Veranstaltung der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur e.V. Höhr-Grenzhausen
„Herkunft – Heimkunft“ - musikalische Lesung fand tollen Anklang
Höhr-Grenzhausen. Ein später, jedoch eindrucksvoller Beitrag zu dem diesjährigen Motto des Kultursommers „Heimat/en“ fand in der Kapelle in Grenzau seinen überzeugenden Ausdruck: Die Gesellschaft für Stadtgeschichte und Kultur e.V. Höhr-Grenzhausen (GSK) hatte das Motto aufgegriffen und zu einer literarisch-musikalischen Stunde eingeladen. Der Spannungsbogen zwischen Herkunft und Heimkunft wurde auf erfreulich hohen Niveau bis hin zu dem verbindenden gemeinsamen Liedgesang am Schluss gehalten. Eine einmalige Kulisse, das wahrhaftige Kleinod des Sakralraumes und nicht zuletzt die historische Orgel, ein bezauberndes Juwel, gaben die Voraussetzung zu gutem Gelingen eines Vorhabens, das man mit Erinnerung, Nachdenklichkeit und Besinnlichkeit umschreiben könnte. Die gelungene Auswahl der Texte wurde von Kyra Spieker, Michael Dombek und Willi Görgen in einem sinnfälligen Wechsel dargeboten. So glückte ein wünschenswerter Rhythmus, welcher der Aufmerksamkeit der zahlreichen Besucher im vollbesetzten Gotteshaus diente.
Der sprachlich erste Teil begann mit dem Vortrag des Wortfeldes „Heimat“ von sechzig Wörtern und Wortverbindungen, in denen sich das Wörtchen „heim“ wiederfindet, wodurch die Vielfalt sowie der Reichtum der deutschen Sprache illustriert werden konnten. Es folgten Textauszüge, die den Westerwald auf unterschiedliche Weise betrachteten: Sie stellten die Besonderheit der Landschaft, die Eigenart ihrer Bewohner und deren Lebensbedingungen heraus. In den drei Textauszügen von Hanns-Josef Ortheil wurde zunächst an August Sander erinnert, der mit seinen Fotographien die erschreckende Armut und Strenge der Westerwälder Menschen dokumentiert. Ein zweites Zitat zeigt den Versuch des Verfassers, seine Heimat für sich zu bestimmen. Der dritte Auszug erkennt in dem Schweigen der Bewohner ihre bäuerliche Herkunft: „Das Geltenlassen der Stille.“ Die Goetheverehrerin Albertine von Grün beklagte das Spießertum der Kleinstädter in Hachenburg. Der Heimatflüchtling Ernst Decker kehrte nach abenteuerlichem Leben in Amerika reumütig aus Heimweh zurück und fand im Westerwald seinen ruhigen Lebensabend in Stille. Unter dem Titel „Euler“ wurden gleichsam wie im Schlaglicht Facetten und Nuancen des uralten Töpferhandwerks gereiht. Der Expressionist und vielseitige Künstler, Ernst Barlach, der kurzzeitig Lehrer der örtlichen Fachschule war, merkte in einem Brief an seinen Freund in Berlin an, dass er sich in Höhr unglücklich fühle: „In welcher Schlinge hänge ich drin.“ Das Ende des ersten Teils bildete ein Text des geachteten ehemaligen Leiters der keramischen Fachschule, Heribert Fries: Unter dem Titel „Im Schlondes“ spiegeln sich meditativ-philosophischen Gedanken eines Töpfers wider.
Der zweite Teil weitete den Blick und bot klassische Texte der Literatur. Er wurde mit Sentenzen eingeleitet, die das Motto in unterschiedlicher Weise intonierten. Mascha Kalekos Gedicht „Heimweh, wohin?“ wies auf die schmerzhafte Seite von Exil und Wehmut hin. Es folgten zwei autobiographische Texte: H. Glaser erzählt in Dankbarkeit von seiner Verwurzelung und Prägung durch die Heimat. W. Joop verweist auf den belasteten Begriff der Heimat in der deutschen Nachkriegszeit, betont dann jedoch energisch, wie bedeutsam und wesentlich ihm seine Heimat war und ist: „Heimat ist mein schönstes Wort.“ Dann reihten sich lyrische Texte, welche die Facetten und Nuancen der Heimat variierten (Domin, Dauthenday, Trakl, Strittmatter, Köhler und Hölderlin). Eine besondere Stellung nahmen drei Gedichte ein, die gemeinhin wegen ihrer Bekanntheit zum Volksliedgut gezählt werden: „Kein schöner Land“ von A.W. Zuccalmaglio, „Mondnacht“ von J. von Eichendorff, und „Abendlied“ von M. Claudius. Ihr reicher, inhaltsschwerer, romantisch gefärbter Gehalt, rührt wohl immer neu das Gemüt.
Der geglückte Wechsel zwischen Rezitation und Musik fügte sich zu einem harmonischen Ganzen. So kündeten die musikalischen Beiträge von nahen und fernen „Heimaten“: Der einleitende vierte Satz aus Händels Flötenspiel op. 1 führte in die Londoner Zeit dieses Komponisten; vom Berge Montserrat klang eine Sonate für „Spanische Trompeten“ (Sonata de Clarins) herüber, deren Tempo und Klangumfang vorzüglich von der kleinen historischen Orgel bewältigt wurde. Volkslieder aus dem Westerwald oder aus Schlesien wurden vokal und instrumental eingebaut, wobei ein fröhlicher Dialog zwischen Orgel und einem Glöcklein im Turm nicht fehlen durfte. Bekannte Kompositionen von Humperdinck und Beethoven ergänzten das Programm, das es auch ermöglichte, alle Anwesenden gemeinsam in ein bekanntes Abendlied einstimmen zu lassen. Eine Besonderheit war zudem ein sehr alter „Grenzauer Generalbass“, der nicht nur gespielt wurde, sondern auch zum Betrachten ausgestellt war. Als Solisten hörte man Beate Wolf mit ihrem klangvollen Sopran, David Stahl mit seinem einfühlsamen Spiel auf der Querflöte und Rolf P. Schwickert, der mit seinem sensiblen und virtuosen Spiel der Orgel geradezu himmlische Klänge entlockte.
