Allgemeine Berichte | 28.09.2017

Gedanken im Blick - Glaube, Traditionen und Persönliches

Erntedank das ganze Jahr

Eine theologische Kolumne von Gunnar Bach

Nicht mehr als eine Handvoll Mehl blieb der armen Frau und ihrem Sohn in der Bibelgeschichte – und doch teilte sie. Privat

Alle Jahre wieder – liegen schon im August die Spekulatius-Kekse in den Regalen. Ich gehe in eine Bäckerei und möchte mir einen leckeren Quetschekuche kaufen. „Nein, die gibt es doch schon längst nicht mehr. Berliner sind jetzt angesagt!“ Der Umgang mit den Jahreszeiten geht bei vielen ziemlich durcheinander. Die Fünfte Jahreszeit beginnt für mich frühestens am 11.11.

Zuhause sehe ich, wie unsere Älteste, die Vici, mit einer Freundin Luftballons mit Mehl füllt. „Warum nehmt ihr keinen Sand dafür?“ Ich merke, wie mein Puls steigt. „Eigentlich hatten wir vereinbart, dass wir nicht mit Lebensmitteln spielen.“ Keine Antwort. Dann kommt der Satz: „Papa, entspann dich, das ist ein Anti-Stress-Ball, was zum Chillen.“ Fast alles ist das ganze Jahr über verfügbar. Und wenn wie dieses Jahr die Obsternte nicht gut ausfällt, wird eben importiert und eingeflogen. So einfach ist das. Für uns. Der Hunger dagegen nimmt weltweit zu. 815 Millionen Menschen leiden an Unterernährung. Und trotzdem feiern wir am Sonntag Erntedank in den Kirchen.

Was gibt’s denn da zu feiern? In einer Bibelgeschichte trifft der Gottesmann Elija eine arme Frau. Es ist Hungersnot. Sie hat nur noch eine Handvoll Mehl. Es reicht nur noch für sie und ihren Sohn, sagt sie. Teilen erscheint ihr als völlig verrückt. Dann müssen sie und ihr Sohn sterben! Elija überzeugt sie davon, trotzdem zu teilen! Sowas ist nur mit Gottvertrauen möglich. Und die Geschichte geht tatsächlich gut aus! Die Frau gibt sozusagen ihr letztes Hemd. Nicht nur für ihren Sohn, sondern auch für einen Fremden. Aus Liebe zu Gott. Und dann geschieht das Wunder! „Der Mehltopf wurde nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht.“ (1 Kön 17,16)

Ist das ein Märchen? Gott hat es versprochen, dass es so kommt. Und er hat es eingehalten. Das Reich Gottes ist schon da, spurenweise. Seine Gerechtigkeit ist schon in kleinen Zeichen und Gesten erfahrbar. Wer glaubt, dass das wirklich wahr ist und aus Liebe bereit ist zum Teilen, der hat wirklich Grund, Erntedank zu feiern. Und das eigentlich während des ganzen Jahres! Gunnar Bach,

katholischer Theologe

und Seelsorger

aus Nentershausen

Nicht mehr als eine Handvoll Mehl blieb der armen Frau und ihrem Sohn in der Bibelgeschichte – und doch teilte sie. Foto: Privat

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