Allgemeine Berichte | 04.09.2026, 10:20 Uhr

Fünf Jahre nach der Flut: Ahrtaler Journalistin Fabricia Karutz mit neuem Podcast

Geschichten aus der schlimmsten Nacht

Fabricia Karutz war selber von der Flut betroffen.  Fotos: privat
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Ahrtal. Fünf Jahre nach der Flut ist das Ahrtal längst nicht wieder das, was es einmal war. Doch zwischen Zerstörung, Verlust und einem mühsamen Wiederaufbau ist etwas entstanden, das sich nicht in Bildern von überfluteten Straßen und zerstörten Häusern festhalten lässt: Geschichten von Menschen, die in der schlimmsten Nacht ihres Lebens über sich hinausgewachsen sind. Und von einer Gemeinschaft, die trotz allem nicht aufgegeben hat. Genau diese Geschichten möchte Journalistin und Flutbetroffene Fabricia Karutz mit ihrem Podcast „Ahrtal – Von Heldinnen, Helden und Hoffnung“ bewahren. Inspiriert von ihrer Großmutter, deren lebendige Erinnerungen nach ihrem Tod unwiederbringlich verloren gingen, will sie diesmal selbst dafür sorgen, dass Erlebtes nicht in Vergessenheit gerät.

BLICK aktuell: Frau Karutz, fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal sprechen viele Menschen von einer Zeit „vor der Flut“ und „nach der Flut“. Was war der Anlass, jetzt den Podcast „Ahrtal – Von Heldinnen, Helden und Hoffnung“ zu starten?

Fabricia Karutz: Den Stein ins Rollen gebracht hat eigentlich meine Oma aus Mayschoß. Selbst mit über 90 Jahren war sie eine Meisterin darin, sich an wahre Geschichten zu erinnern und lebhaft zu erzählen. Leider ist sie vor ein paar Jahren verstorben. Seitdem bedauere ich es sehr, dass ich nie ihre persönlichen Erzählungen über ihr Leben und unsere Familie dokumentiert habe und sie in Vergessenheit geraten. Als nun der fünfte Jahrestag des Jahrhunderthochwassers vor der Tür stand, wurde mir klar: Wenn ich nicht jetzt anfange, unsere unglaubliche Geschichte über die Flut im Ahrtal für unsere Kinder und für nachfolgende Generationen zu dokumentieren, wann dann? Wir haben viele Bilder der Zerstörung gesehen. Was ich nun festhalten will, sind die Gefühle, die wir im Ahrtal hatten und haben: Die Flutnacht hat sich wie ein Brandzeichen in unser aller Seelen verewigt. Das Gefühl fast alles zu verlieren, war wie ein Schwarzes Loch und es ist ein Geschenk, heute zu wissen: Es geht weiter! Nach fünf Jahren sind wir erschöpft und gleichzeitig voller Tatendrang, unsere Heimat wiederaufzubauen.

BLICK aktuell: Sie erzählen in dem Podcast sehr persönliche Geschichten von Betroffenen. Wie haben Sie die Menschen ausgewählt?

Karutz: Für mich ist es etwas ganz Besonderes, dass mir Freundinnen, Freunde und Bekannte ihre persönlichen Erlebnisse anvertraut haben und ich sie nun in diesem Podcast teilen darf. Mir war es wichtig, nicht ein Einzelschicksal zu beleuchten, sondern mehrere Menschen und Zeitpunkte wieder zu spiegeln. Und so bilden meine Interviewpartnerinnen und –partner verschiedene Situationen, Facetten und Gefühle ab. Wie zum Beispiel die Geschichte meiner Freundin Jenny, die ums Überleben ihrer Familie gekämpft hat. Georg war in der Flutnacht unermüdlich als Feuerwehrmann im Einsatz. Heute, fünf Jahre danach, denkt er auch nicht ans Aufgeben, obwohl er seine Metzgerei noch nicht aufbauen kann, weil die versprochene staatliche Hilfe ausbleibt und er weiterhin im Tiny House leben muss. Sandra aus Altenburg hat bereits mit viel Liebe ihr Zuhause wiederaufgebaut. Manuela ist Seelsorgerin und vermittelt eindringlich, dass wir den Weg des Wiederaufbaus und auch der seelischen Heilung gemeinsam gehen, aber jeder in seinem Tempo. Und natürlich geht es auch um das Wunder nach der Katastrophe. Denn wir haben die unfassbar große Hilfsbereitschaft nach der Flut nicht vergessen. All das verwebe ich zusammen zu einer Geschichte, in der sich bestenfalls alle, die sich mit dem Ahrtal verbunden fühlen, wiederfinden und mitfühlen können.

BLICK aktuell: Sie waren selbst von der Flut betroffen und haben als Journalistin bereits mehrfach über die Folgen berichtet. Wie hat diese persönliche Erfahrung Ihren Blick auf die Geschichten und Schicksale im Podcast verändert?

Karutz: Als Journalistin gilt es immer den Spagat zwischen emotionaler Nähe und journalistischer Distanz zu meistern. Diesmal ist es anders. All das, was die Betroffenen mir schildern, habe auch ich in ähnlicher Weise erlebt. Und so bin auch ich Teil der Geschichte. BLICK aktuell: Sie möchten mit dem Podcast auch ein Zeitzeugnis gegen das Vergessen schaffen. Was wünschen Sie sich, dass die Hörerinnen und Hörer aus den Geschichten über das Ahrtal mitnehmen? Karutz: Mut, Hoffnung und Verantwortung. Mein Wunsch wäre es, dass dieser Podcast eine Art Audio-Denkmal für das Ahrtal wird - gegen die Verführung der Hochwasser-Demenz. Das war bekanntlich nicht das erste schlimme Hochwasser, doch wir haben trotzdem den Fehler gemacht die zerstörerische Kraft der Ahr zu unterschätzen. Das darf nicht wieder in Vergessenheit geraten. Und wenn wir und zukünftige Generationen durch diesen Podcast aus erster Hand die Katastrophe und ihre Folgen nachfühlen können, wird es vielleicht in unsere DNA übergehen. Es ist aber auch der Versuch zu erklären, wieso wir allen Risiken zum Trotz geblieben sind, warum wir unsere Heimat weiterhin lieben. Mir ist es wichtig zu vermitteln, mit welcher Zuversicht wir hier dabei sind ein riesiges Lebenswerk zu erschaffen. Zudem ist es mein Ziel, durch den Podcast all das Erlebte und Gefühlte gesammelt an einem Ort festzuhalten. Wie in einem kleinen Paket: Gut verpackt, damit über die Jahre nichts verloren geht, aber auch nicht jeden Tag „in de Fööß“ ist – wie meine Oma so schön gesagt hätte.

Weitere Informationen:

Der Podcast „Ahrtal – Von Heldinnen, Helden und Hoffnung“ ist auf Spotify, Amazon Music, YouTube und weiteren Podcast-Plattformen zu hören.

ROB

Fabricia Karutz: „Mir war es wichtig, nicht ein Einzelschicksal zu beleuchten, sondern mehrere Menschen und Zeitpunkte wieder zu spiegeln.“

Fabricia Karutz: „Mir war es wichtig, nicht ein Einzelschicksal zu beleuchten, sondern mehrere Menschen und Zeitpunkte wieder zu spiegeln.“ Foto: hannawitte

Fabricia Karutz war selber von der Flut betroffen. Fotos: privat

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