Kleiderkammer und Begegnungscafé in Dierdorf helfen bei der Integration von Flüchtlingen
Halt in einer neuen, unbekannten Welt
Dierdorf. Seit Ende 2015 gibt es das Begegnungscafé in einem Klassenraum des Martin-Butzer-Gymnasiums Dierdorf. Ehrenamtliche aus Dierdorf und Umgebung treffen sich hier mit Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Armenien oder Eritrea. Bereits vorher war - zusammen mit der Verbandsgemeinde Dierdorf - im Gymnasium eine Kleiderkammer eingerichtet worden, die Flüchtlinge mit dem Nötigsten des täglichen Bedarfs versorgt. Weil man die Flüchtlinge im Winter beim Warten vor der Kleiderkammer nicht in der Kälte stehen lassen wollte, war man auf die Idee gekommen, einen Aufenthaltsraum zur Verfügung zu stellen. Daraus entstand das Begegnungscafé, das heute Treffpunkt zum Kennenlernen, Austausch und zum Besprechen des einen oder anderen Problems geworden ist. Die Erwachsenen unterhalten sich, die Kinder spielen oder lernen spielerisch rechnen und schreiben. Erwin Kuhn, der früher am Martin-Butzer-Gymnasium unterrichtete, hatte die Schulleitung gefragt, ob sie Räume zur Verfügung stellen kann. Die Antwort der privaten evangelischen Schule war positiv. Seitdem werden dort Kleiderspenden entgegengenommen und weitergegeben. Erwin Kuhn erinnert sich: „Die einzige Problematik war, dass unter den zum Teil sehr gut erhaltenen Kleiderspenden Teile waren, die von der Konfektionsgröße her für die meisten Flüchtlinge nicht in Frage kamen.“ Menschen, die aus den Kriegsgebieten dieser Welt kommen, passen eben keine Übergrößen. Spenden, die für die Flüchtlinge nicht verwendbar sind, werden von der Kleiderkammer an die Hilfsorganisation Stiftung Bethel weitergeleitet. „Die Kleiderkammer benötigt immer noch Sachen für schlanke junge Männer, auch Turnschuhe und Sportsachen sind willkommen“, sagt Erwin Kuhns Ehefrau Anita. Außer Bekleidung verfügt die Kleiderkammer auch über Bettwäsche, Töpfe, Geschirr, Spielsachen, Schulbücher und Ranzen. Gerne genommen werden auch funktionstüchtige Fahrräder, weil sie oft für die Flüchtlinge das einzige Fortbewegungsmittel darstellen. Erwin Kuhn erzählt: „Regelmäßig kommt ein syrischer Flüchtling aus Kausen mit dem Fahrrad zum Begegnungscafé.“ Die Entfernung nach Dierdorf beträgt von dort aus acht Kilometer mit beträchtlichen Höhenunterschieden. Die Helfer um das Ehepaar Kuhn schätzen die Zahl der Flüchtlinge, die das Angebot von Kleiderkammer und Begegnungscafé in Anspruch nehmen, auf 50 Personen. Für die Verbandsgemeinde Dierdorf koordinieren Udo Stein und Anette Abel von der Abteilung Bürgerdienste die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingshelfern. Aus Mitteln einer Spende der Westerwaldbank für die Flüchtlingsarbeit finanziert Udo Stein Kaffee, Kakao und Kekse für das Café. Geplant ist noch ein gemeinsamer Ausflug der ehrenamtlichen Helfer mit den Flüchtlingen in den Zoo nach Neuwied.
Flüchtlinge öffnen sich langsam
Bisher wurden in der Verbandsgemeinde mit ihren 11.000 Einwohnern 150 Flüchtlinge aufgenommen. Sie kommen überwiegend aus Syrien und Afghanistan, zuletzt eine größere Zahl aus Armenien und Pakistan. Flüchtlinge aus den Balkanstaaten werden tendenziell eher wieder in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Viele von ihnen, sagt Udo Stein, hätten sich allerdings schon sehr gut in die deutsche Kultur und Lebenswelt integriert, weswegen eine Abschiebung in diesen Fällen oft ein großes menschliches Drama darstelle. Die Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen und teilweise Schreckliches erlebt haben, öffnen sich nur langsam ihren deutschen Helfern gegenüber. Udo Stein hat beobachtet: „Am ehesten merkt man es den Kindern an. Manche malen Bilder, auf denen Familienangehörige erschossen werden oder verletzt sind.“ Von den Erwachsenen erfährt man erst, was sie durchlitten haben, wenn sie etwas Deutsch gelernt haben. „Das geschieht aber nur andeutungsweise, weniger im Detail“, sagt Karl-August Heib, ein weiterer der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Dierdorf. Jonas (20) aus Afghanistan berichtete dann irgendwann über seine Flucht, über die 8.000 US-Dollar, die er einem Schlepper bezahlte, den langen Fußmarsch, seine Erlebnisse an der bulgarischen Grenze, wo ihm Handy, Geld und Schmuck abgenommen wurden, wo man Hunde auf ihn hetzte.
Nun ist Jonas, der ihn Giershofen wohnt, Mitglied im Sportverein TuS Dierdorf und Helfer beim Roten Kreuz. Ein anderer Flüchtling singt im Kirchenchor mit, ein Armenier spielt im Posaunenchor. „Nur so geht Integration“, fasst Erwin Kuhn diese positiven Erlebnisse zusammen.
Eine große Rolle spielen für die Flüchtlinge die Smartphones, auf denen sie Bilder aus ihrer Heimat gespeichert haben. Erika Plückhahn hat erlebt: „Gerne zeigen sie ihre Wohnungen, ihre Häuser, ihre Verwandten, die sie verlassen mussten.“ Mit diesen Bildern erklären viele auch, welche Berufe sie in Syrien, Afghanistan oder den anderen Krisengebieten ausgeübt haben. Es sind Friseure dabei, Taxifahrer, Schuhmacher, Köche, Installateure oder auch Fliesenleger, einige haben auch mehrere Berufe parallel ausgeübt, weil sie von einem alleine nicht leben konnten.
Das Schlimmste für die jungen Flüchtlinge, sagen die Helfer im Begegnungscafé, sei das Nichtstun. Heib erklärt: „Die stecken voller Tatendrang und haben lange Zeit nichts zu tun, die können ja praktisch nur rumlungern.
Für viele von ihnen ist es deshalb außerordentlich wichtig, dass sie feste Termine haben.
Das sind zum Beispiel die beiden Tage, an denen sie den Sprachunterricht besuchen, aber auch die Kleiderkammer und das Begegnungscafé.“
Den Sprachunterricht - ebenfalls in Räumen des Martin-Butzer-Gymnasiums - bieten die ehemaligen Lehrer Heib und Luise Löwer sowie Frau Scholl und Herr Schöne an, noch bevor die Flüchtlinge nach Abschluss des Anerkennungsverfahrens einem der offiziellen Sprachkurse zugewiesen werden. Einen weiteren ehrenamtlichen Sprachkurs führt in Isenburg Regine Engel durch. Auch die Kreisvolkshochschule bringt Flüchtlingen in Kursen Deutsch bei. Um diese Struktur, die Halt und Sicherheit gibt, nicht durch Ferienunterbrechungen zu gefährden, werden die ehrenamtlichen Angebote auch in den Schulferien fortgeführt.
Feste Termine sind wichtig
Manche Flüchtlinge haben in ihren Heimatländern gar keine Schule besucht, andere zehn Jahre Unterricht genossen. Einige haben studiert, können Englisch. Berufsausbildungen nach europäischem Vorbild gibt es eher nicht. Was man können muss, wird von den älteren Kollegen abgeguckt.
Die meisten Frauen heiraten nach der Schule, ohne sich weiter qualifiziert zu haben. Karl-August Heib berichtet von einer jungen Frau, die mit 17 Jahren Witwe wurde, weil ihr Mann im syrischen Bürgerkrieg getötet wurde.
Ab September sind die Kleiderkammer und das Begegnungscafé jeden ersten, dritten und fünften Freitag im Monat geöffnet. Sowohl die Helfergruppe als auch die Flüchtlinge würden sich über weitere Gäste, woher auch immer, freuen.
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