Neues Stadtarchiv im Historischen Rathaus eröffnet: Historische Dokumente aus mehr als acht Jahrhunderten stehen künftig für Forschung und Recherchen zur Verfügung
Ein Stück Andernacher Geschichte kehrt nach Hause zurück
Andernach. Ein bedeutendes Stück Stadtgeschichte hat seinen Weg zurück nach Andernach gefunden. Am vergangenen Freitag wurde das neu eingerichtete Stadtarchiv im Historischen Rathaus feierlich eröffnet. Nach mehr als sechs Jahrzehnten befindet sich der historische Archivbestand der Stadt wieder in ihrer Obhut. Rund 114 Regalmeter wertvoller Archivalien stehen damit künftig gemeinsam mit bereits restaurierten und erschlossenen jüngeren Beständen für die Öffentlichkeit zur Verfügung.
Die Eröffnung markiert einen wichtigen Schritt für die Bewahrung und Vermittlung der Andernacher Geschichte. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Rückkehr der historischen Unterlagen, die Arbeit am Aufbau des Stadtarchivs und die Frage, wie die alten Dokumente künftig für Bürgerinnen und Bürger, Wissenschaftler und historisch Interessierte zugänglich gemacht werden können.
Oberbürgermeister Christian Greiner begrüßte die Gäste im Großen Saal des Historischen Rathauses. Zu den weiteren Rednern gehörten die Leiterin der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Dr. Beate Dorfey, sowie Bürgermeister Claus Peitz. Stadtarchivar Peter Bergmann-Franke gab anschließend einen Einblick in die Entstehung des neuen Archivs und stellte dessen Bestände vor.
Besonders bemerkenswert ist die Geschichte der zurückgekehrten Unterlagen. Im Jahr 1963 waren die historischen Bestände an das damalige Landeshauptarchiv Koblenz abgegeben worden. Nach 63 Jahren sind sie nun wieder dauerhaft in Andernach angekommen. Die Rückführung erfolgte im Zusammenhang mit der Neugründung des Stadtarchivs und der damit verbundenen Schaffung einer dauerhaften Perspektive für die historischen Quellen.
Der Bestand reicht vom frühen 12. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Er umfasst unter anderem Urkunden, Amtsbücher und Akten. Diese Dokumente erzählen von der politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt. Sie geben Einblicke in Entscheidungen früherer Generationen, in das Leben der Menschen und in die Veränderungen, die Andernach über Jahrhunderte geprägt haben. „Wir haben 1953 Urkunden, 4984 Bücher und 149 Plakate auf 119 Regalmeter aufgearbeitet und dokumentiert. Highlights unter anderem ein Rotulus, eine aneinandergeheftete Papierrolle mit Urkunden von 4,40 Meter Länge, die Rechnungen vom Bau den Runden Turmes oder die Rechnungen und Einnahmedokumentation des Alten Krahn,“ so Dr. Beate Dorfey
Für die Stadt ist die Rückkehr deshalb mehr als eine organisatorische Veränderung. Mit den historischen Unterlagen erhält Andernach einen wichtigen Teil ihrer eigenen schriftlichen Überlieferung zurück.
Was für Besucher zunächst wie eine Sammlung alter Papiere erscheinen mag, ist für die historische Forschung von unschätzbarem Wert. In den Beständen können sich Hinweise auf längst vergangene Ereignisse, frühere Verwaltungsentscheidungen, wirtschaftliche Beziehungen oder das alltägliche Leben in der Stadt finden.
Dass solche Quellen erhalten, geordnet und nutzbar gemacht werden, gehört zu den zentralen Aufgaben eines Stadtarchivs. Auch die jüngeren Unterlagen der Stadtverwaltung und ausgewähltes Sammlungsgut sollen in Andernach dauerhaft gesichert werden. Bereits seit mehreren Jahren wird am Aufbau eines modernen Archivs gearbeitet. Erste Überlegungen hierzu gab es im Jahr 2016, seit 2019 befindet sich das Stadtarchiv im Aufbau.
Stadtarchivar Peter Bergmann-Franke und sein Team übernehmen dabei eine Aufgabe, die viel Geduld und fachliches Wissen erfordert. Archivalien müssen gesichtet, bewertet, geordnet und erschlossen werden. Hinzu kommen die fachgerechte Lagerung und, wenn erforderlich, die Restaurierung beschädigter Dokumente. Erst durch diese Arbeit werden historische Quellen für die gezielte Recherche auffindbar.
Ein Beispiel für die Bedeutung dieser Arbeit lieferte bereits ein Restaurierungsprojekt, das sich mit einem Aktenteilbestand des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beschäftigte. Solche Unterlagen machen deutlich, dass Geschichte nicht nur in prächtigen Urkunden steckt, sondern auch in den alltäglichen Akten der Verwaltung.
Mit der Eröffnung wurde auch der neue Benutzerraum des Stadtarchivs vorgestellt. Er soll künftig als Anlaufstelle für alle dienen, die sich mit der Geschichte Andernachs beschäftigen möchten. Dazu gehören Heimatforscher und Familienforscher ebenso wie Schülerinnen und Schüler, Studierende, Wissenschaftler oder Bürger, die mehr über die Vergangenheit ihrer Stadt erfahren möchten. Die Nutzung historischer Quellen ist dabei nicht allein auf wissenschaftliche Arbeiten beschränkt. Wer beispielsweise die Geschichte eines Hauses, einer Familie oder eines früheren Betriebs erforschen möchte, kann in Archiven wichtige Hinweise finden. Auch für die stadtgeschichtliche Bildungsarbeit und spätere Ausstellungen bieten die Bestände eine wertvolle Grundlage.
„Die Stadt Andernach versteht ihr Archiv entsprechend nicht nur als Aufbewahrungsort, sondern auch als Ort der Vermittlung. Ausgewählte Archivalien können der Öffentlichkeit in Ausstellungen, Veröffentlichungen oder bei Veranstaltungen nähergebracht werden,“ so Bürgermeister Claus Peitz.
Einen ersten Eindruck von der Vielfalt der Bestände erhielten die Gäste bei der Eröffnung anhand ausgewählter Ausstellungsstücke. Einige Urkundenschätze wurden in Vitrinen präsentiert und machten die historische Dimension des neuen Archivs unmittelbar sichtbar.
Die alten Schriftstücke stehen dabei stellvertretend für eine Überlieferung, die weit über die Lebensspanne einzelner Generationen hinausreicht. Ihre Bewahrung ist mit besonderen Anforderungen verbunden. Papier, Pergament und andere historische Materialien benötigen geeignete Lagerbedingungen und einen sorgfältigen Umgang.
Auch die musikalische Umrahmung verlieh der Veranstaltung einen festlichen Charakter. Am Klavier begleitete Milica Vickovic-Reffgen, Dozentin an der Kreismusikschule, die Eröffnung.
Die Rückkehr der Bestände wurde durch die Zusammenarbeit der Stadt Andernach mit der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz und dem Landeshauptarchiv Koblenz ermöglicht. Die Stadt bedankte sich ausdrücklich für die jahrzehntelange fachkundige Betreuung und Verwahrung der historischen Unterlagen sowie für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bei deren Rückführung.
Für Andernach beginnt mit der Eröffnung nun ein neuer Abschnitt. Die historischen Dokumente sind wieder am Ort ihrer Entstehung angekommen und können künftig stärker in das kulturelle Leben der Stadt eingebunden werden.
Das neue Stadtarchiv soll damit zu einem wichtigen Gedächtnis Andernachs werden. Es bewahrt die Vergangenheit, macht sie erforschbar und schafft zugleich die Grundlage dafür, dass auch die Gegenwart für kommende Generationen dokumentiert bleibt. WAM
Einige Urkundenschätze wurden in Vitrinen präsentiert und machten die historische Dimension des neuen Archivs unmittelbar sichtbar.
Das rote Band zum neuen Stadtarchiv im Historischen Rathaus wurde durchschnitten.Fotos: WAMFO.DE