Heimatbesuch früherer jüdischer Bürger/-innen aus Koblenz und Umgebung
Gegenseitige Beziehungen gestärkt
Koblenz. Auf Einladung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit e.V. Koblenz waren kürzlich frühere jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Koblenz und Umgebung sowie ihre Nachkommen zum 35. Mal in Koblenz. Neun Gäste, meist hoch betagt, die meisten aus Israel und aus den USA, konnten am Sonntag begrüßt werden.
Der Montag beginnt traditionell mit einer Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof, auf dem viele ihrer Angehörigen bestattet sind. Im Anschluss daran findet bei Kaffee und Gebäck im Gemeindesaal ein Treffen zum Gedankenaustausch statt. Den musikalischen Auftakt machte P. Prof. Dr. Alban Rüttenauer am Klavier. Wie in den vergangenen Jahren erfreute Lea Sassoon, heute Tel Aviv, die Teilnehmer mit einem Lichtbildervortrag. Wegen des 100-jährigen Jubiläums des Bauhauses hieß das Thema „Bauhaus Tel Aviv“. Viele jüdische Lehrer und Schüler des Bauhauses in Deutschland waren in der Zeit des Nationalsozialismus nicht geduldet. Sie flohen nach Israel und gründeten eine Schule in Tel Aviv. Die Bauten der „Jeckes“ aus Deutschland gehören heute zum Weltkulturerbe.
Der Dienstag ist meist einem Ausflug gewidmet. Diesmal ging es nach Andernach zum Besuch der dortigen Mikwe, dem sogenannten Judenbad aus dem Mittelalter, das sich unter dem Alten Rathaus befindet. Hier erfuhren die Gäste viel Wissenswertes vom jüdischen Leben in Andernach, angefangen vom Mittelalter bis zur Zeit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Im Geysir-Zentrum in Andernach konnten sich die Besucher über den Vulkanismus im Umfeld des Laacher Sees informieren.
Der Mittwoch hatte zwei Höhepunkte: In Vertretung des Oberbürgermeisters der Stadt Koblenz, David Langner, der durch wichtige Amtsgeschäfte verhindert war, begrüßte die Kultur- und Bildungsdezernentin Dr. Margit Theis-Scholz die Gäste des Heimatbesuchs bei einem Mittagessen im Hotel Brenner. Sie ging in ihrer Ansprache auf die Verbrechen des Holocaust ein, die bei den Betroffenen zu großen Brüchen, existenziellen Nöten und zu Schmerzen bis heute führten. Dr. Theis-Scholz sagte: „Wir sind froh, dass Sie Koblenz besuchen. Wir können Unrecht nicht gut machen. Aber wir möchten eine andere Willkommenskultur.“ Sie verwies darauf, dass es in Koblenz ein intensives Netzwerk der Erinnerungskultur gibt: den Förderverein Mahnmal Koblenz, die Christlich-Jüdische Gesellschaft und den Freundschaftskreis Koblenz - Petah Tikva. Auch die Kirchen seien daran beteiligt. Das Kulturdezernat pflege Kontakte zu allen und sei auch an Gedenkfeiern im öffentlichen Raum beteiligt.
Den aufkeimenden Strömungen entgegenstellen
In Deutschland gebe es aufkeimende Strömungen, denen wir uns entschieden entgegenstellen müssten. Daher nehme sie die Erinnerungskultur ernst. „Fünfzehn Schulen haben Patenschaften für die Stolpersteine übernommen. Um den 9. November herum gibt es Treffen mit den Schulen, die sich bereit erklärt haben, an die 120 Stolpersteine in der Stadt zu pflegen. Zurzeit wird eine App entwickelt, um mit dem Handy die Biografie der auf den Stolpersteinen bezeichneten Opfer des Nationalsozialismus nachzulesen.“
Der zweite Höhepunkt des Tages war die Einladung zum Runden Tisch im Gemeindesaal der Jüdischen Kultusgemeinde. Dabei ging es um die Zukunft des Heimatbesuchs. Jeder konnte Vorschläge machen, wie es weitergehen könnte. Die Ergebnisse des Gesprächs werden an die Christlich-Jüdische Gesellschaft und an die Jüdische Gemeinde weitergegeben.
Treffen mit Schülern
Der Donnerstag stand zur freien Verfügung. Am Freitagvormittag war ein Treffen der Gäste mit Schülerinnen und Schülern des Elfer-Stammkurses des Eichendorffgymnasiums unter der Leitung von Schulpfarrerin Ruth Stein angesagt. Das Thema „Jüdisches Leben“ war im Unterricht behandelt worden. Als Vorbereitung hatten die Schüler auch Orte jüdischen Lebens in Koblenz besucht. An Hand der Stolpersteine hatten sie sich mit der individuellen Geschichte der Opfer des Holocaust beschäftigt.
Schon sehr früh spürten viele Angehörige, dass mit den Nationalsozialisten Unheil über die jüdischen Bürger kommen würde. Es gelang einigen, nach Israel auszuwandern. Palästina war damals britisches Mandatsgebiet. Da die Briten für die Auswanderung Quoten machten, warteten manche bis zu sechs Jahre darauf, bis sie endlich 1936 nach Palästina ausreisen konnten. Dieses Land war damals arm. Es gab nicht überall fließendes Wasser und elektrischen Strom. Nicht jeder konnte in seinem erlernten Beruf seinen Lebensunterhalt bestreiten. Alles musste mit harter Arbeit aufgebaut werden. Die Kinder hatten es gut in Israel. Für sie war es selbstverständlich, Jude in Israel zu sein.
Die Schüler hatten nach den Berichten der Gäste Gelegenheit zu fragen. Eine wesentliche Frage lautete: „Haben Sie Angst vor den heutigen Rechtspopulisten in Deutschland?“ Die Antwort der Schwester Werner Appels war ein klares Ja. Sie sagte, sie sei froh, in der momentanen Situation einen israelischen Pass zu haben, um notfalls wieder nach Israel zu gehen. Mit den Worten ihres Bruders appellierte sie an die Schülerinnen und Schüler: „Ihr seid die Jugend, ihr müsst dafür sorgen, dass die Demokratie bleibt, damit kein Unrechtssystem entsteht.“ Doch solange es geht, will sie als Zeitzeugin jedes Jahr beim Heimatbesuch das Treffen mit den Jugendlichen aufrechterhalten.
Der Freitagnachmittag stand im Zeichen der Begegnung mit dem Freundschaftskreis Koblenz - Petah Tikva, der vor 30 Jahren von Doris Leber gegründet wurde. Doris Leber ist Mitglied der Christlich-Jüdischen Gesellschaft und hat mit dem ersten Heimatbesuch 1985 die Gäste kennengelernt. Mit dem Freundschaftskreis kam es zum Schüleraustausch mit der Ben Gurion High School Petah Tikva und dem Bischöflichen Cusanus-Gymnasium Koblenz. Dieser Austausch findet jedes Jahr statt. Dadurch ist viel gegenseitiges Verständnis entstanden. Auch viele Freundschaften zwischen israelischen und deutschen Jugendlichen haben sich daraus entwickelt. Die Begegnungen der Jugendlichen haben auch die Beziehungen zu den Gästen des Heimatbesuchs gestärkt und vertieft.
Mit den Gottesdiensten am Freitagabend und Samstagmorgen in der Synagoge ging der Heimatbesuch zu Ende. Pressemitteilung
Christlich-Jüdische Gesellschaft
