Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Rheinbach
Fragen ist besser, als einfache Antworten zu bekommen oder nicht fragen zu dürfen
Erstmals richtete der CDU-Landesabgeordnete Oliver Krauß die Veranstaltung aus
Rheinbach. „Fragen ist besser, als einfache Antworten zu bekommen oder gar nicht mehr fragen zu dürfen.“ Mit diesem Fazit beendeten die acht Schüler der Klasse 8.3 der Gesamtschule Rheinbach ihre szenische Lesung aus Anlass der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Foyer des Rheinbach Rathauses. Die Veranstaltung war einst von der ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten Ilka von Boeselager initiiert worden, erstmals hatte ihr Nachfolger Oliver Kraus die Ausrichtung übernommen.
Die Schüler stellten in ihrem Beitrag mit Unterstützung von Klassenlehrerin Eva Knips äußerst interessante Fragen zum Geschehen rund um den Holocaust: Was ging in den Menschen vor, die als kleines Rädchen im Getriebe mit dazu beitrugen, dass der Völkermord reibungslos vonstattengehen konnte? Was fühlte die jüdische Familie, als sie einen Brief erhielt, in dem sie aufgefordert wurde, in ihrer Wohnung zu warten, bis sie abgeholt wird. Kontrollierten sie noch, ob das Feuer im Ofen erloschen war?
Vizebürgermeister Claus Wehage dankte Kraus für seine Bereitschaft, die Gedenkveranstaltung fortzuführen. Besonders aber freue er sich über die Teilnahme der Jugend, „weil sie es ist, die die Erinnerung an Deutschlands schlimmste Jahre und die damit verbundenen Opfer des Nationalsozialismus in die Zukunft tragen muss.“ Diese Zeit dürfe über die Generationen hinweg nicht in Vergessenheit geraten, wünschte er sich. Auch für ihn selbst sei die persönliche Kommunikation, unabhängig von Symbolen, besonders wichtig: Gespräche im Elternhaus, Unterrichtung und Diskussionen in den Schulen, Veranstaltungen wie den Schweigegang in Rheinbach am 9. November, der Volkstrauertag und die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. „Sie bewirkt aufgrund eigener Aktivität in besonderer Weise eine nachhaltige Erinnerung.“
Es sei heute unvorstellbar, wie bei dieser grausamen Massenvernichtung so viele Menschen zusehen oder sogar mitmachen konnten, so Wehage. „Was war es, das all diese Menschen zu Monstern werden ließ? War es Genugtuung, ein Gefühl von Überlegenheit, die verliehene Macht oder das Verhalten in einer Massenbewegung? Wie konnten sie Menschen auf schlimmste Art erniedrigen, foltern, für medizinische Zwecke missbrauchen und töten?“
Andere hätten einfach mitgemacht, teils aus Gleichgültigkeit, teils aus Angst. Doch natürlich habe es viele Menschen gegeben, die nicht mit Hitler und den Nazis sympathisiert hätten, „doch die meisten fürchteten wohl, selbst verfolgt zu werden, wenn sie ihre Meinung aussprachen.“ Wehage erinnerte daran, dass es auch mutige Menschen gegeben habe, die Juden halfen und anderen Verfolgten, sie bei sich versteckten oder politisch gegen die Nazis kämpften. Sie hätten damals ebenfalls ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
Im Rückblick werde deutlich, dass zwischen 1933 und 1938 tatsächlich eine Revolution in Deutschland stattgefunden habe. Eine Revolution, in der sich der Rechtsstaat in einen Unrechts- und Verbrecherstaat verwandelte, in ein Instrument zur Zerstörung genau der rechtlichen und ethischen Normen und Fundamente, um deren Erhaltung und Verteidigung es dem Staat eigentlich gehen sollte. „Deutschland hatte Abschied genommen von allen humanitären Ideen, die seine geistige Identität ausmachten, und war in die Barbarei abgestiegen.“
Deshalb sei die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Das Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und die Absage an jede Form von Extremismus gehören zu den fundamentalen Prinzipien unserer Gesellschaft“, erklärte der Vizebürgermeister. „Wehren wir auch in Rheinbach Anfängen, wenn wir sie erkennen.“ Die Handlungsbereitschaft und das Selbstverständnis vor allem der Kommunen sei entscheidend dafür, wie wirksam der Verbreitung und Verfestigung rechtsextremistischer Einflüsse entgegengewirkt werde.
„Am heutigen Gedenktag rufen wir die individuellen Schicksale in eine wache Erinnerung: die Gesichter und das Leben, das mit jedem einzelnen Namen ureigen verbunden ist“, bemerkte Krauß und erinnerte an drei dieser Namen, die besonders zum Bewusstsein in Rheinbach gehörten: Peter Spaak, Wladislaus Talzschaview und Wladislaw Dedjarew. Die drei jungen Männer aus der Ukraine, die vor 73 Jahren hingerichtet wurden. Aufgehängt wegen einer gefundenen Jacke und wegen ein paar Flaschen Wein.
Seit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 73 Jahren sei etwa ein Menschenalter vergangen. Zeitzeugen seien nur noch in kleiner Zahl vorhanden. Die Auseinandersetzung in der Familie, indem Kinder die Eltern oder Großeltern befragten, sei kaum noch möglich. „Aber die 1,1 Millionen Mitmenschen, die die barbarische deutsche Diktatur in Auschwitz ausgerottet hat, lassen sich nicht historisieren. Die Shoah, die mehr als sechs Millionen Opfer des Holocausts, lassen sich nicht zu den Akten legen“, rief Krauß. Das Böse sei als reale Macht erfahrbar geworden, deren Opfer keine Namen hätten und nur noch als Ziffer in irgendwelchen Statistiken fortdauerten.
Ein konkretes Befragen verlange, dass das Geschehen von damals nicht nur in symbolischen Formeln aufgehoben werde. Weil argumentiert werde, dass der damalige Terror und das Leid der Opfer so ungeheuerlich gewesen seien, dass der Spiegel für die Gegenwart viel zu groß sei, dass ein Gegenüberstellen sogar bedeuten könnte, die Opfer für die „Tagespolitik“ zu instrumentalisieren. Der Politikwissenschaftler Karl-Dietrich Bracher lehne ein solches „Wegschließen“ der Erinnerung in eine zivil-religiöse Monstranz ab. Es solle in den geschichtlichen Spiegel geblickt werden.
Europa werde heute wieder mit populistischen und extremistischen Bewegungen konfrontiert. Im politischen Raum der Bundesrepublik hallten aus dieser Richtung Forderungen nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“, das Holocaust-Mahnmal in Berlin werde als „Mahnmal der Schande“ verunglimpft. Solche Töne gäben allen Anlass, aufzupassen und in den historischen Spiegel zu blicken. Krauß schloss mit den Worten: „Auch das gehört zu dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus: wach zu bleiben für die Lehren der Geschichte.“ JOST
Der Chor der Klasse 6.3 der Gesamtschule Rheinbach sang und der Leitung von Lehrer Thomas Michels das Lied „Imagine“ von John Lennon. Foto: Photographer: Volker Jost Auf de
