Allgemeine Berichte | 14.03.2024

Prof. Trabert berührte die Menschen in Montabaur

Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Gleichwürdigkeit

Heike Schönborn, Prof. Gerard Trabert und Afra Schmidt. Foto: Olaf Nitz

Montabaur.Bereits zum zweiten Mal sprach Trabert vor und mit seinen über 200 ZuhörerInnen in der Stadthalle Montabaur. Als Gast der Vortragsreihe Pioniere des sozial-ökologischen Wandels - Ermutigung für eine gesündere Zukunft“ von FAKT e.V. sprach er über seine Liebe zu den Menschen, seine Wut auf die Verhältnisse und seine Beharrlichkeit, sich nicht aufhalten zu lassen, wenn das System das Helfen erschwert. Prof. Dr. Gerhard Trabert, vielfach ausgezeichneter Sozialarbeiter, Sozialmediziner, Dozent und Buchautor, auch bekannt als „Arzt der Armen“, ist es ein Herzensanliegen, in allen Menschen das Bewusstsein zu wecken, nicht wegzuschauen, sondern zu handeln, wenn sie Ungerechtigkeit und Not sehen. Trabert spannte an diesem Abend einen weiten Bogen von den Zusammenhängen zwischen Armut und Gesundheit, der sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland bis hin zum wachsenden Faschismus in Deutschland, Europa und der Welt. Gerechtigkeit sei eines seiner großen Lebensthemen, das ihn immer wieder antreibe, sein Wissen und seine Kraft mit Menschen im In- und Ausland zu teilen. Die Löcher im sozialen Netz würden immer größer. 13 Millionen Menschen in Deutschland seien von Einkommensarmut betroffen, darunter 43 Prozent aller Alleinerziehenden, in der Regel Frauen, erklärte der Sozialmediziner. Gegen Kinderarmut, die immer mit Eltern- und Familienarmut zusammen gedacht werden müsse, werde in Deutschland noch viel zu wenig getan. Trabert forderte eine Umkehr der Debatte: „Natürlich haben wir das Geld“, sagte er. Wer über Armut rede, müsse auch über Reichtum reden. „Das ist keine Neiddiskussion, sondern eine Diskussion über die soziale Verantwortung, die gerade auch Menschen mit vielen Ressourcen haben“, betonte der Gründer des Hilfsvereins Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“. Neueste Untersuchungen zeigen, dass Krankheit der dritthäufigste Grund für Verschuldung ist. Arme können sich keine Brillen oder sogenannte IGEL-Leistungen - notwendige medizinische Untersuchungen, die von den Krankenkassen nicht mehr übernommen werden - leisten. Dadurch werden Krankheiten übersehen und/oder nicht behandelt. Kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund leiden besonders unter Stigmatisierung und verweigerter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. So sind bereits 31,3 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen psychisch auffällig. Er verdeutlichte eindrucksvoll die direkten Auswirkungen von Armut auf die Lebenszeit und die Heilungschancen bei Krankheiten. Wenn Menschen durch Krankheit, Trennung oder Arbeitsplatzverlust in Armut geraten, werden sie häufig zusätzlich ausgegrenzt, beschämt, diskriminiert und beschädigt.

In der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit, die er anhand von Zahlen und wissenschaftlichen Untersuchungen gründlich belegte, und den zunehmend verletzten Menschenrechten sah Trabert eine Mitursache für das Erstarken des Faschismus. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, wenn sich immer weniger Menschen ein Leben in Würde, mit gesunder Ernährung und medizinischer Versorgung leisten können, zweifeln und verzweifeln die Bürger an der überbürokratisierten Demokratie, so Trabert. Eine gefährliche Tendenz, die dazu führe, dass in der öffentlichen Diskussion die Ursachen bei den sozial Schwachen wie Sozialhilfeempfängern, Migranten oder chronisch Kranken gesucht würden. Vor 30 Jahren habe er alle bürokratischen Hürden genommen und als erster Arzt in Deutschland das Mainzer Modell für eine aufsuchende medizinische Versorgung nach dem Vorbild des Medical Streetwork gegründet, das er bei seinen zahlreichen Auslandseinsätzen kennengelernt habe. So brachte er medizinische Hilfe zu Menschen, die obdachlos leben und nicht in der Lage sind, dorthin zu gehen, wo es Medizin gibt. Trabert weiß, wovon er spricht, behandelt er doch seit Jahrzehnten ehrenamtlich mit seinem Team von mittlerweile 20 ÄrztInnen, Krankenschwestern und SozialarbeiterInnen des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“ Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind. „Wir brauchen eine Schulterschluss- und keine Ellenbogengesellschaft!“ Soziales, ehrenamtliches Engagement will er nicht als Kompensation für das Versagen der Politik verstanden wissen, auch wenn darin eine gewisse Gefahr liege. „Denn wenn die Tafeln, die Kleiderstuben, die vielen ehrenamtlichen HelferInnen die Löcher stopfen, scheint doch alles irgendwie zu funktionieren“. „Wir machen keine Almosenarbeit! Wir helfen Menschen in Not, die nicht in der Lage sind, ihre Menschenrechte selbst einzufordern“, sagt Gerhard Trabert. Er bleibt auf allen Ebenen am Ball: als Hochschullehrer, um angehende SozialarbeiterInnen und MedizinerInnen zu sensibilisieren, im direkten Einsatz als Arzt für Menschen im In- und Ausland, bei der Unterstützung des Aufbaus von Krankenhäusern und Ambulanzen und in der Politik, um für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit einzutreten. Folgerichtig kandidiert er derzeit, obwohl parteilos, bei den Europawahlen, um für die Werte zu kämpfen, auf denen sein unermüdliches Wirken beruht. Nach seinem eindrücklichen Vortrag nahm er sich auch hier in Montabaur die Zeit, die vielen Fragen seiner berührten ZuhörerInnen zu beantworten. Die nächste Veranstaltung von FAKT e.V. findet am 15. April mit Dr. Eckhard von Hirschhausen und dem Berliner Jazzpianisten Christoph Reuter zum Thema „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ statt. BA

Heike Schönborn, Prof. Gerard Trabert und Afra Schmidt. Foto: Olaf Nitz

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Bertram: Das ist mittlerweile der 4. Bus der von dieser Marke vollkommen ausbrennt. Des Weiteren berichte die Rhein Zeitung darüber, dass der VREM 37. Busse der ersten Generation vorsichtshalber außer betrieb...
  • Fabian F: Nichts Neues gefühlt ein Bus pro Woche
  • Sandra Sattler: Der Zustand der L330 zwischen. Nassau und Zimmerschied ist eine absolute Katastrophe- und das nicht erst seit gestern! Wir sind wohnhaft in Hömberg und werden seit vielen Jahren mit diversen Ausreden vom LBM vertröstet.
  • Janek: Wer die Strecke kennt, kann sich den Grund bereits denken … Der Straßenzustand ist dort so schlecht, dass er besonders für Motorradfahrer ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko darstellt. Dem verunglückten...
  • Siegfried Kowallek: Verwunderlich ist weiterhin, dass die SPD der Neuwieder CDU vorhält, gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss der Christdemokraten in Bund und Land im Hinblick auf die Partei Die Linke zu verstoßen. In insgesamt...
  • Siegfried Kowallek: Die Nennung von BSW und der Partei Die Linke im selben Kontext ist sachlich nicht gerechtfertigt und damit unredlich. Prominentester linker Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine ist Bodo...
Dauerauftrag
Imageanzeige
Dauerauftrag 2026
Jörg Schweiss
Wir helfen im Trauerfall
Koblenzer Kneipengeschichten
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
Staplerfahrer (m/w/d)
Blütenfest
Anzeige Tag der offenen Tür am Zeiberberg
Empfohlene Artikel
Symbolbild.  Foto: pixabay.com
58

Region. Auch in unserer Region gibt es sie: die stillen Stars des Alltags. Menschen, die anpacken, helfen, Verantwortung übernehmen oder einfach für andere da sind. Ob Feuerwehrmann, engagierte Ortsbürgermeisterin, unermüdliche Nachbarschaftshelfer oder die gute Seele im Sportverein – sie alle sind Heimathelden! BLICK aktuell möchte diesen Menschen eine Bühne geben und der Öffentlichkeit vorstellen – in einer neuen Serie in unserer Zeitung.

Weiterlesen

Symbolbild.  Foto: pixabay.com
34

Region. Wir von BLICK aktuell möchten wissen, wo in eurer Heimatstadt oder Kommune der Schuh drückt! Aus diesem Grund haben wir die neue Serie „HeimatCheck“ ins Leben gerufen. Ob kleine Ärgernisse oder große Probleme: Schreibt uns, was euch bewegt, und wir berichten für euch! Handlungsbedarf gibt es eigentlich immer, sei es bei:

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild. Foto: ROB
103

Jugendliche um drei Uhr nachts von Polizei angehalten

11.04.: Bad Ems: 15- und 13-Jähriger unternehmen nächtliche Spritztour mit Auto

Bad Ems. In den frühen Morgenstunden des 11.04.2026, gegen 03:00 Uhr, wurde durch eine Streifenwagenbesatzung nach einem Hinweis von Zeugen ein Pkw im Stadtgebiet Bad Ems, im Bereich der Straße Am Weißen Stein, kontrolliert. Hierbei wurde festgestellt, dass der Fahrzeugführer erst 15 Jahre alt und demnach nicht im Besitz der erforderlichen Fahrerlaubnis war. Sein Beifahrer war nochmals zwei Jahre jünger.

Weiterlesen

Daueranzeige 2026
Werbeplan 2026
Wir helfen im Trauerfall
Titelanzeige
Kleinanzeigen
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0220#
Titelanzeige KW 15
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
Sonderseite 02 -Wohnträume NR
SO 2 - Wohnträume Sonderseiten- Modernisieren
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0220#
Anzeige Beratertage Schlafexperte
Rückseite
Stellenausschreibung: Betriebshof
130 Jahre freiwillige Feuerwehr Bad Neuenahr und Tag der offenen Tür, 19.04.26