Allgemeine Berichte | 15.07.2019, 13:46 Uhr

Ausflug des Vorstands Förderverein Zukunft Lantershofen e.V.

Ein Zeugnis der Geschichte

Mitglieder besuchten die ehemalige Synagoge in Niederzissen

Wie die ehemalige Synagoge in Niederzissen gerettet werden konnte, erfuhr die Gruppe aus Lantershofen vom Vorsitzenden des örtlichen Kultur- und Heimatvereins, Richard Keuler (3. v. r.). Foto: privat
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Lantershofen. Der Vorstand des Fördervereins Zukunft Lantershofen e.V. besuchte im Rahmen seiner jährlichen Exkursion die ehemalige Synagoge Niederzissen. Die Führung wurde vom Vorsitzenden des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen e.V., Richard Keuler, und dessen Frau durchgeführt.

Keuler nahm seine Gäste in die jüngste Niederzissener Zeitgeschichte mit. Er berichtete von einer großen jüdischen Gemeinde, die im Jahre 1808 bereits 181 Mitglieder zählte. Die französischen Reformen führten zu Eintragungen im neu geschaffenen Personenstandsregister, einhergehend mit der Annahme neuer Namen durch die jüdischen Mitbürger. In der preußischen Ära konnte sich die Gemeinde weiter entfalten, allein es fehlte an einem Gebetshaus. 1838 erwarb die jüdische Gemeinde schließlich ein Grundstück, auf dem eine Synagoge erbaut und am 3. September 1841 vom Oberrabbiner Dr. Aaron Auerbach aus Bonn feierlich eingeweiht werden konnte. Zu dem Synagogengrundstück gehörte ein Fachwerkhaus, hinter dem sich die Mikwe, das jüdische Ritualbad, befand. Auf einem Ortsplan von 1890 wird der Bereich bereits als „Judengässchen“ bezeichnet; die umliegenden Häuser wurden allesamt von Juden bewohnt. Am 10. November 1938 wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Pogrome die Tür der Synagoge mit Äxten eingeschlagen und das Inventar zertrümmert. Anschließend wurde alles, auch Thorarollen und Gebetbücher, auf die Straße geworfen. Wegen der dichten Bebauung um die Synagoge wurde das Gebäude nicht angezündet. 1939 wurde die Synagoge an einen Privatmann verkauft, der darin eine Schmiede einrichtete. Dieser Kaufvertrag wurde Anfang der 50er-Jahre nach bundesrepublikanischem Recht noch einmal neu aufgesetzt. Die Schmiede, die nach und nach zu einer Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen und Gerät mutierte, bestand bis Ende des 20. Jahrhunderts. Das ehemalige Synagogengebäude befand sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem sehr heruntergekommenen Zustand. Das ehemals mit Schiefer gedeckte Dach bestand nun aus Eternitplatten, ein Anbau war nach 1945 angefügt worden. Die an der Südseite gebrochene Einfahrt mit einem Eisentor ließ das ehemalige Portal der Synagoge nicht mehr erahnen. Die darüber sich befindlichen drei Fenster wurden ebenfalls nach 1945 in ihrer Höhe verkleinert.

Am 9. November 2009 beschloss der Gemeinderat Niederzissen den Kauf des Synagogengebäudes, und im Februar 2010 erfolgte die Zusage der Kulturstiftung des Landes Rheinland-Pfalz, ein Drittel der Kosten des Ankaufs zu übernehmen. Das Gebäude wurde 2011 mit Finanzierungszusagen von über 90 Prozent der Kosten restauriert und der äußere Zustand vor der Einrichtung der Schmiede wiederhergestellt. Die Farbigkeit im Innern, bis hin zu den Ornamentbändern, erfolgte aufgrund der Befunde eines Restaurators nach historischem Vorbild. Am 18. März 2012 wurde die ehemalige Synagoge als Erinnerungs- und Begegnungsstätte wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im ehemaligen Werkstattanbau (der Schmiede) entstand nach modernen Gesichtspunkten ein jüdisches Museum. Unter anderem werden hier die auf dem Dachboden gefundenen Gegenstände ausgestellt und geben Einblick in den „Alltag“ und „Werktag“ jüdischen Lebens und in jüdische Fest- und Gedenktage. In anrührender und kundiger Weise konnte Keuler von den Schicksalen vieler jüdischer Bürger erzählen, aber auch von den Bemühungen einer Spurensuche seitens der Überlebenden des Holocausts und deren Nachfahren mit vielen unverhofften Begebenheiten und Ergebnissen. Die Gäste vom Förderverein Zukunft Lantershofen e.V. waren sich nach dem Besuch einig: Hier ist ein eindrucksvolles Monument deutscher Zeitgeschichte entstanden, das hohe Anerkennung verdient und in seiner Art unbedingt für die Nachwelt erhalten werden muß – nicht zuletzt als mahnendes Zeugnis einer Zeit, in der Willkür und Unrecht über Vernunft und menschliches Miteinander obsiegten.

Von der Vision zum Konzept

Ebenso anschaulich vermochte es Keuler darzulegen, wie sich aus einer Vision ein konkretes Konzept entwickelte, das mit großem Engagement und unglaublicher Hartnäckig- und Standfestigkeit in kleinen Schritten teilweise auch gegen Widerstände realisiert werden konnte, wobei natürlich auch finanzielle Aspekte nicht zu kurz kamen.

Gleich zu Beginn des Besuchs hatte Keuler, der in der Zeit von 2009 bis 2014 Ortsbürgermeister war, seinen Gästen die neu gestaltete Ortsmitte vorgestellt. Diese wird im Nordosten vom alten Schulgebäude begrenzt und verläuft nach Südwesten über den großen Markt- und Festplatz hin zum jenseits des Wirrbachs neu eingerichteten Mehrgenerationenspielplatz. Das Ufer des Wirrbachs ist in diesem Bereich kindergerecht umgestaltet. Das anfangs skeptisch beäugte Konzept hat sich allerdings bewährt; längst ist diese neue Mitte, die übrigens auch in der Sichtachse zur Synagoge angelegt wurde, ein beliebter Treffpunkt besonders jüngerer Familien mit kleinen Kindern und hat sich zu einem Kommunikationsmittelpunkt entwickelt. Ein Mittagessen in der Vulkanbrauerei in Mendig mit guten Gesprächen bildete den Abschluss der Exkursion, die bei den Teilnehmern großen Anklang fand.

Wie die ehemalige Synagoge in Niederzissen gerettet werden konnte, erfuhr die Gruppe aus Lantershofen vom Vorsitzenden des örtlichen Kultur- und Heimatvereins, Richard Keuler (3. v. r.). Foto: privat

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