Allgemeine Berichte | 15.12.2020

Eine Weihnachtsgeschichte von Karl-Heinz Binder

Erinnerungen an Weihnachten aus Kindertagen

Lange dauerte die Vorbereitungszeit auf Weihnachten für meinen kleineren Bruder und mich viel zu lange. So kam oft die Frage an die Eltern. „Wann ist es denn endlich soweit?“

Weihnachten, das christliche Fest, hatte in meiner Jugendzeit für das Leben der Menschen an der Ahr eine besondere Bedeutung.

Die Adventszeit war eine ruhige Zeit des Wartens und der Vorbereitung auf das hohe Fest.

Dazu zählte auch das Beten. Es waren die Tischgebete, der Rosenkranz, der gemeinsam gebetet wurde. Dazu kamen Besuche der Roratemessen und der Adventsandachten.

Wir Kinder hatten damals nicht so hohe Erwartungen an die Gaben, die uns das Christkind brachte, wie heute.

Kurz vor Weihnachten galt es Material für die Krippe zu besorgen. Wir zogen in den nahen Wald und sammelten verschiedene Sorten Moos und kleine Wurzelstöcke. Das Moos wurde noch ein paar Tage im Schuppen zum Trocknen ausgelegt. Großvater war handwerklich begabt und er hatte einen schönen Krippenstall aus Birkenholz im Fachwerkstil gebaut. Das Dach war aus Strohhülsen gefertigt, welche sonst als Verpackungsmaterial für Weinflaschen dienten und die Rückwand war aus Eichenrinden zusammengefügt. Stall, Moos und Wurzelstöcke bildeten in der Weihnachtszeit eine reizvolle Landschaft, die an malerische Plätze in den Alpen erinnerte.

Vom rötlichen Abendhimmel sagt man uns: „Das Christkind ist am Plätzchen backen“.

Auch wurde ein Wunschzettel geschrieben und abends auf die Fensterbank gelegt. Wir stellten die Schuhe vor die Tür, damit der Nikolaus uns etwas hineinlegte. Manchmal war etwas Süßes oder ein paar Nüsse darin. Darüber konnten wir uns noch richtig freuen.

Alles war in der Adventszeit so heimelig und geheimnisvoll. Plätzchen wurden am späten Abend, wenn die Kinder schliefen, gebacken. Bei uns zu Hause kam das Christkind immer in der Nacht zum ersten Weihnachtstag und die Bescherung war am Weihnachtsmorgen nach der Christmette.

So gab es für unsere Eltern in der Heiligen Nacht immer noch vieles herzurichten.

Vor dem Zubettgehen waren wir in einer Zinkbütte, die in die Küche geholt wurde, gebadet worden. Schon früh am Abend brachte uns Mutter ins Bett und bald schlummerten wir in seliger Erwartung dem Weihnachtsmorgen entgegen.

Als im Kinderzimmer alles ruhig war, holten die Eltern den Weihnachtsbaum aus dem „Versteck“. Den Baum hatte Opa am Vortag in seiner Forstschonung frisch geschlagen. Lange brauchte er nicht zu suchen, denn schon im Sommer hatte er ihn ausgesucht und gekennzeichnet. Die Anforderungen an einen guten Weihnachtsbaum waren hoch.

Er sollte gerade gewachsen sein und die richtige Länge haben. Die Kerzen mussten ganz gerade auf den Ästen sitzen und die silbernen Kugeln musste poliert werden, damit man keine Fingerabdrücke mehr sehen konnte. Lametta und Engelhaar gaben dem Baum noch eine besondere Zierde.

Die Kerzen am Baum wurden an den Weihnachtstagen nur für ein paar Stunden angezündet, schon wegen der Brandgefahr. Einmal stand unser Christbaum fast in Flammen.

Ein Ästchen hatte Feuer gefangen.

Die Eltern waren außer sich. Wir Kinder gingen in Deckung. Vater riss das Fenster auf und der schöne Weihnachtsbaum landete samt Kerzen und Kugeln im Vorgarten.

Im nächsten Jahr brachte das Christkind die erste elektrische Lichterkette.

Am Weihnachtsmorgen riefen immer schon bei Zeiten die Kirchenglocken von St. Laurentius zur Christmette. Nachdem Mutter uns geweckt hatte und die Schlafzimmerfenster öffnete, klangen vom Ahrweiler Winzerweg alte bekannte Weihnachtslieder, mit Blechinstrumenten gespielt. Die Initiative kam von drei Nachbarsjungen, Werner und Ernst Nelles und Rudi Monreal, die zu der Zeit in Ahrweiler in der Alveradisstraße wohnten und sonst mit Begeisterung im Ahrweiler Blasorchester spielten. Wir wohnten zu dem Zeitpunkt auch in dieser Straße.

Schnell zogen wir uns an und eilten nach draußen, wo sich schon viele Nachbarn und Ahrweiler Bürger versammelt hatten, um still der Musik zu lauschten, die im ganzen Tal den Weihnachtsmorgen verzauberte. Ich muss gestehen, ich war so ergriffen, dass ich die Tränen nicht verbergen konnte. So ein schönes Weihnachtfest hat es für mich nur noch selten gegeben. Dieser Tag ist mir bis heute in schöner Erinnerung geblieben.

Der Besuch der Christmette in der Pfarrkirche in Ahrweiler war etwas Besonderes. Der Kirchenchor verschönerte die Messfeier mit feierlichem Gesang.

Es roch nach frischen Tannen, Wachskerzen und Weihrauch. Nach dem Gottesdienst, der mit einem Weihnachtslied endete, gingen wir mit den Eltern zur großen Krippe, deren Stall aus Birkenholz gebaut war und bestaunten das Christkind mit Maria und Josef, den Hirten und den Schafen. Nach der Christmette zu Hause angekommen, durften wir endlich ins Weihnachtszimmer. Zuerst wurden Lieder gesungen und Gedichte aufgesagt. Dann zündete Vater die Kerzen am Weihnachtsbaum an und wir durften die Geschenke auspacken.

Für jeden gab es einen bunten Weihnachtsteller mit selbstgebackenen Plätzchen und mit Äpfeln und Nüssen. In einem Jahr brachte das Christkind uns eine Eisenbahn, die man aufziehen konnte. Die Bahn konnte auf den Schienen aber immer nur im Kreis fahren. Die ganze Familie hatte ihren Spaß daran. Ein anderes Mal hatte das Christkind bei Oma und Opa einen Schlitten für uns beide gebracht.

Da war die Freude groß, denn es hatte schon morgens geschneit und wir konnten auf dem Schlitten nach Hause fahren.

Quelle: Advent- und
Weihnachtsgeschichten aus

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Band II.

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