Initiativkreis Informationstafel alter jüdischer Friedhof Heimerzheim
Für ein friedliches Zusammenleben
Informationstafel soll über die Hintergründe der Worte auf dem Gedenkstein auf dem alten jüdischen Friedhof informieren – Enthüllung am Tag des Grundgesetzes
Heimerzheim. „Sie sagten kommt lasst uns sie vernichten, ihr Volk ausmerzen und der Name Israel soll nie wieder erwähnt werden.“ Diese Worte aus den Psalmen stehen in deutscher und hebräischer Sprache auf dem Gedenkstein der Gemeinde Swisttal, der auf dem alten jüdischen Friedhof in Heimerzheim an die von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Bürger erinnert. Weil diese Worte jedoch missverstanden werden könnten, stellte der „Initiativkreis Informationstafel alter jüdischer Friedhof Heimerzheim“ jetzt gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung und Vertretern des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Nordrhein eine Informationstafel gleich daneben auf, die über die Hintergründe informieren soll.
Da steht auf der neuen Informationstafel
Auf der Informationstafel ist folgendes zu lesen: „Der alte jüdische Friedhof an Dornbuschweg in Swisttal-Heimerzheim wurde von 1822 bis 1968 zur Bestattung genutzt. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Friedhof verwüstet. Heute sind noch zwölf Gräber und zehn Grabsteine vorhanden. Der Friedhof wurde 1960 von der damaligen Gemeinde Heimerzheim wiederhergestellt und im Jahr 2007 von der Gemeinde Swisttal instandgesetzt. 1981 wurde von der Gemeinde in Abstimmung mit der jüdischen Synagogengemeinde Bonn ein Gedenkstein auf dem Friedhof errichtet. Dieser alte Friedhof ist Erinnerungsstätte in Swisttal an die Ermordung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus und Mahnstelle für unsere heutige Verantwortung für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben aller Menschen. Die Gemeinde Swisttal und ihre Bürgerinnen und Bürger achten und schützen die Menschenwürde aller Menschen. Wir bekennen uns zu den Menschenrechten und Menschenpflichten, insbesondere zu Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie verankert sind in: Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949), Allgemeine Erklärung Menschenrechte (Vereinte Nationen 1948), Allgemeine Erklärung Menschenpflichten, (Vereinte Nationen 1997), Charta der Grundrechte der Europäischen Union (Europäische Union 2009). Swisttal, 23. Mai 2019 – 70 Jahre Grundgesetz“
Der Gemeinderat hatte in seiner Sitzung am 25. September 2018 beschlossen, diese klarstellende Informationstafel aufzustellen. Damit möchte man ein Zeichen setzen, dass die Verbrechen dieser Zeit des Nationalsozialismus nicht vergessen werden. „Zugleich wollen wir heute, in unserer Bundesrepublik, in unserem Swisttal, ein friedliches und die Menschenwürde und Menschenrechte aller Menschen unbedingt achtendes Zusammenleben.“ Das werde auf diesem Gedenkstein aber nicht deutlich, hieß es damals. Dieser eine Vers sei ohne seinen Kontext und den Grundgedanken der Psalmen, „Liebe und Vertrauen auf Gott und zu allen Menschen“, nicht zu verstehen. Diesen unbedingten Willen solle die Informationstafel deutlich machen.
Enthüllung am 70. Jahrestag des Grundgesetzes
Zu der offiziellen Enthüllung der Informationstafel begrüßte Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner unter anderem Vizelandrätin Michaela Balansky sowie Michael Rubinstein und Inna Goudz vom Landesverband der jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Man habe den 70. Jahrestag des Grundgesetzes für die Enthüllung gewählt, weil die Swisttaler Bürger sich zu den Menschenrechten und Menschenpflichten bekennen, wie sie im Grundgesetz verankert seien.
Bei der traditionellen Gedenkveranstaltung der Gemeinde an die Opfer des Nationalsozialismus im vergangenen Jahr habe die Inschrift des Gedenksteins einige Besucher erneut zum Nachdenken gebracht. „Mit dem Ziel, das Zitat des Gedenksteins durch Informationen zum historischen Kontext zu ergänzen und dem Wunsch, eine Haltung dazu auszudrücken, gründeten ehrenamtlich engagierte Bürger den Initiativkreis. Zugleich ist beabsichtigt, durch das Bekenntnis zu den Menschenrechten zu zeigen, dass sich die Bürger der Gemeinde Swisttal hierzu bekennen und sich dazu verpflichtet fühlen, die Menschenwürde und die Menschenrechte im täglichen Zusammenleben zu achten und zu schützen“, so Kalkbrenner. Sie dankte besonders den vier treibenden Kräften des Initiativkreises, Michael Gadow, Hermann Leuning, Hermann Menth und Hermann Schlagheck.
Verrohung der Sprache ist eine Gefahr für die Gesellschaft
Der auf dem Gedenkstein zitierte Psalm verweise auf das Schicksal der Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus systematisch verfolgt und in Konzentrationsvernichtungslagern ermordet worden seien. Die Hemmschwelle, sich judenfeindlich zu äußern und entsprechend tätig zu werden, sei auch heute wieder gesunken, sagte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Eine Verrohung von Sprache, wie sie von manchen Populisten und antidemokratischen Strömungen betrieben werde, sei eine Gefahr für das gesellschaftliche Zusammenleben. „Wenn diffamierende Redewendungen, in denen Verletzung der Menschenwürde Teil der Alltagssprache werden, wenn sie verharmlosen oder sogar als zulässig und notwendig dargestellt werden und die Tendenz zur Ausgrenzung zunimmt, ist das eine Gefahr für unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat und für unsere Gesellschaft insgesamt“, erklärte die Bürgermeisterin.
Ein Rückblick auf die historischen Entwicklungen zeige, dass der systematischen Verfolgung bestimmter Menschen durch das NS-Regime unter anderem ein diffamierender, herabwürdigender und schmähender Sprachgebrauch im Alltag und der öffentlichen Rede vorausgegangen sei. „Deswegen sollte und muss es uns beunruhigen, dass populistische Strömungen unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung die Sprache vergiften.“ Bewusst solle die Aufweichung von freiheitlichen-demokratischen Werten und Prinzipien erfolgen. Dies führe zur Verwirrung der Vorstellung von Gut und Böse und der Werte und Prinzipien in der Gesellschaft. Manipulation beginne bei Sprache und der Besetzung und Implementierung von Begriffen.
Bekenntnis zu Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit
Die Informationstafel aufzustellen, sei gerade in der heutigen Zeit wichtig, denn neben der Erläuterung des historischen Kontextes beinhaltet der Text ein Bekenntnis zu Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit. Der Tag des Grundgesetzes sei ein bedeutender Tag, um ein Zeichen gegen Antisemitismus und für Menschlichkeit zu setzen. Das Grundgesetz beschreibe die Werteordnung einer liberalen, rechtsstaatlichen Gemeinschaft und habe sich als stabiles Fundament des Gemeinwesens bewährt. Es beinhaltet zentrale Werte, die die Menschen verbinden und die von großer Bedeutung für das Zusammenleben seien: Die Würde und Freiheit der einzelnen Person, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. „Um die Errungenschaften eines friedlichen Europas auch für kommende Generationen zu bewahren, sind wir alle dazu aufgefordert, uns aktiv für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen“, schloss sie ihre Rede.
Peter Gadow, der Sprecher des Initiativkreises, stellte seine Ansprache unter die Leitworte „Erinnern“ und „Aufmachen“. Das Leitwort „Erinnern“ greife die Ansprache des ehemaligen Bürgermeisters Karl-August Gunst zur Enthüllung des Gedenksteins am 8. November 1981 auf: „Geschichtliche Existenz des Menschen heißt, dass unser Denken und Handeln, von Vergangenheit und Allgegenwart ausgerichtet, in die Zukunft hineinwirkt.“ Die Informationstafel gebe ein klares Signal, zumal Gemeinderat und Bürgermeisterin in diesem Zusammenhang auch eine Resolution „Für ein demokratisches Miteinander“ beschlossen hätten. Doch wichtiger als alle Worte und Beschlüsse seien Haltung und Taten, die jeder von uns jeden Tag realisieren oder auch unterlassen könne. Das beschreibe auch das zweite Leitwort „Aufmachen“ in einem doppelten Sinne: Man solle Kopf und Herz aufmachen und sich öffnen – und zugleich sich auf den Weg machen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen.
Schüler leisteten großartigen Beitrag zur Feierstunde
Einen großartigen Beitrag zu der Feierstunde leisteten auch die Schüler aus den Klassen neun und zehn der Georg-von-Boeselager-Schule Heimerzheim unter der Leitung von Lehrer Jonas Weichel, die sich in einer freiwilligen Arbeitsgruppe mit dem Grundgesetz auseinandergesetzt hatten. Weichel bemerkte, der 23. Mai 1949 sei wohl einer der wichtigsten Tage in der deutschen Geschichte gewesen, weil damals das Grundgesetz verabschiedet wurde. „An diesem Tag gewann das vom Krieg gekennzeichnete Deutschland wieder Sicherheit, und die Demokratie lebt wieder auf.“ Mit einem Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus und seiner rassistischen, diskriminierenden und antisemitischen Gesetze führte er aus, dass sich so etwas nicht wiederholen dürfe. „Für uns als junge Generation sollte das Grundgesetz viel mehr Bedeutung haben, als es bisher hat. Denn wir verdanken dem Grundgesetz mehr als mancher denkt. Ohne das Grundgesetz gäbe es die Bundesrepublik Deutschland in ihrer heutigen Form nicht.“ Das Deutschland von heute sei ein Staat, in dem es keinen Platz für Diskriminierung, Antisemitismus, Homophobie und Xenophobie geben dürfe, nicht im Alltag und erst recht nicht in der Politik. JOST
Schüler der Klassen neun und zehn der Georg-von-Boeselager-Schule in Heimerzheim leisteten einen großartigen Beitrag zur Feierstunde. Foto: Volker Jost
die neue Informationstafel am alten jüdischen Friedhof in Heimerzheim enthüllten (von links) Hermann Menth, Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner, Ortsvorsteher Hermann Leuning, Michael Gadow, Vizelandrätin Michaela Balansky sowie Michael Rubinstein vom Landesverband der jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Foto: Volker Jost
Die Inschrift dieses Gedenksteins auf dem alten jüdischen Friedhof in Heimerzheim, der an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus erinnert, wird von der Informationstafel näher erläutert. Foto: Volker Jost
