Allgemeine Berichte | 17.11.2020

Das „Secktürmchen“ in Bad Münstereifel

Geschichte kann erfinderisch sein

Das „Secktürmchen“ findet sich an der linken Ecke des Brauhauses. Foto: Harald Bongart, Stadt Münstereifel

Bad Münstereifel. Es muss irgendwann Anfang des 13. Jahrhunderts gewesen sein. Der Herzog von Jülich errichtete um die aufstrebende Ortschaft Münstereifel im heutigen Kreis Euskirchen eine massive Stadtmauer. Und die hatte schon damals ihren Namen redlich verdient. Denn mit der Bezeichnung „Stadt“ waren umfassende Rechte verbunden.

Der Ort durfte sich selbst verwalten und auch ein Gericht hatte in der mittelalterlichen Stadt seinen Sitz. Die Wirtschaft erblühte regelrecht. In den zahlreichen Brauereien wurde frisches Bier hergestellt, das sicherlich ein Renner bei den Gerbern und Wollwebern war, die dort ihrer harten Arbeit nachgingen. Dass sich diese Gewerke in Münstereifel ansiedelten, ist wohl der Erft zu verdanken. Munter schlängelt sich der Fluss durch die mittelalterliche Stadt und frisches Wasser war bei allen Dreien, den Brauern, Gerbern und Webern, ein wichtiger, flüssiger Rohstoff. Aber eben nicht der Einzige. Bei der Verarbeitung spielte ein besonderer Stoff eine außerordentliche Rolle: Urin. Die Weber benötigten dies zur Verarbeitung der Schafwolle. Ob es nun am PH-Gehalt, Ammoniak oder an der goldenen Farbe der Flüssigkeit lag, ist nicht bekannt, aber für ihr Handwerk war der Einsatz von Urin offensichtlich sehr bedeutsam. Da der Bedarf an Textilien nicht abriss, half man in der ganzen Stadt tatkräftig mit, um der Nachfrage an Urin Herr zu werden. Jeder trat gerne seinen Teil dazu ab.

Urin für alle

Um die kollektive Urinabgabe der Stadt in kontrollierte Bahnen zu lenken, setzte man spezielle Bedienstete ein, die das Urin täglich einsammelten. Dafür gab es sogar einen Behälter, also eine Art Tank, der bis heute steht: Das „Secktürmchen“. Diese Gebäude ist ein schmales, aber hohes und spitzes Ecktürmchen mitten in der mittelalterlichen Kernstadt. Wer sich nun mit rheinischer Mundart auskennt, kann mit dem Begriff „Seck“ etwas anfangen. Denn das Wort stammt von „Sick“, das ursprünglich von „seichen“ kommt - gemeint ist damit „harnen“ oder das „Pipi machen“. Die kleinen, eisenbeschlagenen Öffnungen in den Turmwänden stehen vor Rost. Kein Wunder, denn hier wurde ja das Urin der ganzen Stadt zusammen gekippt. Die Wollweber hatten ein Problem weniger: Es gab schließlich Urin in rauen Mengen und der Bedarf war gestillt.

Urin als Reinigungsmittel war sogar schon den alten Römern bekannt. In Urinamphoren wurde die goldene Flüssigkeit auf den Straßen gesammelt und damit Kleidung gewaschen. Der Grund, warum mit einer eher unreinen Flüssigkeit gereinigt wurde, ist der Alkaligehalt. Die Lauge ist ein patentes Waschmittel und wird auch heute noch verwendet - nur die Form der Gewinnung ist heute glücklicherweise eine andere.

Eine Legende geht „on Air“

Und die reinigende Kraft des Pipi erkannte man auch im mittelalterliche Münstereifel! Oder etwa nicht? Nein, ganz und gar nicht. Denn die Geschichte des „Secktürmchens“ ist eine moderne Legende die sich schnell - viral sozusagen - verbreitete. Bei dem „Secktürmchen“ handelt es sich um den Lüftungsturm einer Mälzerei, wurde erst im Jahre 1905 errichtet und ist somit völlig unmittelalterlich. Alles begann am an einem Julitag 1988 mit der Radiosendung „Hallo Ü-Wagen“. Die Journalisten Carmen Thomas sendete die Show direkt aus Münstereifel, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon „Bad“ nennen durfte. Der Übertragungswagen stand vor dem Gymnasium direkt gegenüber des Hauses mit dem „Secktürmchen“. Carmen Thomas wurde zugetragen, dass es sich bei dem Türmchen um einen Urintank halte. Das fiel im wahrsten Sinne auf goldenen Boden. Ob das nun ein Spaß des Informanten war, ist nicht klar. Aber es gab offensichtlich einen Nachhall. Sechs Jahre später veröffentliche Thomas das Buch „Urin - Ein ganz besonderer Saft“, mittlerweile ein Standardwerk zur Eigenharntherapie.

Als Resultat war das „Secktürmchen“ als Urinspeicher im kollektiven Bewusstsein verankert. Die Stadtverwaltung Bad Münstereifel nimmt dass Missverständnis relativ gelassen: „Dumm gelaufen“, sagt man sich dort. Aber man sei sich bewusst, dass Legende „wirkträchtiger sind als manche Wahrheit“ und findet sich mit der Bezeichnung „Secktürmchen“ für den Lüftungsturm ab.

Dabei sind Turm und das dazugehörige Gebäude im Fachwerkstil auch ohne Legende sehr sehenswert und Zeugen der stolzen und langen Brauereikultur in Bad Münstereifel. So ist auch heute noch eine Brauerei samt Gastronomie untergebracht.

- ROB -

Die mittelalterliche Stadt Bad Münstereifel bietet einige Legenden, die durchaus zum Schmunzeln sind. Foto: ROB

Die mittelalterliche Stadt Bad Münstereifel bietet einige Legenden, die durchaus zum Schmunzeln sind. Foto: ROB

Das „Secktürmchen“ findet sich an der linken Ecke des Brauhauses. Foto: Harald Bongart, Stadt Münstereifel

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