Runder Tisch gegen Gewalt
Ein Abend zum Aktionstag gegen Gewalt an Frauen
Neue Lieder und Gesprächsrunden
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Der Runde Tisch gegen Gewalt hat gemeinsam mit dem Weissen Ring, dem Kreis Ahrweiler und anderen Organisationen in das Evangelische Gemeindehaus in Bad Neuenahr zu einem Abend eingeladen, der dem Thema Gewalt gegen Frauen gewidmet war. Dabei handelt es sich keineswegs um ein gesellschaftliches Randproblem. Nach den jüngst veröffentlichten Zahlen des Bundeskriminalamts ist die Zahl der angezeigten Straftaten im vergangenen Jahr auf mehr als 114.000 gestiegen. 122 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Allein in Rheinland-Pfalz wurden etwa 10.000 Fälle registriert. Die Dunkelziffer liegt noch weitaus höher. Jede vierte Frau in Deutschland, und auch im Kreis Ahrweiler, hat persönliche Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Und: Gewalt gegen Frauen ist kein Problem von gesellschaftlichen Randgruppen, sie geschieht in allen sozialen Schichten in gleichem Maß. Die Veranstalter haben sich für diesen Abend ein außergewöhnliches Format ausgedacht. Die beiden Kölner Schauspielerinnen und Theatertherapeutinnen Ulrike Schwab de Ribaupierre und Maren Schlüter sangen zu den Melodien bekannter Hits von Lady Gaga, den Beatles, Steve Wonder und anderen neue Texte, die sich mit dem Thema häusliche Gewalt beschäftigten. Dabei ging es um Stalking – „Ich beobachte Dich ständig“, um Bedrohungen und Erniedrigung – „Erwische ich Dich mit einem Anderen ist das Dein Ende“ und um die Gefühle der betroffenen Kinder, die die Konflikte intensiv spüren, auch wenn sie sie aufgrund ihres Alters noch nicht verstehen und um ihr stilles Leiden.
Gesprächsrunden mit Experten
Unterbrochen wurden die Vorträge der beiden Künstlerinnen von Gesprächsrunden mit Experten aus verschiedenen Bereichen, die von Martina Gonser, bis vor kurzem für den SWR als Journalistin tätig, moderiert wurden. Im ersten Gespräch mit Rita Gilles, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Ahrweiler und Gerhard Mainzer, Außenstellenleiter des Weissen Rings in Ahrweiler, wurde der Frage nach gegangen, wie häusliche Gewalt entsteht und wie sie sich oftmals in einem schleichenden Prozess von Kontrolle und Beleidigungen zu massiver körperlicher Gewalt entwickelt. In der zweiten Runde erläuterte Petra Gasper, Opferschutzbeauftragte beim Polizeipräsidium Koblenz, das Procedere, wenn eine Frau Anzeige erstattet. Der Polizei kommt dabei neben den eigentlichen polizeilichen Maßnahmen, z.B. das Aussprechen eines Platzverweises, auch eine Art Lotsenfunktion bei der Information über bestehende Hilfsangebote zu. Doris Elsweiler vom Verein Frauen für Frauen sprach über die Rolle der Frauenhäuser, aber auch über die Probleme, mit denen diese Institution konfrontiert wird. Zu den Maßnahmen gegen häusliche Gewalt gehört auch die Beschäftigung mit den Tätern. Annette Pook vom Verein „Bewährungshilfe – contra häusliche Gewalt“ berichtete, dass es durchaus Männer gibt, die ihre Schuld einsehen und bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Dafür werden spezielle Trainingskurse mit einer Dauer von sechs bis neun Monate angeboten, die allerdings von Vielen vorzeitig abgebrochen werden.
Frauen sollen sich öffnen
Im abschließenden Gespräch erklärte Dr. Barbara Schlesinger, Gynäkologin am hiesigen Marienkrankenhaus, wie die ärztlichen Untersuchungen von misshandelten Frauen ablaufen. Das Verfahren kann für die Betroffenen sehr belastend sein, ist aber für das weitere Vorgehen entscheidend. Sie wies darauf hin, dass diese Aufgaben in der medizinischen Ausbildung nicht vorkommen und es jedem Arzt überlassen bleibt, sich durch eigene Fortbildungsmaßnahmen darauf vorzubereiten. Krankenhausseelsorgerin Dr. Jutta Mader berichtete davon, wie schwierig es in vielen Fällen ist, Frauen dazu zu bringen sich zu öffnen und über die Vorfälle zu sprechen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass den Frauen von ihrer persönlichen Umgebung häufig nicht geglaubt wird. Ein immer wieder zu hörender Standardspruch: „Dein Mann ist so ein netter Kerl, ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas tut.“ Dr. Frank Rost, der sich als Psychiater an der Dr. von Ehrenwall’schen Klinik mit den Problemen befasst, verwies darauf, dass seelische Verletzungen sehr viel langsamer heilen als körperliche Schädigungen. Deshalb verläuft eine zeitnahe Behandlung psychischer Probleme besonders erfolgreich. Dafür gibt es in seinem Haus das Angebot der Traumaambulanz.
Der Abend endete mit dem Appell, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüber betroffenen Frauen zu zeigen, nicht wegzuschauen, sondern auf Anzeichen zu achten, denn – wer wegschaut, macht mit.
Maren Schlüter (l.) und Ulrike Schwab de Ribaupierre (r.) schildern die Lage misshandelter Frauen mit neuen Texten zu den Melodien von Welthits.
