Fahne des ehemaligen Katholischen Arbeitervereins Thür entdeckt
Fahnenfund in Thürer Pfarrkirche
Thür. Da staunte Peter Hermes, Küster der Kath. Pfarrkirche St. Johannes ap. Thür, nicht schlecht, als er auf dem Speicher der Kirchensakristei bei der Durchsicht alter Schränke auf eine Vereinsfahne stieß, die – sorgfältig eingeschlagen in Leinentuch – in einer Schublade lag. Die gut erhaltene Fahne trägt auf einer Seite die Inschrift „Katholischer Arbeiterverein – 1914 – Thür“ und auf der anderen Seite „Hl. Joseph – ora pro nobis“. War damit ein neuer Thürer Verein entdeckt worden? Im historischen Verzeichnis der Ortsvereine in der Thürer Ortschronik (s. Chronik „900 Jahre Thür – Geschichte und Gegenwart eines Dorfes 1112-2012“, S. 130 ff.) ist er jedenfalls nicht erwähnt, da bisher auch keine Unterlagen über diesen Verein bekannt waren.
Recherchen im Stadtarchiv Mendig, in dem auch Unterlagen aus der Gemeinde Thür aufbewahrt werden, führten nun zu neuen Erkenntnissen. Aus Aktenvermerken der damaligen Amtsverwaltung Niedermendig geht nämlich hervor, dass im Mai des Jahres 1904 ein katholischer Arbeiterverein in Thür gegründet wurde; Antragsteller für die Gründungsversammlung war Matthias Rheindorf und als Initiator für die Gründung wird Kaplan Jakob Kerscht aus Niedermendig genannt. Gegründet wurde der Verein für die „Steinarbeiter aus Thür“. Die „Steinarbeiter“ bildeten vor dem 1. Weltkrieg nach den Angaben im Adressbuch des Kreises Mayen aus dem Jahre 1912 zahlenmäßig die größte Erwerbsgruppe in Thür; so werden 74 Steinarbeiter (50 Pflastersteinschläger, 22 Steinhauer, 2 Steinbrecher) in Thür aufgeführt, gefolgt von 59 Ackerern und Landwirten.
Auch in den übrigen Gemeinden der damaligen Bürgermeisterei Niedermendig waren in den Jahren 1903 bis 1905 katholische Arbeitervereine gegründet worden, wie aus einem Bericht des Niedermendiger Amtsbürgermeisters an den Landrat des Kreises Mayen v. 12.02.1907 hervorgeht. Diese Arbeitervereine bildeten eine berufsständische Zunft der Steinarbeiter und hatten damit auch gewerkschaftliche Züge. So ist aus dem erwähnten Bericht des Niedermendiger Amtsbürgermeisters weiter zu entnehmen, dass sie die Interessen ihrer Mitglieder, z. B. in Fragen der Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung, vertraten. Auch bemühten sie sich um die Vereinbarung einheitlicher Lohntarife für die Steinarbeiter.
Der Katholische Arbeiterverein Thür schloss sich deshalb am 30.10.1904 dem Kreisverband der katholischen Arbeitervereine in Mayen an, der einen hauptamtlichen „Arbeitersekretär“ eingestellt hatte. Er beriet die Mitglieder in allen beruflichen Fragen und fertigte auch Eingaben an Behörden und Versicherungen an. Die katholischen Arbeitervereine waren in Deutschland vielfach auf Initiative der örtlichen Geistlichkeit entstanden; Hintergrund war die Soziallehre der katholischen Kirche, wie sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts durch päpstliche Enzykliken formuliert worden war.
Die nun aufgefundene Fahne des Katholischen Arbeitervereins Thür trägt die Jahreszahl 1914. Denkbar ist, dass sie anlässlich des 10jährigen Vereinsbestehens im Mai 1914 angeschafft oder auch gestiftet wurde, also wenige Wochen vor Ausbruch des 1. Weltkrieges. Auch nach dem 1. Weltkrieg bestand der Verein offenbar weiter, denn in einer am 28.03.1923 datierten „Nachweisung der in der Bürgermeisterei Niedermendig vorhandenen Vereine“ ist auch der „Kath. Arbeiterverein Thür“ aufgeführt. Weitere Daten des Vereins sind nicht bekannt. Er könnte spätestens in nationalsozialistischer Zeit nach 1933 im Zuge der Auflösung von gewerkschaftlich orientierten Vereinen aufgelöst worden sein. Genauere Unterlagen darüber sind ebenfalls nicht bekannt.
In jedem Falle muss durch den Fahnenfund die historische Darstellung der Thürer Ortsvereine in der Thürer Chronik um einen weiteren Verein – den „Katholischen Arbeiterverein Thür“ - ergänzt werden.Friedrich Hermes
