BLICK in die Chronik von Hilgert: Lehrer Thielmann und die neue Schule
Hilgert investiert in Bildung – und gewinnt
Vor 133 Jahren wurde die neue, erweiterte Schule eröffnet – Lehrer Thielmann war froh, nach Hilgert zu kommen
Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels legen mit ihrer Dorfchronik einen attraktiv aufbereiteten Bildband vor, der über die bloße Sammlung historischen Materials hinaus geht. Schnugs Texte ordnen das von Bartels und ihm gesammelte und bearbeitete visuelle Material ein und erzählen bisweilen rührende Anekdoten. Der Leser lernt einen Ort kennen, der den großen historischen Begebenheiten unterworfen ist und als Spiegel der deutschen Geschichte betrachtet werden kann. Aber auch einen Ort, dessen eigentümliche Bewohner seine Zukunft aktiv lenken und mitgestalten, die Gemeinschaft leben und einander stützen. BLICK aktuell veröffentlicht in der Reihe „Damals in Hilgert... Geschichte im Blick“ Auszüge aus dem Werk. Unter www.blick-aktuell.de können die bisher veröffentlichten Teile gelesen werden.
Eine moderne Schule muss her
In den 1880er-Jahren befassten sich die Hilgerter Gemeindevertreter und die preußische Staatsverwaltung mit dem bisher teuersten Vorhaben in der Geschichte des Ortes: der Errichtung einer modernen Anforderungen entsprechenden Schule. Schon vorher hatte sich herausgestellt, dass die vorhandenen Unterrichtsräume wegen der gestiegenen Schülerzahlen erneut zu klein geworden waren. 1884 gab die Gemeinde daher dem Druck der Schulbehörde nach und entschloss sich zum Bau eines größeren Gebäudes auf dem Nachbargrundstück der bestehenden Schule, das zu diesem Zweck mit Kaufvertrag vom 30. September 1884 von den Eheleuten Wilhelm Jung zum Preis von 833 Mark erworben wurde. Es sollte nicht der letzte Neubau sein.
Eine große Investition für Hilgert
Ein Anfang 1884 aufgestellter Kostenvoranschlag ergab für das Hauptgebäude eine Bausumme von 23.000 Mark. Für das Nebengebäude (Toiletten, Räumlichkeit für eine Feuerwehrspritze, Stall für ein Schwein und zwei Ziegen), das zugleich als Abstellort für den gemeindlichen Leichenwagen diente, wurde Anfang 1885 eine Summe von 3.000 Mark beziffert. Tatsächlich beliefen sich die Baukosten auf ca. 28.000 Mark. Dabei mussten die zahlreichen Anbieter teilweise Nachlässe von bis zu 20 Prozent gewähren, um den Zuschlag zu erhalten. Sämtliche Materiallieferungen wurden außerdem von Bürgermeister Wilhelm Schneider geprüft, ehe sie entladen werden durften.
Heimische Werkstoffe im Einsatz
Das aus roten Ziegelsteinen (auch Backsteine genannt) bestehende und in seiner Außenfassade im Wesentlichen noch heute erhaltene Hauptgebäude hat eine Länge von ca. 19 und an den Giebelseiten eine Breite von ca. 9 bzw. 7 Metern. Für den Bau benötigt wurden etwa 130.000 Ziegel. Der erforderliche Lehm stammte aus dem Gemarkungsteil Kirchhahn. Die Steine wurden an Ort und Stelle gebrannt. Die Bruchsteine für die Fundamente kamen aus dem Steinbruch „Im Winkel“ und das Holz aus den Gemarkungsteilen Bühl und Scheid.
Das Schulgebäude umfasste zwei Klassenräume (rechts) und zwei Lehrerwohnungen (links). Die Höhe des Schulturms beträgt ca. neun Meter; er galt als Wahrzeichen des Ortes. Seine Glocke rief nicht nur die Kinder zum Schulunterricht, sondern zeigte darüber hinaus den Bauern bei der Feldarbeit die Mittagszeit an, verständigte im Brandfall die Mitglieder der Feuerwehr und geleitete die Toten auf ihrem letzten Weg von dem Haus, in dem die Aufbahrung stattfand, ehe sich der von einem Pferd gezogene Leichenwagen am Bestattungstag in Gang setzte, zum Friedhof.
Die feierliche Einweihung der Schule erfolgte am 11. Februar 1886 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Leiter der Schule war vom 20. Januar 1872 bis zum 30. September 1919 der 1850 in Waldhausen bei Weilburg geborene Hermann Thielmann, der am 24. Juni 1924 im Bierhaus verstarb.
Ein Lehrer, der Wachstum fördert
Als Sohn eines Lehrers hatte Thielmann von 1866 bis 1869 das Lehrerseminar in Usingen besucht, wo er seit dem 15. Mai 1869 für kurze Zeit an der dortigen Elementarschule lehrte. Bevor er nach Hilgert versetzt wurde, war er seit dem 1. Dezember 1869 in Hundsdorf tätig. Anlässlich seiner Ankunft in der neuen Gemeinde bekundete Thielmann: „Die Tage, welche ich in Hundsdorf verlebt, halte ich für wahre Prüfungstage. Ich freue mich herzlich, daß mich der liebe Gott einmal von dem Ort geführt in einen anderen, wo doch Leute sind, die es noch ehrlich mit den Menschen meinen. Der liebe Gott hat bis hierher nun geholfen, er wird ferner helfen!“
In Hilgert lernte Thielmann Augusta Schneider kennen, die er zur Frau nahm. Das Lehrergehalt, das sich zuletzt auf 1.500 Mark im Jahr belief, erhielt auch Thielmann noch aus dem Gemeindehaushalt, wobei ein Großteil durch staatliche Zuschüsse gedeckt war. Wie seine Vorgänger leitete er die Gemeindebaumschule und legte darüber hinaus zahlreiche Streuobstwiesen in der Hilgerter Gemarkung an. 1876 hatte er eigens an einem sechswöchigen Lehrgang an der Pomologischen Anstalt (Pomologie: Obstkunde) zu Geisenheim teilgenommen, um in zwei Kursen den Obstbau gründlich kennenzulernen. 1884 ließ die Gemeinde durch Thielmann im Anschluss an die Gewährung eines von der Regierung im Vorjahr gewährten, innerhalb von 20 Jahren rückzahlbaren zinslosen Darlehens in Höhe von 200 Mark ca. 200 Obstbäumen anpflanzen.
Unterstützung für Thielmann
Nach Aufnahme des Schulbetriebs veräußerte die Gemeinde die alte Schule für 2.000 Mark an die Eheleute Johann Friedrich Julius Klein. Dank der wesentlich besseren räumlichen Verhältnisse in dem neuen Gebäude konnte eine zweite „Lehrerhilfsstelle“ geschaffen werden. Unter dem 14. Dezember 1885 hatte die Regierung in Wiesbaden zuletzt festgestellt, dass Thielmann bei allem Fleiß die Arbeit nicht mehr alleine bewältigen könne und aufgrund der nunmehr bevorstehenden Fertigstellung des neuen Schulhauses ein wesentliches Hindernis für die Einstellung eines weiteren Lehrers wegfalle. Allerdings traten bei der konkreten Umsetzung Verzögerungen ein, da sich die Gemeinde nicht in der Lage sah, die hierfür anfallenden Kosten zu übernehmen, und auf das knappe Einkommen sämtlicher Einwohner hinwies. Erst Anfang November 1887 wurde die neue, vollständig aus staatlichen Zuschüssen finanzierte Planstelle mit dem Lehramtsgehilfen Karl Ludwig Katherey (geb. 1867 in Dillenburg) besetzt, der 1890 die zweite Lehramtsprüfung bestand und nun als regulärer Lehrer weiterhin in Hilgert verblieb. Als Industrielehrerin fungierte seit dem 1. Januar 1884 außerdem Regine Zöller, die dieses Amt bis zu ihrem Tod 1899 versah. Sie starb an einer Influenza.
Mehr als Bildung gesät
Am 24. September 1899 schlug der Blitz in den Schulturm ein und zerstörte das Dach sowie die Decke des Esszimmers. Ferner wurde ein Anbau mit den Gemeindefeuerleitern stark beschädigt. Einzelne Balkensplitter flogen bis zu zwölf Meter weit.
Für die Baumschule wurde im Frühjahr 1901 nach einer Verlegung im Jahr 1873 auf ein 31 Ruten großes Grundstück in der „alten Steinkaul“ wiederum eine neue Parzelle ganz in der Nähe des Schulhauses gefunden, auf der sich der sogenannte Prozessbrunnen befand. Weil das Grundstück etwas kleiner war, stellte die Gemeinde zusätzlich ein ca. 14 Ruten großes Flurstück zwischen „der alten und neuen Straße“ zur Verfügung, von dem es in der Schulchronik heißt, dass es im Verhältnis zu den vorgenannten Straßen „ein Dreieck“ gebildet habe. Aus dem Bestand der Baumschule bekam jeder Schulabgänger von Thielmann in den letzten Jahren seiner Tätigkeit als Leiter der Hilgerter Schule ein kleines Apfelbäumchen als Abschiedsgeschenk. Auch die Gemeindeverwaltung zeigte sich hin und wieder spendabel. So stiftete sie den Schülern im Jahr 1900 aus Anlass des Geburtstags von Kaiser Wilhelm II. frische Brezeln, die von Bäckermeister Wilhelm Ludwig Schnug, Schulweg (spätere Nordstraße 4 bzw. heutige Nr. 8), geliefert wurden.
Aus Claus-Dieter Schnug
und Horst Bartels: Hilgert –
Ein Westerwalddorf im
Wandel der Zeit, S. 83 ff.
ISBN 978-3-00-042946-0
Eine Schulklasse mit Schulleiter Thielmann (nach 1901). Fotos: Archiv/Bartels
