Prof. Trabert berührte die Menschen in Montabaur
Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Gleichwürdigkeit
Montabaur.Bereits zum zweiten Mal sprach Trabert vor und mit seinen über 200 ZuhörerInnen in der Stadthalle Montabaur. Als Gast der Vortragsreihe Pioniere des sozial-ökologischen Wandels - Ermutigung für eine gesündere Zukunft“ von FAKT e.V. sprach er über seine Liebe zu den Menschen, seine Wut auf die Verhältnisse und seine Beharrlichkeit, sich nicht aufhalten zu lassen, wenn das System das Helfen erschwert. Prof. Dr. Gerhard Trabert, vielfach ausgezeichneter Sozialarbeiter, Sozialmediziner, Dozent und Buchautor, auch bekannt als „Arzt der Armen“, ist es ein Herzensanliegen, in allen Menschen das Bewusstsein zu wecken, nicht wegzuschauen, sondern zu handeln, wenn sie Ungerechtigkeit und Not sehen. Trabert spannte an diesem Abend einen weiten Bogen von den Zusammenhängen zwischen Armut und Gesundheit, der sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland bis hin zum wachsenden Faschismus in Deutschland, Europa und der Welt. Gerechtigkeit sei eines seiner großen Lebensthemen, das ihn immer wieder antreibe, sein Wissen und seine Kraft mit Menschen im In- und Ausland zu teilen. Die Löcher im sozialen Netz würden immer größer. 13 Millionen Menschen in Deutschland seien von Einkommensarmut betroffen, darunter 43 Prozent aller Alleinerziehenden, in der Regel Frauen, erklärte der Sozialmediziner. Gegen Kinderarmut, die immer mit Eltern- und Familienarmut zusammen gedacht werden müsse, werde in Deutschland noch viel zu wenig getan. Trabert forderte eine Umkehr der Debatte: „Natürlich haben wir das Geld“, sagte er. Wer über Armut rede, müsse auch über Reichtum reden. „Das ist keine Neiddiskussion, sondern eine Diskussion über die soziale Verantwortung, die gerade auch Menschen mit vielen Ressourcen haben“, betonte der Gründer des Hilfsvereins Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“. Neueste Untersuchungen zeigen, dass Krankheit der dritthäufigste Grund für Verschuldung ist. Arme können sich keine Brillen oder sogenannte IGEL-Leistungen - notwendige medizinische Untersuchungen, die von den Krankenkassen nicht mehr übernommen werden - leisten. Dadurch werden Krankheiten übersehen und/oder nicht behandelt. Kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund leiden besonders unter Stigmatisierung und verweigerter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. So sind bereits 31,3 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen psychisch auffällig. Er verdeutlichte eindrucksvoll die direkten Auswirkungen von Armut auf die Lebenszeit und die Heilungschancen bei Krankheiten. Wenn Menschen durch Krankheit, Trennung oder Arbeitsplatzverlust in Armut geraten, werden sie häufig zusätzlich ausgegrenzt, beschämt, diskriminiert und beschädigt.
In der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit, die er anhand von Zahlen und wissenschaftlichen Untersuchungen gründlich belegte, und den zunehmend verletzten Menschenrechten sah Trabert eine Mitursache für das Erstarken des Faschismus. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, wenn sich immer weniger Menschen ein Leben in Würde, mit gesunder Ernährung und medizinischer Versorgung leisten können, zweifeln und verzweifeln die Bürger an der überbürokratisierten Demokratie, so Trabert. Eine gefährliche Tendenz, die dazu führe, dass in der öffentlichen Diskussion die Ursachen bei den sozial Schwachen wie Sozialhilfeempfängern, Migranten oder chronisch Kranken gesucht würden. Vor 30 Jahren habe er alle bürokratischen Hürden genommen und als erster Arzt in Deutschland das Mainzer Modell für eine aufsuchende medizinische Versorgung nach dem Vorbild des Medical Streetwork gegründet, das er bei seinen zahlreichen Auslandseinsätzen kennengelernt habe. So brachte er medizinische Hilfe zu Menschen, die obdachlos leben und nicht in der Lage sind, dorthin zu gehen, wo es Medizin gibt. Trabert weiß, wovon er spricht, behandelt er doch seit Jahrzehnten ehrenamtlich mit seinem Team von mittlerweile 20 ÄrztInnen, Krankenschwestern und SozialarbeiterInnen des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“ Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind. „Wir brauchen eine Schulterschluss- und keine Ellenbogengesellschaft!“ Soziales, ehrenamtliches Engagement will er nicht als Kompensation für das Versagen der Politik verstanden wissen, auch wenn darin eine gewisse Gefahr liege. „Denn wenn die Tafeln, die Kleiderstuben, die vielen ehrenamtlichen HelferInnen die Löcher stopfen, scheint doch alles irgendwie zu funktionieren“. „Wir machen keine Almosenarbeit! Wir helfen Menschen in Not, die nicht in der Lage sind, ihre Menschenrechte selbst einzufordern“, sagt Gerhard Trabert. Er bleibt auf allen Ebenen am Ball: als Hochschullehrer, um angehende SozialarbeiterInnen und MedizinerInnen zu sensibilisieren, im direkten Einsatz als Arzt für Menschen im In- und Ausland, bei der Unterstützung des Aufbaus von Krankenhäusern und Ambulanzen und in der Politik, um für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit einzutreten. Folgerichtig kandidiert er derzeit, obwohl parteilos, bei den Europawahlen, um für die Werte zu kämpfen, auf denen sein unermüdliches Wirken beruht. Nach seinem eindrücklichen Vortrag nahm er sich auch hier in Montabaur die Zeit, die vielen Fragen seiner berührten ZuhörerInnen zu beantworten. Die nächste Veranstaltung von FAKT e.V. findet am 15. April mit Dr. Eckhard von Hirschhausen und dem Berliner Jazzpianisten Christoph Reuter zum Thema „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ statt. BA
