Initiative Kunst und Kultur in Swisttal hatte volles Haus
Gregor Gysi ist der 30. Preisträger der Morenhovener Lupe
Morenhoven. Der Mann mit den (bisher) sechs Leben hätte sich wohl noch in seinem fünften Leben nicht träumen lassen, dass ihm einmal mehr als 500 Rheinländer geradezu frenetisch Beifall spenden und ihn für einen der besten Redner im Deutschen Bundestag halten: Linken-Politiker und Preuße Dr. Gregor Gysi wurde mit der 30. Morenhovener Lupe ausgezeichnet. „Er gehört zu den großen und wortgewaltigsten Mitgliedern im Deutschen Bundestags - und das, was er zu sagen hat, sagt er auch tatsächlich“, begründete Jury-Vorsitzender Dr. Klaus Grewe von der Initiative Kunst und Kultur im Swisttal (KuSS) die Wahl.
„Hat jemand etwas gegen ihn als Preisträger einzuwenden?“ fragte Grewe das Publikum, das schon vom allerersten Preisträger der Morenhovener Lupe, Konrad Beikircher, humorvoll und kenntnisreich auf den Stargast vorbereitet worden war: „Der ist noch nicht einmal Protestant.“ Statt einer Gegenstimme brandete tosender Beifall auf und machte klar, dass die Gäste im restlos ausverkauften Dorfhaus vielleicht politisch nicht immer auf einer Wellenlänge mit dem Flaggschiff der Linken liegen - dennoch seinen Humor und seine rhetorische Brillanz sehr schätzen.
Gregor Gysi selbst war es ein Anliegen, eine Lanze für einen pfleglichen Umgang mit der deutschen Sprache zu brechen. „Die deutsche Sprache ist in Gefahr - tun sie was dagegen“, mahnte er die Besucher, in einer Zeit sprachverstümmelnder sozialer Medien besser auf die eigene Ausdrucksweise zu achten. In dieser Hinsicht sei der Preisträger jedenfalls ein Vorbild, entgegnete Beikircher, „denn er wirkt der Verluderung der deutschen Sprache entgegen, und das erfordert täglich allergrößte Anstrengung.“
Gysis untrügliches Markenzeichen sei seine spitze Zunge, „aber eine große Klappe allein macht noch keinen guten Politiker“, schmunzelte Grewe. Die Jury wolle aber nur Leute auf ihrer Bühne sehen, die tatsächlich etwas zu sagen hätten - und Gysi sei einer der Politiker, die nicht um den heißen Brei herumreden, sondern das, was sie zu sagen haben, auch tatsächlich sagen.
Der neue Preisträger zeigte sich selbst verwundert, welche Wendungen das Leben manchmal nehme. Er selbst habe mittlerweile schon sechs Leben hinter sich, vier davon in der ehemaligen DDR: zuerst die Kindheit und Jugend, dann die Studentenzeit, später das Leben als Anwalt mit Ehescheidungen, Mördern, Betrügern und nur ganz wenig Politik - und schließlich die Zeit der Umwälzung bis zur Wende 1989/1990.
Auch in der BRD könne er schon aus zwei Leben zurückblicken, denn anfangs seien alle Politiker, Medien und die Öffentlichkeit insgesamt im wiedervereinigten Deutschland absolut gegen ihn gewesen. In diesem fünften Leben habe er sich die Akzeptanz wirklich hart erarbeiten müssen. „Die ist spätestens heute Abend erreicht - deshalb gefällt mir mein jetziges, sechstes Leben auch besser als noch das fünfte.“ Und nach einer launigen Gesprächsrunde mit Beikircher und Grewe auf der Bühne im Dorfhaus war das Publikum endgültig davon überzeugt, dass die Jury der Morenhovener Lupe einmal mehr den richtigen Preisträger ausgezeichnet hatte.
Und auch, dass man vor 30 Jahren richtig gelegen hatte, als man den Wahl-Rheinländer Konrad Beikircher zum ersten Preisträger erkor. Der schlug nämlich eine ebenso humorvolle wie kenntnisreiche Brücke zwischen dem Preußen Gysi und dem ehemals preußischen Rheinland, in dem er nun einen Kleinkunstpreis überreicht bekam. Und das, obwohl Gysi „noch nicht einmal Protestant“ sei, im „normalgläubigen“ Rheinland praktisch eine Todsünde.
Doch genau wie der Rheinländer habe auch Gysi jede Menge Widerstand und Revolutionäres im Blut, er habe auch in der Vergangenheit stets wider den Stachel gelöckt. Dabei könne man den Widerstand der Rheinländer vergleichen mit dem Versuch, einen Fisch mit der Hand einzufangen: „Wenn man meint, man hätte ihn gepackt, flutscht er fix auf die andere Seite und macht dort mit seinem Widerstand weiter.“
Mit einem wilden Ritt durch die rheinisch-preußische Historie vom Wiener Kongress über Goebbels Berliner Sportpalast-Rede bis zu Willy Brandts Abdankung wies er nach, dass Rheinländer und Preußen einfach nicht zueinander passen. Was für den Preußen „präzise“ heißt, ist für den Rheinländer nur „akkurat“ und passt daher immer. Und natürlich sei der Kölner Dom auch heute noch längst nicht fertig, „do jit et immer was ze brassele“, da steht immer ein Gerüst in irgendeiner Ecke.
Schließlich sei es vermessen anzunehmen, man könnte etwas wie den Kölner Dom jemals fertigstellen - „aber guck mal: Die sind dran.“ JOST
