Allgemeine Berichte | 10.05.2024

Vier Frauen gehörten von 75 Jahren zu den Verfassern des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland

Frieda Nadig fand an der Ahr Schutz vor den Nazis

Frieda Nadig nach dem Krieg an ihrem Arbeitsplatz in Bonn.  Foto: Stadtarchiv

Ahrweiler. Unter den insgesamt 65 stimmberechtigten Mitgliedern im Parlamentarischen Rat, der in Bonn am 1. September 1948 erstmals tagte, waren nur vier Frauen. Neben Elisabeth Selber (SPD) gehörten Helene Weber (CDU), Helene Wessel (Zentrum) und Frieda Nadig (SPD) der verfassungsgebenden Versammlung an. Nadig ist somit eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, das am 23. Mai vor 75 Jahren in Kraft trat. Wer war diese Frau, die von 1936 bis 1946 in Ahrweiler lebte und dort als Fürsorgerin beim Gesundheitsamt arbeitete; die Frau, die mit Elisabeth Selber erfolgreich für den Artikel 3, Absatz 2 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ kämpfte; die Frau, an die eine Tafel am heutigen Gesundheitsamt des Kreises erinnert.

Geboren wurde Friederike (Frieda) Charlotte Louise Nadig am 11. Dezember 1897 in Herford. Sie wuchs in einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf, engagierte sich bereits 1913 in der sozialistischen Arbeiterjugend und war seit 1916 Mitglied der SPD. 1922 legte sie ihr Staatsexamen als Wohlfahrtspflegerin ab.

Zehn Jahre in Ahrweiler

In Bielefeld fand sie eine Anstellung als Jugendfürsorgerin. Von 1930 bis 1933 war sie SPD-Abgeordnete im Preußischen Provinziallandtag Westfalen. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten wurde sie nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Mai 1933 fristlos entlassen. 1936 fand sie dann eine Anstellung beim Staatlichen Gesundheitsamt in Ahrweiler. Wie dieses Arbeitsverhältnis zustande kam, ist nicht überliefert, denn die Personalakte von Frieda Nadig und auch sonstige Unterlagen zu ihrer beruflichen Tätigkeit im Kreis Ahrweiler sind leider nicht mehr vorhanden.

Im Melderegister von Ahrweiler ist Frieda Nadig vom 2. Januar 1936 bis zum 24. Juni 1946 eingetragen. Sie wohnte zunächst an der Wilhelmstraße 83, dann bei Familie Reinhold Müller an der Römerstraße und schließlich bei Familie Schmitz an der Grafschafter Straße. Für diesen Zeitraum ist die Fürsorgerin auch in den Einwohnerbüchern für den Kreis Ahrweiler 1936/37 und 1939/40 auffindbar.

Außerdem ist Frieda Nadig noch im erhaltenen Verzeichnis der Bewohner des Ahrweiler Silberbergtunnels, der sogenannten „Stadt im Berg“, aufgeführt. Sie suchte dort, so wie viele Ahrweiler Einwohner, Ende 1944 bis Anfang 1945 Schutz vor den Bombenangriffen. Frieda Nadig erscheint auf der Bewohnerliste unter dem Hüttenverschlag 71 - zusammen mit der Familie von Sanitätsrat Georg Habighorst, der für seine Abneigung gegen die Nationalsozialisten bekannt war und später für die CDU Mitglied des Landtags von Rheinland-Pfalz war. Ob es zu einem politischen Gedankenaustausch zwischen Frieda Nadig und Habighorst kam, ist nicht bekannt.

Von Bonn an die Ahr

Über die „private“ Frida Nadig hat der frühere Kreisarchivar Leonhard Janta einst mit Zeitzeugen gesprochen. „Kinder der Familie Reinhold Müller, bei denen Frieda Nadig einige Jahre zur Untermiete wohnte, schildern sie als herzlich und sehr mütterlich“, so Janta. Zu den Müllers pflegte Frieda Nadig engen Kontakt, der auch nach 1946 andauerte. So gab es auch gegenseitige Besuche in Ahrweiler und in Bonn. Mit einer Chauffeurin kam Nadig gelegentlich von Bonn an die Ahr und brachte Geschenke mit. Sie vermittelte aber auch für eines der Kinder einen Erholungsaufenthalt in einer Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt.

Die Gesundheitspflegerin Walburga Dickopf war ab 1941 Kollegin von Frieda Nadig. Ebenso wie die Söhne der Familie Müller beschreibt sie Frieda Nadig als dunkelhaarig, klein und resolut. Auf ihr gepflegtes Äußeres habe sie stets großen Wert gelegt.

Von der politischen Tätigkeit Nadigs vor 1933 und ihrer Einstellung gegen den Nationalsozialismus wussten ihre Kolleginnen im Ahrweiler Gesundheitsamt nichts. Lediglich der Leiter des Amtes, Wilhelm Nocker, soll darüber informiert gewesen sein. Nach 1945 bestätigte Nocker, dass Nadig wohl immer Angst vor einer Festnahme hatte. Insgesamt verhielt sie sich deshalb unauffällig, war reserviert und pflegte auch nur wenige persönliche Kontakte. Im Gesundheitsamt hingegen machte sie ihren Einfluss geltend, um Menschen zu helfen. Am 24. Juni 1946 verließ Frieda Nadig den Kreis Ahrweiler. In ihrer Heimatstadt Herford nahm sie ihre politische Arbeit wieder auf. Der demokratische Wiederaufbau des Landes war ihr Verpflichtung.

Nach dem Krieg

Von 1947 bis 1948 gehörte Frieda Nadig dem Zonenbeirat in der Britischen Zone an. Sie war Mitglied des Landtages von NRW von 1947 bis 1950. Dieser sandte sie 1948/49 in den Parlamentarischen Rat nach Bonn. Als Abgeordnete wirkte die Vollblut-Politikerin anschließend im Deutschen Bundestag von 1949 bis 1961. Besonders setzte sie sich im Parlament für die Gleichberechtigung der Frau, für Familienrechte und die Gleichstellung unehelicher Kinder ein. Bis 1966 war sie zudem Geschäftsführerin des Bezirksverbandes Östliches Westfalen der Arbeiterwohlfahrt. Auf die Initiative der unverheirateten Politikerin gehen zahlreiche soziale Einrichtungen zurück, darunter etwa Altenheime, Müttergenesungsheime und Kitas. Im Alter von 73 Jahren starb Nadig am 14. August 1970. GS

Frieda Nadig bei einem Ausflug mit Familie Reinhold Müller, bei der sie in Ahrweiler zur Untermiete wohnte.  Repro: GS

Frieda Nadig bei einem Ausflug mit Familie Reinhold Müller, bei der sie in Ahrweiler zur Untermiete wohnte. Repro: GS

Frieda Nadig nach dem Krieg an ihrem Arbeitsplatz in Bonn. Foto: Stadtarchiv

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