Ernte-Undank
Von Pfarrer Andre Beetschen aus Mendig
Eigentlich sagen wir an Erntedank „Danke“. Wir danken Gott, dass er wachsen und gedeihen lässt, was wir ernten. Wir danken, dass er uns Kraft und Ausdauer, Intelligenz und bäuerliches Geschick, richtige Entscheidungen im richtigen Moment und dann noch eine gehörige Portion Glück gegeben hat, damit wieder eine Ernte gelingen konnte.
„Erntedank“ heißt „Gott-sei-Dank“.
Und auch in diesem Jahr hat es in unseren Breiten geklappt. Trotz der Herausforderungen durch das sich verändernde Klima. Trotz immer neuer Vorschriften vor allem im Bereich der Pflanzenschutzmittel und des Tierwohls. All dem zum Trotz höre ich von Landwirten in diesen Tagen positive Rückmeldungen: „Die Ernte war besser als gedacht. Ebenso die Qualität. – Aber! …. Aber die Preise machen das alles zunichte. – Was zu Beginn des Ukrainekrieges fast zu gut war, ist jetzt dramatisch schlecht! – Und es liegt nicht an uns, auch nicht an den Händlern – die Mühlen und anderen verarbeitenden Betriebe kaufen gerade zu Billigstpreisen aus der Ukraine. – Wo sonst Schlangen von LKW unser Getreide anlieferten, steht kein einziger LKW mehr – das Getreide kommt mit Schiffen aus der Ukraine. Da können wir nicht mithalten.“
„Erntedank“ heißt „Gott-sei-Dank“, aber auch „Bauer-sei-Dank“.
Danke, dass Ihr unsere Lebensmittel herstellt unter immer mehr Druck und Risiko.
Danke, dass Ihr so viele Sorgen und Mühen auf Euch nehmt, damit wir in Momenten, wo Lieferketten zusammenbrechen – als Verbraucher es nicht einmal spüren, weil ihr einfach zur Stelle seid und das Fehlende ausgleicht.
Solche Dankbarkeit auch gegenüber unseren Landwirten gehört für mich auch zum Erntedank-Fest.
Dass es aktuell allerdings politisch kaum Lösungen gibt, um die Tiefstpreise für Erzeuger einzudämmen, empfinde ich als Undankbarkeit – als ein Vergessen, wer in der Not zur Stelle war und geholfen hat, als der beginnenden Ukrainekrieg die Lieferketten unterbrach.
Den Landwirten in der Ukraine gönne ich jeglichen Erfolg und Absatz – sie können jede Unterstützung gebrauchen – aber unsere heimischen Familienbetriebe dürfen dabei nicht hinten vom Pferd fallen – dazu sind die Spielräume und Reserven viel zu klein und finanzieller Druck und wirtschaftliches Risiko zu hoch.
Und der „Markt“ kann das eben nicht regeln, denn der Markt sucht sich immer die billigsten Wege.
Daran erinnern und nicht vergessen, wer geholfen hat und nun Hilfe braucht, wer zur schützenswerten Struktur unseres Landes gehört – gerade im Angesicht von Krisenzeiten, können und müssen wir: Verbraucher, Gesellschaft und vor allem die Politik.
Denn wir feiern Erntedank – und nicht Ernte-Undank.
Passen Sie gut auf sich auf
aus Mendig
Ihr Pfarrer Andre Beetschen
