Tradition versus Fakten – BLICK auf ein sensibles Thema
Geplante Anschaffung eines „Schneewittchensargs“ wird stark kontrovers diskutiert
Schwierige Entscheidung für den Gemeinderat Hilgert – Bürgermeinung gefragt
Hilgert. Einen geliebten Menschen zu verlieren bedeutet Schmerz, Trauer und Abschied nehmen müssen. Für die Hinterbliebenen ist dies eine schwere Zeit. Dabei geht jeder Mensch mit dieser Situation anders um. Gerade in der ersten Phase der Trauer bewirkt der Tod des geliebten Menschen eine Art Schockzustand, der stunden- oder auch tagelang anhalten kann. In dieser Zeit kann es neben der Unterstützung durch Verwandte und Freunde hilfreich sein, wenn man sich auf den zeremoniellen Abschied durch die Beerdigung vorbereiten kann, indem man dem Verstorbenen in einer Aufbahrung noch einmal begegnet. Andere wiederum verabschieden sich zum Beispiel bereits bei Eintreten des Todes im Krankenhaus von ihren Lieben oder sprechen sich grundsätzlich gegen eine geschlossene oder auch offene Aufbahrung aus. Wieder andere finden trotz des großen Verlustes auch nach der Beisetzung den Weg auf den Friedhof nie wieder. Die Art und Weise der Trauerbewältigung ist also sehr unterschiedlich und vielschichtig und gerade deshalb ein sehr sensibles und auch persönliches Thema.
Tradition der Aufbahrung in Hilgert
Hinzu kommen Einflüsse durch örtlich gelebte Traditionen, wie es in Hilgert der Fall ist. Chronikverfasser Claus-Dieter Schnug weiß zu berichten, dass seit jeher die Einheimischen in ihrem Heimatort aufgebahrt wurden. Geht man in der Historie des Ortes zurück, erfährt man, dass das Ritual der Aufbahrung früher in Haus oder Hof stattfand. Von einem Bauern wurde dann der Leichnam im Sarg zur Beerdigung auf den Friedhof gebracht, gefolgt von der Beerdigungsgesellschaft, die dem Toten ihr letztes Geleit gab. Bis Anfang der 30er Jahre fand in Hilgert auch keine Urnenbestattung statt, weiß Schnug zu berichten. Mit dem Bau der Friedhofshalle in den 70er Jahren fand dann der erste Umbruch in diesem Brauchtum statt. Bis heute ist es jedoch bei einem Teil, hauptsächlich bei den älteren Einheimischen so, dass sie im Todesfall bis zur Beisetzung den Ort nicht verlassen wollen.
Traditionswandel ist unter anderem Diskussionsgrund
Die Friedhofshalle ist inzwischen in die Jahre gekommen, der Aufbahrungsraum entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen und die defekte Toilettenanlage ist dringend renovierungsbedürftig. Die Aufbahrungskühlvitrine des Ortes ist seit rund drei Jahren defekt. Aus diesem Grund hat die Freie Wählergruppe (FWG) im März 2019 eine Ersatzanschaffung beantragt. Seitdem wird dieses äußerst kontrovers im Gemeinderat und inzwischen auch in der Bevölkerung diskutiert. Die Meinungen gehen, auch fraktionsintern, sehr weit auseinander. Die Gegner der Anschaffung berufen sich auf den Traditionswandel und die fortschreitenden Änderungen in der Bestattungskultur. Hinzu kommen die nicht unerheblichen Anschaffungskosten von rund 8.000 Euro, je nach Modell und Ausstattung auch mehr sowie der desolate Zustand der Räumlichkeiten. Apropos Traditionen: Früher gab es in Hilgert einen Metzger, einen Bäcker, einen Kurzwarenladen und mehr als die eine übriggebliebene Dorfkneipe. Bei den Recherchen zu diesem Thema stieß Blick aktuell auf eine Einwohnerin, die sich dazu wie folgt äußerte: „Die Welt dreht sich weiter und auch Traditionen unterliegen der Veränderung. Sonst würde es ja keine neuen Traditionen geben. Auch in Hilgert kann man nicht nur nach hinten sehen, sonst stirbt so ein Ort mit den Alten und die Jungen begehen Landflucht. Das gibt es doch im Westerwald zu genüge, oder?“
Möglichkeit der Sargkühlung in der VG seit fast eineinhalb Jahren nicht mehr genutzt
Wie Blick aktuell in Erfahrung bringen konnte, wurde seit dem Defekt der alten Kühlzelle vor circa drei Jahren keine Anfrage mehr zur Möglichkeit einer Aufbahrung in der Aussegnungshalle gestellt. Die Hinterbliebenen nutzten vielmehr hauptsächlich die Möglichkeiten eines Bestattungsunternehmens in Höhr-Grenzhausen, welches 2018 rund 90% der Beisetzungen Hilgerts durchführte. Hinzu kommt, dass mit der Fertigstellung der modern ausgestatteten Räumlichkeiten dieses Institutes alle fünf Sargkühlungsmöglichkeiten in der Verbandsgemeinde seit Mitte Oktober 2018 nicht mehr genutzt wurden. Generell handelt es sich bei 90% um geschlossene Aufbahrungen (Quelle: https://www.bestattungen.de /ratgeber/bestattung/aufbahrung.html#moeglichkeiten). Unter diesem Aspekt stellen sich einige Einwohner die Frage, ob die Anschaffung einer Kühlzelle mit transparenter Klarsichthaube notwendig sei oder ob, angesichts der im statistischen Mittel der Jahre 2010 bis 2018 jährlich verstorbenen 12 Personen und der geringen Aussicht auf Nutzung der gekühlten Aufbahrungsmöglichkeit durch die Neuanschaffung des Produktes darauf verzichtet werden könnte. Auch der allgemeine Trend zur Urnenbestattung, die beispielsweise im Jahr 2015 laut Angaben der Verbraucherinitiative Aeternitas, basierend auf einer repräsentativen Umfrage der RAL Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen e. V., bei 67% lag, macht die Entscheidung nicht einfacher. Dies bestätigt auch eine Umfrage zu Aussagen über die eigene Beerdigung, siehe Abbildung 1 (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/965/umfrage/aussagen-ueber-die-eigene-beerdigung/).
Bürgerbefragung sollte für mehr Klarheit sorgen
Ein Frau, der die Erhaltung der Tradition sehr wichtig ist, ist Ursula Gensty. „Es war mir wichtig, dass ich mich von meinem Mann verabschieden konnte und dass ich ihn bis zur Einäscherung aufgebahrt mit meiner Familie in der Aussegnungshalle besuchen konnte“, sagte sie im Gespräch mit Blick aktuell. In Vertretung ihrer Interessen machte sie sich auf den Weg und sammelte gezielt 132 Unterschriften von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für die erneute Anschaffung eines sogenannten „Schweewittchensargs“ aussprachen. Aufgrund der Kürze der Zeit vor Weihnachten konnte sie bei nur weniger als 10% der Gesamtbevölkerung Hilgerts bzw. rund 10% der über 16-Jährigen ihr Anliegen vorbringen und sagt selbst, dass die Unterschriftensammlung nicht repräsentativ sei. Was durch diese Befürwortungen nicht herausgestellt wurde ist die Tatsache, ob die Unterzeichner im Falle ihres Ablebens auch selbst den Wunsch haben die Aufbahrungsmöglichkeit in Hilgert zu nutzen oder ob sie sich nur generell für die Anschaffung aussprechen.
Unterm Strich ist eine Anschaffung des „Schneewittchensarges“ für den Gemeinderat eine schwierige Entscheidung. Auf der einen Seite stehen Einzelinteressen, Traditionen und die Forderung nach einer individuellen und vor allem sehr persönlichen Möglichkeit der Abschiednahme, auf der anderen Seite der Traditionswandel weg von der Erdbestattung und einer immer weniger genutzten Abschiednahme am offenen Sarg, verbunden mit Anschaffungskosten und der Aussicht auf geringe Inanspruchnahme des Angebotes. Die Fraktionen und der Gemeinderat würden sich über ein Feedback der Einwohner zu diesem Thema sicher freuen. Die nächste Gemeinderatssitzung findet übrigens am 12. Februar statt. Damit die Bevölkerung sich ein Bild über die Meinung einiger Gemeinderatsmitglieder oder Fraktionen machen kann, hat BLICK aktuell einzelne Personen um entsprechende Stellungnahmen gebeten. Marion Lehnhardt (SPD) und Holger Fahrenkrug (Wählergruppe Fahrenkrug) haben von einem Statement zu diesem Thema Abstand genommen.
Stellungnahmen zu diesem Thema
Ortsbürgermeister Uwe Schmidt (SPD):
„Wir, der Gemeinderat und auch ich, sind der verlängerte Arm der Bürger. Gelder, die wir in die Kommune investieren, sind nicht unser Geld, sondern das Geld der Bürger. Somit sind wir aufgefordert, einerseits dafür zu sorgen, dass notwendige Maßnahmen in Hilgert durchgeführt werden, andererseits aber auch aufgefordert, sehr genau zu prüfen, was der Bürger denn nun wirklich möchte. Einzelne Interessen stehen dabei manchmal dem Gemeinwohl entgegen und dürfen dann nicht berücksichtigt werden. Aus diesem Grund habe ich auch die Antragsteller gebeten, zu erfragen, ob Interesse besteht, dass in Hilgert wieder ein Aufbahrungsmöglichkeit mit Kühlung in unserer Aussegnungshalle angeschafft werden soll und uns anhand einer Bürgerbefragung zu zeigen, ob hier eine breite Zustimmung herrscht. Das Ergebnis dieser Befragung ist meiner Meinung nach schon ein Beweis, dass von einer größeren Bevölkerungsschicht der Wunsch besteht, diese Möglichkeit wieder anzubieten. Zurzeit ermittle ich mit der Bauverwaltung hier Lösungsmöglichkeiten, wie so etwas umgesetzt werden könnte und welche Kosten entstehen würden. Letztendlich hat natürlich der Gemeinderat als zuständiges Gremium zu entscheiden, ob die Maßnahme umgesetzt werden soll oder nicht.“
Claus-Dieter Schnug (CDU):
„Ich bin für die Wiederanschaffung einer Kühlzelle in der Aussegnungshalle unserer Gemeinde, da ich den Wunsch vieler hier lebenden Menschen teile, von ihren verstorbenen Angehörigen im Ort selbst Abschied nehmen zu können. Außerdem ist eine Fahrt zu weiter entfernt liegenden Aufbewahrungsstätten gerade für ältere Personen oftmals mit Erschwernissen verbunden. Reine Wirtschaftlichkeitsüberlegungen sollten dagegen bei einem derart sensiblen Thema nicht allein ausschlaggebend sein. Im Übrigen halte ich die anfallenden Kosten keineswegs für so hoch, dass eine Sanierung des Kühlraums in der Halle schlechterdings unvertretbar wäre.“ Claus-Dieter Schnug betont, dass er diese Statement als Privatperson bzw. als gewähltes Mitglied des Gemeinderates abgibt und nicht als CDU-Fraktionsvorsitzender bzw. für die CDU-Fraktion im Gemeinderat Hilgert.
Einvernehmliche Stellungnahme der FWG-Fraktion:
„Schon Anfang letzten Jahres wurde unsere Fraktion wiederholt von Bürgern zu diesem Thema angesprochen. Dabei wurde sofort sichtbar, welche Bedeutung diese Angelegenheit für einzelne Bürger hat und welche Sensibilität die Auseinandersetzung damit erfordert. Daraufhin beschloss die Fraktion der FWG im März 2019, einen Antrag im Gemeinderat einzureichen, die Anschaffung einer neuen Kühlzelle von der Verwaltung prüfen zu lassen. Über diesen Antrag wurde anschließend in einer Ausschusssitzung und im Gemeinderat diskutiert, wobei zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen sichtbar wurden. Selbstverständlich ist unserer Fraktion bewusst, dass man eine Anschaffung aus wirtschaftlichen Gründen hinterfragen kann, allerdings stehen wir aus menschlicher Sicht geschlossen hinter unserem Antrag, den wir im März stellten. Ende letzten Jahres sammelte dann eine Bürgerin etwa 130 Unterschriften und untermauerte damit, welche Bedeutung diese Angelegenheit für viele Hilgerter Bürger hat. Von daher werden wir uns auch weiterhin für die Anschaffung einer solchen Kühlzelle einsetzen.“
Björn Hümmerich (CDU):
„Ich betrachte die Beschaffung einer Kühlzelle vor dem Hintergrund der sich ändernden Bestattungskultur, des allgemeinen Zustands der Aussegnungshalle sowie der langfristigen Kosten als kritisch. Die Beisetzung eines lieben Menschen ist ein höchst individuelles und sehr emotionales Ereignis. In diesem Zusammenhang waren in den letzten Jahren in Hilgert mehr als zwei Drittel aller Beisetzungen Urnenbestattungen, mit ansteigender Tendenz. Eine vorherige Aufbahrung in einer Aussegnungshalle am Friedhof ist aus meiner Sicht hierbei eher unüblich. Darüber hinaus sind die Kühlmöglichkeiten der Stadt Höhr-Grenzhausen sowie der Gemeinde Hillscheid laut Angaben der Verwaltung seit Oktober 2018 nicht mehr genutzt worden, zumal u.a. ein in Höhr-Grenzhausen ansässiges Bestattungsunternehmen ebenfalls Kühlmöglichkeiten bietet. Unabhängig davon sollte zunächst der Gemeinderat über das angedachte Gesamtkonzept zur Renovierung der Aussegnungshalle beraten, um eine zukunftsfähige, sachorientierte und finanziell tragbare Entscheidung zu treffen.“
Ralf Körber (Wählergruppe Fahrenkrug):
„Grundsätzlich möchte ich für das Dorf und die Einwohner die richtige Entscheidung treffen. Basierend auf den Zahlen und Fakten der anderen Ortsgemeinden ist das Thema „Schneewittchensarg“ eine heikle Geschichte. Auf der einen Seite möchte man zukunftsorientiert denken und handeln und dann soll Geld investiert werden für eine Anschaffung, die andernorts bereits vorhanden ist, aber über Jahre nicht genutzt wird. Es ist ja nicht nur mit der Kühlzelle getan. Zusätzlich müsste der Aufbahrungsraum auch einen entsprechenden Umbau erhalten. Die Wählergruppe Fahrenkrug hat die Neugestaltung der Toilettenanlage am Friedhof beantragt, damit diese z. B. bei Beerdigungen sauber und ordentlich genutzt werden kann. Dies hat meiner Meinung nach erste Prioriät.“
Die Friedhofshalle in Hilgert ist in die Jahre gekommen. Hier sind Sanierungsmaßnahmen nötig. Foto: MIH
Claus-Dieter Schnug befürwortet die Anschaffung einer Aufbahrungskühlvitrine, damit die Menschen im Ort von ihren Angehörigen.Abschied nehmen können.
Ralf Körber von der Wählergruppe Fahrenkrug spricht sich gegen die Anschaffung einer neuen Kühlzelle und für die Toilettensanierung aus. Foto: MIH
