BI „lebenswerte Stadt“ stellt Forderung an Stadtverwaltung und Stadtrat
Eine Lanze brechen für durchdachte Bildungskonzepte
Eine Sehschule entlang von Bildungsorten in der Stadt Bad Neuenahr zeigte auf, wie komplex und sensibel dieses Thema ist
Bad Neuenahr. „Wenn es um Bildung geht, dann haben kurzatmige Pläne keinen Platz. Dann geht es um tragfähige Konzepte und um eine lebenswerte Stadt!“ Damit setzte die BI „lebenswerte Stadt“ als Veranstalterin der Sehschule das Motto für ihren abendlichen Stadtrundgang, bei der die aktuellen Pläne der Verwaltung zur Neukonzeptionierung der Stadtbibliothek und zur Erweiterung der Grundschule Bad Neuenahr auf den Prüfstand gestellt wurden. Beide Gebäude gaben mit dem Mehrgenerationenhaus die Stationen vor.
Insbesondere der beabsichtigte Umzug und die drastische Verkleinerung der Stadtbibliothek stießen bei den Gästen der Sehschule auf wenig Verständnis, denen Dr. Jürgen Hambrink das umfangreiche Leistungsspektrum der Stadtbibliothek vorstellte. Eine hohe Nutzerfrequenz, wie auch eine beachtliche Fülle von Veranstaltungen, belegen den zentralen Platz der Stadtbibliothek im kulturellen Leben der Stadt. Diese Funktion sah Andre Gerth, Bildungsreferent im Erzbistum Köln, durch den Umzug in die neuen Kurparkliegenschaften stark gefährdet. Gerth erläuterte moderne Konzepte für Stadtbibliotheken, wie sie seit Jahren in vielen vergleichbaren Städten realisiert werden und bemängelte, diese seien hier noch gar nicht im Blick. Bibliotheken seien als Bildungs- und Medienzentren zu gestalten, in denen Aufenthaltsqualität und multifunktionale Nutzung von Räumen Menschen und Bildungsakteure im Sozialraum zusammenbringen und so auf vielfältige Weisen für alle einen zeitgemäßen Zugang zur Wissens- und Informationsgesellschaft leisten.
Die Raumplanung der zukünftigen Bibliothek im Kurparkgebäude sei für ein solches modernes Bibliothekskonzept nicht geeignet und viel zu klein, was auch für die angestrebte Halbierung des Medienbestandes gelte. Hoffnungen auf Synergieeffekte durch die Mitnutzung anderer Räume der Kurparkliegenschaften dürften sich ebenfalls im Alltagsbetrieb kaum einstellen.
Im Gegensatz dazu würden die räumlichen Möglichkeiten der Alten Rentmeisterei viel bessere Voraussetzungen für ein modernes Bibliothekskonzept bieten. Wenn der Wille vorhanden wäre, könnte mit entsprechenden Umbauten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, inklusive Barrierefreiheit. Zudem bliebe die Rentmeisterei so erhalten. Eine Veräußerung mit dem Risiko, dass sie abgerissen würde, bestünde nicht mehr.
Viel Anerkennung gab es hingegen für die Stadt beim Besuch des Mehrgenerationenhauses. Diese Station nahm das Miteinander der Generationen in den Blick. Ziel der bundesweit installierten MGHs ist die niedrigschwellige Begegnung von Menschen. Sie ermöglichen das Lernen voneinander, miteinander und über einander.
An der Grundschule Bad Neuenahr, die als letzte Station des Rundgangs aufgesucht wurde, stellte sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erneut die Frage nach der Übereinstimmung von Raumangebot und Bildungs- und Lernkonzept. Innovative und weitsichtige pädagogische Konzepte, wie sie von der Schulleitung in die Diskussion im Stadtrat eingebracht worden waren, haben keine entscheidende Rolle gespielt.
Bevor der kurzsichtige Anbau an die Grundschule in den entscheidenden Gremien favorisiert wurde, hätte es inhaltlich fundierter Debatten mit Fachleuten um tragfähige und nachhaltige Bildungskonzepte bedurft. Diese bestimmen den Raumbedarf für eine zeitgemäße Bildung. Bildung darf nicht zum Spielball von Zuschüssen und Verkaufserlösen werden.
Fazit: Orte von Bildung prägen die Gesellschaft einer Stadt und sind stadtbildprägend, so die zentrale Einsicht des Rundgangs. Das muss sich auch gestalterisch ausdrücken – qualitativ hochwertig, durchdacht, nachhaltig. Flickschusterei, Notlösungen, zu kurz gedachte Planungen, die von Finanzfragen geprägt werden, sind keine gute Grundlage für ausgereifte Entscheidungen. Bildung ermöglichen, heißt Gesellschaft gestalten und Respekt vor den Menschen leben. Wo zeitgemäßes Bildungsverständnis und dazu passende Architektur zusammenkommen, erhöht sich der Lebenswert der Stadt.
Die BI plant für den späten Sommer eine Fortführung der unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern angestoßenen Debatten in Form eines „Kamingesprächs“ mit Fachleuten.
Die Sehschulen zu unterschiedlichen stadtrelevanten Themen sind ein Angebot der Bürgerinitiative „lebenswerte Stadt“. Sie möchte interessierte Bürger für eine behutsame und geschichtsbewusste Stadtentwicklung sensibilisieren. Mehr Informationen auf: www.lebenswertestadt.jimdo.com.
