenz. Wenn Menschen Opfer von Betrügern werden, von Einbruch, oder Raub, häusliche Gewalt oder gar sexuellen Missbrauch erfahren, stellt das Erlebte zweifelsohne für die Betroffene eine große Belastung dar. Der Weisse Ring als größte Hilfsorganisation für Opfer von Straftaten jeglicher Art in Deutschland ist für diese Menschen daher Hauptanlaufstelle, um Hilfe in ihrer schwierigen Lebenssituation zu erhalten.
Udo Hönes, stellvertretender Leiter vom Weissen Ring im Kreis Mayen-Koblenz macht im Gespräch mit Blick aktuell deutlich , wie wichtig die Arbeit, der im Kreis 15 ehrenamtlich Aktiven für Betroffene und deren Angehörige ist. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt inbesondere auf Sexualstraftaten.
Wie Corona die Arbeit mit den Betroffenen beinflusste
Mit Beginn der Corona-Pandemie musste auf das wichtigste Instrument, den persönlichen Kontakt mit Betroffenen, weitestgehend verzichtet werden. Glücklicherweise hat die positive Entwicklung der Impfsituation dazu geführt, dass zunehmend vermehrt der direkte Kontakt zu den Opfern wieder ermöglicht wird. Gespräche via Computer-Bildschirm oder Telefon waren aufgrund verschärfter Schutzmaßnahmen jederzeit möglich, erschwerten die Arbeit für Ehrenamtliche des Weissen Rings und die Hilfesuchenden erheblich. Hönes erklärte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es für Kriminalitätsopfer generell eine Überwindung darstellt, sich an jemand fremden zu wenden. Wenn der Erstkontakt, in dem das Erlebte im Wesentlichen geschildert werden soll, am Telefon stattfindet, ist dies für die meisten Betroffenen weitaus schwieriger als auf persönlicher Ebene.
Wertvolle Informationen für die Arbeit und Hilfe des Weissen Rings und die nötige Empathie sind Auge in Auge mit den betreffenden Personen deutlich leichter zu transportieren. Zur Freude von Udo Hönes hat das Team in der Region den Spagat zwischen der zugewandten alltäglichen Arbeit und dem gesundheitlichen Selbstschutz für die Ehrenamtlichen sehr gut gemeistert. Die Kontaktbeschränkungen waren rückblickend betrachtet aus Sicht von Udo Hönes: „ein ziemlicher Einschnitt, auch eine unbefriedigende Situation für uns selbst“. Einen Einbruch der Fallzahlen im Kreis Mayen-Koblenz aufgrund der Pandemie kann Udo Hönes nicht feststellen.
Seit 45 Jahrenimmer ein offenes Ohr
Der 24. September in diesem Jahr datiert den 45. Geburtstag des Weissen Rings in Deutschland und macht vor allem eines deutlich, die Defizite von Staat und Politik.
„Ich kenne keine staatliche Organisation, die sich den Opfern annimmt, wie wir“, berichtet Hönes während des Interviews.
In den meisten Fällen braucht es nicht einmal finanzielle oder materielle Unterstützung. Oftmals ist es Zeit zum Zuhören, was für die Betroffenen eine große Stütze ist.
„Wir hören den Opfern zu und versuchen nicht zu bewerten. Ein offenes Ohr zu haben, für das was in den Menschen vor geht - ein Vertrauensverhältnis und Verständnis aufzubauen, gar ein Teil von Mitgefühl“, fasst Udo Hönes zusammen.
Häufig treten Opfer von Kriminalität aber auch deren Familienangehörige über die zentrale Rufnummer 116 006 in Kontakt mit dem Weissen Ring. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter setzen sich regelmäßig innerhalb eines Tages mit den Anrufern in Verbindung, beispielsweise um einen Termin zu vereinbaren oder das weitere Vorgehen zu besprechen.
„Unser Ziel ist es, den Leuten dabei zu helfen, ihre Situation zu erfassen, strukturierter zu denken und zu planen und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen“, berichtet Udo Hönes.
Die ehrenamtlichen Helfer des Weissen Rings unterstützen vielfältig Betroffene z. B. mit ihrem Wissen über Opferrechte und Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, durch emotionalen Beistand und Begleitung zur Polizei, Rechtsanwälten, bei Gerichtsverhandlungen oder Terminen bei Behörden bis hin zur Leistung von Fahrdiensten. In bestimmten Fällen kann der Weisse Ring mit einer Soforthilfe bis zu 300 Euro unterstützen, wenn Betroffene etwa durch Diebstahl oder Betrug in eine finanzielle Notlage geraten sind. Auch darüber hinausgehende finanzielle Hilfeleistungen können bei entsprechender Bedürftigkeit aufgrund einer Straftat gewährt werden.
Gerechtigkeit:Oft eine Tortur für die Opfer
Sehr viele Fälle, die dem Weissen Ring bekannt sind, werden gar nicht bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Offensichtlich stellt das Öffentlichmachen der Straftat für die Opfer selbst eine weitere große Hürde dar. Den genauen Tathergang in allen Einzelheiten gegenüber einem Polizeibeamten schildern und in einer späteren Verhandlung als Zeuge auftreten zu müssen, hält womöglich viele Betroffene davon ab. Selbst wenn sich ein Opfer dazu überwindet, den eigenen Fall der Justiz zu melden, muss dieses damit rechnen vor Gericht von den Verteidigern der Straftäter bisweilen sehr unangenehm angegangen zu werden. Im schlimmsten Fall kommt es dazu, miterleben zu müssen, wie der Täter straffrei und lachend den Gerichtssaal verlässt.
„Bei manchen Fällen fällt es einem schon ein bisschen schwer. Es beschäftigt einen schon noch tagelang, wenn die Situation doch ergreifender war, womit man sich beschäftigt hat“, erzählt Udo Hönes.
Um den nötigen Abstand und Neutralität waren zu können, eignen sich die Ehrenamtlichen über Seminare immer wieder neues Wissen an, das ihnen bei der schwierigen und teils belastenden Arbeit hilft.
„Wenn man merkt, dass man sich zu sehr hineinziehen lässt oder es einen zu sehr ergreift, dann unterbricht man das Gespräch kurz, um damit besser umgehen zu können“, berichtet Hönes.
Ohne Ehrenamtliche gehts nicht
Im gesamten Kreis Mayen-Koblenz engagieren sich derzeit 15 Ehrenamtliche, die aktiv Opfern von Straftaten aller Art helfen. Damit ist der Weisse Ring in der Region personell gesehen gut aufgestellt. In den letzten beiden Jahren konnten auch jüngere Mitstreiter gewonnen werden, die das Team weiter unterstützen. Wichtig ist dies vor allem, weil ältere Aktive mit zunehmendem Alter ausscheiden. Zum Aufbau einer guten Vertrauensbasis ist für die Arbeit des Vereins auch die Ausgewogenheit zwischen weiblichen und männlichen Aktiven von Bedeutung, damit die in der Regel als Zweierteams agierenden Helfer z. B. bei Delikten mit weiblichen Opfern Frauen als Ansprechpartner einsetzen können. In der Regel sucht das Team der Außenstelle Mayen-Koblenz auf Veranstaltungen, in Form von Zeitungsberichten oder im Umfeld von Betroffenen nach möglichem Nachwuchs für diese verantwortungsvolle Arbeit. Den Betroffenen durch ihre schwierige Situation zu helfen und diesen beizustehen ist für die Teammitglieder Ansporn und Motivation zugleich.
Arbeit, die Wirkung zeigt
Überall wo Mitglieder des Weissen Rings Opfer begleiten und unterstützen, werden diese positiv und auch ernst genommen. Laut Udo Hönes ist dies exemplarisch spürbar, wenn Vertreter des Vereins beim Besuch eines Opfers bei der Polizei anwesend sind. Die gute Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisation und Polizei zeigt sich auch darin, dass potenzielle Hilfesuchende bei den Ordnungshütern den Flyer des Weissen Rings erhalten. In diesem Zusammenhang ist es Udo Hönes wichtig, klarzustellen, dass der Verein ein Hilfsangebot für Kriminalitätsopfer bereitstellt, man jedoch keine zweite „Polizei“ ist. In erster Linie gehe es darum, den Betroffenen Möglichkeiten aufzuzeigen, welche Dinge aus Sicht der Ehrenamtlichen angeraten sind. Das Opfer müsse jedoch selbst die Entscheidung treffen. „Keiner wird zu irgendwas überredet“, so Hönes.
Es braucht mehr Psychologen und qualifizierte Anwälte
In ihrer täglichen Arbeit haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Weissen Rings gute Einblicke, wo es in Bezug auf die Hilfe für Betroffene noch Nachholbedarf gibt. Einerseits sind es die enorm langen Wartezeiten bei Psychotherapeuten und Psychologen, die Patienten manchmal Wochen und Monate abverlangen, um einen dringend benötigten Termin zu bekommen. Häufig ist der Verein in solchen Fällen in der Lage, akut Traumatisierten, die sofortige Hilfe benötigen, innerhalb von wenigen Stunden eine kurzfristige Behandlung bei einem Therapeuten oder in einer entsprechenden Einrichtung anzubieten.
Andererseits zeigen die Erfahrungen der Ehrenamtlichen, dass Empathie neben der juristischen Qualifikation bei Rechtsanwälten nicht selbstverständlich sind. Aus diesem Grund hat der Verein eine Liste mit zertifizierten und qualifizierten Opferanwälten eingeführt, um den Betroffenen die Suche nach fachkundlicher rechtlicher Unterstützung zu erleichtern.
Den Weissen Ring unterstützen
Die Arbeit des Weissen Rings wird ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Geldbußen und Vermächtnisse finanziert. Wer selbst bereit dazu ist, ein offenes Ohr für Opfer von Straftaten zu haben und diese an die Hand zu nehmen, kann sich Aktiv beim Verein einbringen. Menschenkenntnis, Empathie und der Wunsch anderen helfen zu wollen, sind dabei gute Grundvoraussetzungen. Eine umfassende Schulung und das weitere Lernen durch die fortlaufende Arbeit mit einem erfahrenen Mitglied ist unabdingbar für Neulinge. Meist schon nach kurzer Zeit stellt sich für jeden heraus, ob die direkte Arbeit mit den Opfern für den „Anwärter“ etwas ist, oder sich dieser womöglich besser im Hintergrund des Vereins auf andere Weise hilfreich einbringen kann. Besonders in Hinblick auf die steigende Tendenz der Fallzahlen in 2021 wäre es für das Team des Weissen Rings im Kreis Mayen-Koblenz sehr erfreulich, weitere engagierte Mitstreiter begrüßen zu dürfen. CF
