Ahrweiler Tafel beging ihren zehnten Geburtstag
Einrichtung gibt der Armut ein Gesicht und macht sie spürbar
Fazit: Weder die zunehmende Nachfrage noch das Jubiläum ist eigentlich ein Grund zum Feiern
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Mit zwiespältigen Gefühlen beging die „Ahrweiler Tafel“ jetzt ihr zehnjähriges Bestehen. Die Jubiläumsveranstaltung mit etwa 150 Gästen im evangelischen Gemeindehaus Bad Neuenahr trug demnach auch den doppeldeutigen Titel: „(K)ein Grund zum Feiern?“ Denn eigentlich, so Uwe Moschkau vom Diakonischen Werk in seiner Begrüßung, sei es sehr bedenklich, dass die Zahl der bedürftigen Kunden ständig ansteige. Im Verlauf des Nachmittags wurde immer mehr deutlich, dass die „Ahrweiler Tafel“ das Thema Armut im Kreis Ahrweiler spürbar und sichtbar mache.
So seien die ökumenischen Kooperationspartner – Caritas, Evangelische Kirchengemeinde, Dekanat Ahr-Eifel und Diakonie – mit ihren 120 Ehrenamtlichen alles andere als froh über ihren Erfolg. „In der Wirtschaft würden solche Zuwachsraten gefeiert, aus Sicht der Kirchen und Wohlfahrtsverbände stellt sich diese Entwicklung weit weniger positiv dar. Leider expandiert auch die Armut in unserem Land“, so Moschkau. Aus der Idee, Lebensmittel zu verteilen statt wegzuwerfen, sei ein mittelständisches Wohlfahrtsunternehmen entstanden, das derzeit 1147 nachgewiesenermaßen bedürftige Personen regelmäßig für einen symbolischen Beitrag mit Lebensmitteln versorge. Weil die Zahl der Kunden aber immer größer werde und die von 70 Partnern aus der Lebensmittelbranche zur Verfügung gestellte Menge an Lebensmitteln gleich bleibe oder tendenziell sogar sinke, habe man sich erst vor wenigen Wochen schweren Herzens dazu entschließen müssen, einen vorläufigen Aufnahmestopp zu verhängen, so Marion Eisler vom Diakonischen Werk.
Wachsende Kundenzahl bedeutet größere Herausforderung
So nahm man den Jahrestag auch zum Anlass, diese Entwicklung der Tafel zu reflektieren und auch ein Stück nach vorne zu schauen. Die ständig wachsende Zahl an Kunden bedeute eine immer größere Herausforderung vor allem für die 120 ehrenamtlichen Mitarbeiter. Es stelle sich die Frage, ob und wie die Politik einen noch besseren Beitrag zur Bewältigung dieses Problems leisten könne. Denn für viele Hartz-IV-Bezieher reiche das monatliche Budget nicht für ein menschenwürdiges Leben aus, wusste Moschkau. Zumal der Mensch nicht nur vom Brot allein lebe, sondern auch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wünsche und das Gefühl benötige, gebraucht zu werden.
Die relativ neuen Angebote der „Tafel Plus“ gingen daher auch über die reine Lebensmittelausgabe hinaus. Sie förderten die Teilhabe am sozialen Leben und aktivierten zur Selbsthilfe. Die Angebote verbesserten nachhaltig die Lebenssituation der Menschen und zeigten Wege aus der Armut, sie unterstützten bei der Erschließung weitergehender Hilfe und trügen dazu bei, vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen wieder zu entdecken. Doch letztlich seien die Tafeln nicht in der Lage, die Versäumnisse der Politik zu korrigieren angesichts der Tatsache, dass in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich seit Jahren ohnehin immer weiter auseinanderklaffe.
Mildtätiges Handeln ist nicht per se schlecht
In der Podiumsdiskussion stellte das Impulsreferat von Professor Dr. Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM), die steigende Armut an Rhein und Ahr in Zahlen und Fakten plastisch vor. Er führte auch die Kritiker der Tafel-Idee ins Feld, die befürchteten, damit entstehe eine Art Sozialstaat im Sozialstaat und nicht die Interessen der Bedürftigen, sondern die der Anbieter würden vertreten. Allerdings fand Sell, dass mildtätiges Handeln nicht per se schlecht sei, wie von den Kritikern manchmal behauptet. Die Hartz-IV-Sätze seien jedenfalls tatsächlich zu niedrig, doch derzeit bestehe keine realistische Aussicht darauf, dass sie wesentlich erhöht werden könnten. Weil die Supermärkte mittlerweile auch immer mehr dazu übergingen, ihre Logistik zu verfeinern und daher auch immer weniger Lebensmittel übrig blieben, entstehe mittelfristig ein veritables Nachschubproblem, sagte Sell voraus. Und das Vorhandensein eines nennenswerten Angebots an Lebensmitteln sei nun einmal Voraussetzung für den Betrieb einer Tafel. Er schloss seine Ausführungen mit einem Zitat aus dem fünften Buch Moses: „Es sollte überhaupt kein Armer unter Euch sein!“
Blick nach vorn und Suche nach Lösungen
Den „Blick nach vorne“ wagte die von SWR-Moderator Andreas Krisam geleitete Podiumsdiskussion mit Professor Dr. Stefan Sell, den Landtagsabgeordneten Horst Gies (CDU), Marcel Hürter (SPD) und Wolfgang Schlagwein (Grüne), den Kreistagsabgeordneten Dr. Johannes Hüdepohl (AfA), Ulrich van Bebber (FDP) und Marion Morassi (Die Linke), den beiden „Tafel-Kunden“ Elke Straub und Rolf Lobe sowie Marion Eisler vom Diakonischen Werk. Dabei waren sich am Ende alle einig, dass eine gemeinsame Lösung mit Politik und Wirtschaft gefunden werden müsse. In lebendiger Diskussion suchte das Podium nach Lösungen und thematisierte, wie ein weiterer professioneller Umgang mit den wachsenden Aufgaben aussehen könnte. Wichtig sei es, Chancen zu eröffnen und die soziale Mobilität zu ermöglichen. So wurde unter anderem über die Einführung einer kostenlosen Monatskarte für den ÖPNV nachgedacht und über die Forcierung des sozialen Wohnungsbaus. Es handele sich bei der Tafel um eine karitative und soziale Bürgerbewegung, die von ehrenamtlicher Arbeit lebe und wichtig sei für den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Als kleine Stärkung wurden von Kunden im Anschluss selbst zubereitete Spezialitäten aus verschiedenen Ländern und Kulturen gereicht. Der musikalische Rahmen wurde vom Gospelchor und dem Posaunenchor der evangelischen Kirche Bad Neuenahr sowie der Trommelgruppe von Ansu Yeboah gestaltet.
