Tag des offenen Denkmals: ehemalige Synagoge Polch öffnete ihre Türen
Eröffnung der Ausstellung „Augenblicke“ von Jean-Luc Ollivier
Polch. Am bundesweiten Tag des offenen Denkmals, fand in der ehemaligen Synagoge Polch die Vernissage zur Ausstellung „Augenblicke“ des bretonischen Künstlers Jean-Luc Ollivier statt. Die Ausstellung wurde vom Förderverein der ehemaligen Synagoge Polch e.V. organisiert und war bereits die dritte Veranstaltung, die dieses Jahr in der ehemaligen Synagoge stattfand.
Zu Beginn der Vernissage führte Dieter Georgi, der erste Vorsitzende des Fördervereins, in die Geschichte der ehemaligen Synagoge ein. Dieses bedeutende Polcher Kulturdenkmal kann auf bewegte Zeiten zurückblicken.
Die Synagoge wurde im Jahr 5637 nach jüdischer Zeitrechnung fertiggestellt, das entspricht dem Jahr 1877 nach unserer Zeitrechnung, dem gregorianischen Kalender. Damals waren nach heutigem Kenntnisstand 48 jüdische Bürger in Polch ansässig. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch in der Polcher Synagoge ein Brand gelegt, aber erst am Morgen des 10. November, nachdem die Synagoge in Münstermaifeld bereits zerstört worden war. Da jedoch der damalige Bürgermeister von Polch bereits vorgewarnt worden war und rechtzeitig die Polcher Feuerwehr alarmiert hatte, konnte der Brand schnell gelöscht werden, sodass nur der Eingangsbereich und die Inneneinrichtung Schaden nahmen. 1940 wurde die Synagoge an die Zivilgemeinde Polch zwangsverkauft, nach dem 2. Weltkrieg ging die Synagoge dann in das Eigentum der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz über. Da es in Polch aber keine jüdischen Bürger mehr gab, verkaufte diese das Bauwerk 1953 an die Gemeinde Polch. Dort hatte man jedoch eigentlich keine Verwendung für dieses Kulturdenkmal, zudem war das Gebäude nach wie vor infolge des Brands beschädigt. So wurde es jahrelang zweckentfremdet als Lagerhalle für Baustoffe und andere Materialien genutzt.
Restaurieren der Synagoge
Anfang der 1980er Jahre setzten sich einige Bürger bei der Stadt Polch dafür ein, die Synagoge restaurieren zu lassen. Da sich auch der damalige Verbandsbürgermeister Hans Baulich für den Erhalt der Synagoge stark machte, konnte schließlich in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege eine umfassende Restaurierung des Gebäudes veranlasst werden. Seit den 80er Jahren hat das Landesamt für Denkmalpflege etwa 30.000 Euro in das Gebäude investiert. Auch die damals abgebrannte Frauenempore wurde bei der Restaurierung vollständig wieder hergestellt. Während der Restaurierung hatte Gisela Ackermann-Minwegen, die überregional bekannte und geschätzte Malerin und Sammlerin, die wegweisende Idee, das historische Gebäude künftig für Kunstausstellungen und kulturelle Veranstaltungen zu nutzen. So fand am 9. Mai 1984 anlässlich der Wiedereröffnung des Gebäudes nach seiner Restaurierung die erste Kunstausstellung statt. Seit diesem Tag wurden bereits über 70 Ausstellungen und Matineen in der ehemaligen Synagoge veranstaltet.
Gründung eines Fördervereins
Im Jahr 2010 wurde schließlich der Förderverein der ehemaligen Synagoge e.V. gegründet, der in den letzten Jahren die Organisation der Veranstaltungen übernommen hat und so auch nach dem traurigen Ableben von Gisela Ackermann-Minwegen im Jahr 2014 dafür sorgt, dass weiterhin Kunstausstellungen und Konzerte in der ehemaligen Synagoge stattfinden können.
Der Förderverein hat es sich zudem zur Aufgabe gemacht, die Geschichten und Stammbäume der einzelnen Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Polch in mühevoller Recherchearbeit zu rekonstruieren. Die Namen der deportierten Menschen sind auf dem vor der Synagoge aufgestellten Gedenkstein zu lesen. Außerdem sieht es der Förderverein als wichtiges Ziel an, für den weiteren baulichen Erhalt der ehemaligen Synagoge zu sorgen und hat hierzu bereits hohe Beträge beigesteuert.
Zum Abschluss seiner Ansprache betonte Dieter Georgi, dass der Förderverein insbesondere größten Wert darauf legt, die Würde des Hauses zu bewahren.
Nachdem die Besucher - ganz im Sinne des Tags des offenen Denkmals – viel Interessantes über die Geschichte eines der wenigen gut erhaltenen historischen Gebäude von Polch erfahren hatten, ging es weiter mit dem musikalischen Teil der Veranstaltung. Andrea Feld und Josef Luy spielten keltische Weisen aus der Bretagne, Irland und England. Das Musikprogramm hatten sie eigens mit Bezug auf die bretonische Heimat des in Polch ansässigen Künstlers Jean-Luc Ollivier zusammengestellt. Die Flötistin Andrea Feld betonte, dass ihrer Überzeugung nach die Menschen immer von der Region geprägt seien, in der sie aufwachsen und leben. So wie die Bretagne ein sehr raues und ursprüngliches Land sei, so sei auch die Musik aus dieser Gegend voller Melancholie und Sehnsucht, gleichzeitig aber auch hoffnungsvoll, genau wie die Bilder von Jean-Luc Ollivier.
Claudia Wickenburg-Klueß führte anschließend mit erläuternden Worten in die Werke des Künstlers ein. Sie erklärte, dass der Titel der Ausstellung „Augenblicke“ sich einerseits darauf beziehe, dass die Bilder des Künstlers Momentaufnahmen zeigen, in denen Augen eine wichtige symbolische Funktion haben. Andererseits würden verschiedene „Augenblicke“ bzw. Perioden des künstlerischen Schaffens von Jean-Luc Ollivier gezeigt. So waren sowohl einige surrealistische Werke des Künstlers ausgestellt, als auch eine Porträtserie bekannter Musiker, außerdem Tuschezeichnungen von regionalen Baudenkmälern. Jean-Luc Ollivier will mit seinen Bildern Denkanstöße geben, die Laudatorin meinte dazu, dass man sich beim Betrachten fragen könne, inwieweit man selbst mitverantwortlich für diese Zerstörung ist.
Nach dem offiziellen Teil folgten Gespräche mit dem Künstler
Nach dem zweiten Teil des musikalischen Programms, das einen begeisternden Applaus vom Publikum erntete, ging der offizielle Teil der Veranstaltung zu Ende. Die Besucher hatten nun die Gelegenheit, sich einerseits mit dem Künstler über seine Werke zu unterhalten und konkrete Fragen zu stellen, andererseits aber auch noch weitere Details zur Geschichte der ehemaligen Synagoge vom Vorsitzenden des Fördervereins zu erfahren.
Unter den Besuchern war auch Malermeister Curt Jessen mit seiner Tochter Lucienne. Ihnen war es zu verdanken, dass die Deckenbemalung der ehemaligen Synagoge vor wenigen Jahren originalgetreu restauriert werden konnte. Curt Jessen hat selbst seine Kindheit in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge verbracht und kann sich sogar noch dunkel an den damaligen Brand in seiner frühen Kindheit erinnern. Im Jahr 2015 hat er im Auftrag des Fördervereins die Bemalung der Decke sowie der Fensterlaibungen in wochenlanger mühsamer und akribischer Arbeit ausgebessert und wiederhergestellt.
Als nächstes Projekt plant der Förderverein eine neue, modernere Heizung für das Gebäude, Näheres steht jedoch noch nicht fest.
Ein Lob aus Amerika
Dass die Restaurierung der Synagoge so gut gelungen ist, ist ein großes Glück für die Stadt Polch, der so ein wichtiges Kulturdenkmal erhalten geblieben ist. In diesem Zusammenhang erzählt Dieter Georgi vom Besuch einer Amerikanerin vor wenigen Jahren. Angeregt durch das in Amerika bekannt gewordene Werk des Genealogen Leo Hoenig hatte diese Dame mehrere Synagogen in Deutschland besucht, unter anderem auch die ehemalige Synagoge in Polch. Kurze Zeit nach ihrem Besuch erhielt der Förderverein eine Nachricht von ihr, in der sie mitteilte, dass die Polcher Synagoge von allen besuchten Synagogen das am besten erhaltene Gebäude sei – eine schöne Anerkennung für all die Menschen, die sich seit Jahrzehnten so unermüdlich für den Erhalt dieses Denkmals einsetzen.
Es bleibt zu hoffen, dass hier noch viele Ausstellungen und andere Veranstaltungen stattfinden können, die das kulturelle Leben auf dem Maifeld sehr bereichern. Der Förderverein hat die Erfahrung gemacht, dass zu den Veranstaltungen in der ehemaligen Synagoge immer wieder Polcher Bürger kommen, die noch gar nichts von der besonderen Geschichte dieses Kulturdenkmals wissen.
Die Ausstellung „Augenblicke“ ist bis zum 14. Oktober jeden Mittwoch und Sonntag von 16 bis 18 Uhr geöffnet, zu diesen Zeiten ist die ehemalige Synagoge frei zugänglich. Außerhalb dieser Zeiten kann eine individuelle Terminabsprache mit Dieter Georgi unter Tel. (01 60) 94 92 16 12 getroffen werden.
Die ehemalige Synagoge vor ihrer Restaurierung.
