„Vor Geisenach/Im Bruch“
Grabung war ein voller Erfolg
Archäologen ziehen sich Ende Oktober zurück
Polch. Es wird sicherlich etwas Wehmut aufkommen, wenn sich die Archäologen Ende
Oktober aus dem Bereich „Vor Geisenach/Im Bruch“ zurückziehen, schließlich liegen knapp drei Jahre akribischer Arbeit hinter ihnen. Fast 20 Hektar sind dann durchsucht worden. „Aus archäologischer Sicht war das Projekt natürlich ein voller Erfolg“, zieht Dr. Cliff Alexander Jost, der stellvertretende Leiter der Außenstelle Koblenz der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE), ein äußerst positives Fazit. Die Funde belegen, dass schon vor mehr als 7300 Jahren Menschen im Gebiet des heutigen Polch gelebt haben. Die bisher als Ackerland genutzte Fläche brachte eine Vielzahl von archäologischen Funden hervor, und zwar von der Jungsteinzeit über die Bronze- und Eisenzeit bis in die römische Kaiserzeit. Die äußerst fruchtbaren und wegen ihres Bimsgehalts vergleichsweise lockeren mineralischen Böden machten die Landschaft um Polch, das sogenannte Maifeld, zu einem bevorzugten Siedlungsraum für Ackerbau und Viehhaltung. Bei den Ausgrabungen konnte eine wiederholte Benutzung als Siedlungs- und Bestattungsplatz von 5300 vor Christus bis ins vierte Jahrhundert nach Christus nachgewiesen werden.
Im Nordosten der Grabungsfläche befand sich ein Gräberfeld aus der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit (zehntes bis fünftes Jahrhundert vor Christus), das den Schwerpunkt der ersten Grabungskampagne im Jahr 2015 bildete. Der Friedhof umfasste sowohl Flachgräber als auch Überreste von Hügelgräbern, die von Kreis- oder Langgräben umgeben waren. Rund 50 Urnen- und Körperbestattungen wurden geborgen. Bemerkenswert ist das Körpergrab einer Frau mit reichhaltiger Schmuckausstattung aus der Zeit um 550 vor Christus. Die Verstorbene trug am rechten Unterarm sieben und am linken Unterarm fünf Armringe. Als Schläfenschmuck dienten zwei Wendelringe mit einem Durchmesser von etwa 15 Zentimetern. Mit einem kleinen Bronzedrahtring waren sie zu beiden Seiten des Kopfes an einer Haube oder an einer sonstigen Haarbedeckung befestigt. Eine Besonderheit stellt die Form des Halsschmucks dar. Es handelt sich um einen sogenannten Spiraldrahthalsring mit anhängenden Kettchen, der zum ersten Mal in vollständiger Form gefunden wurde.
Er besteht aus einem ursprünglich rund 2,70 Meter langen Bronzedraht, der zu 78 engen, sich überlappenden Spiralwindungen gedreht wurde. In 49 der Windungen sind kurze Kettchen mit je vier Ringen eingehängt. Aus der überdurchschnittlich reichhaltigen Schmuckausstattung der Verstorbenen ist zu schließen, dass sie zu den wohlhabenden Damen der Region gehörte. Das besondere Augenmerk der Ausgrabungskampagnen 2016 und 2017 galt und gilt einem Siedlungsplatz der frühneolithischen bandkeramischen Kultur aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) von etwa 5300 bis 4950 vor Christus. Der Platz liegt im südwestlichen Teil des Untersuchungsareals an einem leicht geneigten Hang in der Nähe eines kleinen Bachlaufs. Reste eines Grabens deuten auf eine Einhegung der Siedlung hin. Trotz großer Verluste an alter Oberfläche durch Bodenerosion konnten zahlreiche Pfostenlöcher den Grundrissen von bislang fünf rechteckigen Großbauten mit Längen zwischen 17 und 43 Metern zugeordnet werden.
Erstaunlich gut erhaltene Funde
Leichte Abweichungen in der Nordwest-Südost-Ausrichtung der Häuser zeigen, dass die Gebäude nicht alle gleichzeitig bestanden haben, sondern der Platz über mehrere Generationen hinweg besiedelt war. Viele erstaunlich gut erhaltene Funde stammen vor allem aus großen Siedlungsgruben, die direkt bei den Langhäusern lagen. Sie waren bei der Lehm- und Tonentnahme entstanden und später mit Abfall verfüllt worden. Geborgen wurden Keramikfragmente überwiegend von Kochtöpfen, Schalen und flaschenartigen Gefäßen, Spinnwirtel, zahlreiche Artefakte aus Knochen, Geweih und unterschiedlichen Steinarten, außerdem Muschelschalen und Tierknochen von Rind, Schaf, Ziege und Schwein als Speise- und Schlachtabfälle sowie Rötelstücke (Roteisensteine), die zur Gewinnung von Farbstoff dienten.
Die reich verzierte Gefäßkeramik weist die charakteristischen gefüllten bogen- und winkelförmigen Bandornamente der jüngeren bandkeramischen Kultur gegen Ende des sechsten Jahrtausends vor Christus auf. Für viele Experten überraschend wurde in Polch ein unterirdisches durch den Lösslehm führendes Wasserleitungssystem aus römischer Zeit (zweites bis viertes Jahrhundert nach Christus) entdeckt. Drei über mehrere hundert Meter durch die Ausgrabungsfläche verlaufende Leitungsstränge führten einst fließendes Wasser einem großen Gutshof (villa rustica) zu, dessen Überreste östlich außerhalb des Plangebiets in einem Acker liegen. Die Polcher Wasserleitungen waren im sogenannten Qanatverfahren errichtet worden, einer im alten Persien entwickelten und von den Römern häufig angewandten Bauweise. Auf der Trasse der geplanten Wasserleitung wurden in regelmäßigen Abständen senkrechte Schächte bis zur vorausberechneten Tiefe abgeteuft. Von dort wurden in beide Richtungen in Sohlenhöhe Stollen vorgetrieben, so dass ein durchgehender Tunnel entstand. Die eigentliche Wasserführung war eine auf der Sohle des Tunnels verlegte Rinne aus Schieferbruchsteinen. Die Wasserrinnen liegen in einer Tiefe von etwa vier bis acht Metern unter der heutigen Oberfläche. Ein Gefälle zwischen 1,0 und 2,5 Prozent ermöglichte das gleichmäßige Abfließen des Wassers zu Sammelstellen und zum Gutshof. Die mit großem Aufwand in Tunnelbauweise errichteten Wasserleitungen versorgten das römische Landgut mit frischem fließendem Wasser für die Badeanlage, für Zierteiche und für die Gärten.
„Eine Sisyphusarbeit“
„Die Menge und die Erhaltungsqualität waren sicher einmalig“, pflichtet der technische Grabungsleiter Matthias Gensty seinem Vorgesetzten bei. „Das ein oder andere Ding ging schon mal „über die Wupper“, aber bei einer Fläche von ungefähr 30 Fußballfeldern war es manchmal auch eine Sisyphusarbeit. Hier stecken gleich mehrere Doktorarbeiten drin.“ Die geschichtlichen Einblicke, die die Archäologen gesammelt hätten, gingen weit über den Durchschnitt hinaus. „Heutzutage haben wir Lidl und Aldi um die Ecke, aber schon früher wussten die Menschen, was hier alles wachsen kann.“ Auch wenn die Fachleute Ende Oktober wieder abgezogen sind, werden sie die Fundstücke, ihre Aufzeichnungen und die gewonnenen Erkenntnisse noch eine Weile beschäftigen. Nicht nur, dass einige Funde res5tauriert werden sollen. Auch das Bemühen, das Projekt wissenschaftlich aufzuarbeiten, wird noch andauern. „Wir hoffen, dass wir die aktuellen Funde im Anschluss einmal ausstellen können“, teilt Dr. Jost mit. Er schätzt allerdings, dass dies frühestens im Jahr 2018 der Fall sein könnte. Das dürfte das kleinste Problem sein: Nach über 7300 Jahren vergehen diese paar Monate sicherlich wie im Flug.
Das Körpergrab einer Frau.
Die Grabung mit sichtbarem Hausgrundriss.Fotos: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz, Gensty
