Andernacher „Poetry Slam“ bringt zwei Sieger hervor
Hochkarätige Wortakrobaten treten auf
Andernach. Beim 2. Andernacher „Poetry Slam“ brachte der Applaus des Publikums weder den Putz den Historischen Rathauses zum Bröckeln, noch war er bis nach Koblenz zu hören, wie Siegerin Kim Cathrin befürchtete. Doch war „das Brot des Künstlers“, den die Zuschauer des bunt gemischten Publikums den Poeten entgegenbrachten, ein gehöriger. Moderiert wurde der von dem Kulturamt der Stadt Andernach veranstaltete Abend von dem erfahrenen Poetry-Slammer „Mario el Toro“. Natürlich nicht ohne selbst das ein oder andere Gedicht vorzutragen – wie Rapunzel mit T.
BeeindruckendeDarbietungen und Einblickein die Seele der Künstler
An diesem Abend war viel von der Bandbreite menschlicher Emotionen auf der Bühne zu spüren: Verletzungen, Trauer, Liebe, aber auch Lustiges, das das Publikum Tränen lachen, johlen und strahlen ließ. Tief berührt, beeindruckt von dem Mut und der Sprachgewalt der Künstler wurde ein kurzweiliger Abend verbracht. Teils von Aachen angereist, in Köln Fahrgemeinschaften gebildet, um jeweils sechs Minuten pro Auftritt persönliche Texte vorzutragen und diese bewerten zu lassen – denn per Handkarte oder Applaus stimmt das Publikum ab, wen es im Finale sehen will.
Den Anfang machte Jan Holste mit seinem Reim über Freundschaft und - so konnte man zwischen den Zeilen heraushören - den Sinn des Lebens. Er erzählte von einem lustigen weinseligen Abend, der - jetzt carbonverstärkt du Karpfen - im Krankenhaus endete.
Nach diesem schon beeindruckenden Auftakt betrat Abiturientin Kim-Cathrin die Bühne, um frei und im Stakkato ihre Meinung zum Schulsystem und der Bildungselite herauszuhauen. Auch durch ihre Gestik zeigte sie ihre tiefen Emotionen. Mit 84 Punkten zog sie direkt ins Finale ein. Etwas leichter und lustiger wurde es mit Fuhrunternehmer Christian Gottschalk. Nicht minder präsent tat er seine Meinung zum Thema Lebensmottos, die ihm übergriffig von Autos oder Kik-T-Shirts entgegenprangen - „One life - live it“ -, kund. Sein Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Der junge Simon Middelkoog verarbeitete seine Zeltlager-Erfahrungen und Erlebnisse mit Kindern in kurzweilig vorgetragenen Anekdoten. Der Sympathisant, der gerne und vielleicht auch am enthusiastischsten mit den Kindern Rolf Zuckowski singt, ging im Laufe des Abends spürbar in den Austausch und entwickelte sich zu einem Publikumsliebling.
Anspruchsvoll wurde es mit Alexander Bach. Melancholisch und berührend erzählte der Kölner in „Dies ist keine Gespenstergeschichte“ von einer verflossenen Liebe. Er ließ das Publikum an den Lieblingskörperteilen seiner Verflossenen teilhaben - den Händen. Webte Bilder mit Worten – „ein Gefühl wie Tee in eine Tasse gießen“.
In der darauffolgenden Pause war für Erfrischung mittels Getränken gesorgt, die Künstler mischten sich unters Publikum oder signierten Bücher.
„Repect the Poets“ -Beste Unterhaltung
Nach der Pause lud Moderator „Mario el Toro“ die Zuschauer ein, Platz zu nehmen und den zweiten Finalisten zu ermitteln.
Diese Runde startete in umgekehrter Reihenfolge und so präsentierte Alexander Bach sein Werk mit dem Titel „Fuck the clouds“, obwohl er eigentlich keine Schimpfwörter mehr verwenden wollte. Der vollendet herausgeputzte Anzugträger berichtete von einer Fahrt über Landstraßen nach Perignon, Kassetten von Bert Kaempfert anhörend mit einer wie man am Schluss erfährt verstorbenen Liebe. Ballons, mit angebundenen Kassetten, die er aufsteigend lässt, statt sie ins Grab zu legen. Echt, mit viel Inhalt rundete sich gefühlvoll das Bild.
Simon Middelkoogs Gedicht war kürzer als die vorgeschriebenen sechs Minuten, daher stellte er ein kurzes Gedicht über eine Taube, die von einem Bussard - oder einem „Bus hart“ zerfetzt wurde. Der Auftritt nahm an Fahrt auf und entwickelte eine Energie, die das Eis brechen ließ und der Finalist stand fest.
Elektroautotransporteur Gottschalk berichtete über „Guilty pleasure“ beim „Shopping Queen“ schauen, über neumodisches Mindset und „Quality time“. Nach dieser sehr witzigen und auf den Punkt gebrachten Darbietung, tobte der Applaus.
Jan Holste machte einen gebührenden Abschluss der zweiten Runde mit seinem an TKKG angelehnten Hörspiel „JJJJ - Jan Jan Jan und Jan“, bei dem das Publikum die Aufgabe hatte, den Text mit passenden Geräuschen wie grobem Pöbeln zu untermalen. Die Geschichte endete mit einem fliegenden Hamster und Taylor-Swift-Konzertkarten-Fortsetzung folgt.
Im Finale gaben die zwei Finalisten noch einmal alles. Der sich als Boomer fühlende Simon legte sich bei C&A auf die Lauer, um dann doch - Yolo - von Gleichaltrigen am Berufskolleg verprügelt zu werden und Kim-Catrin brachte ihre Verzweiflung - es ist Herbst - ob des Klimawandels wortgewandt zum Ausdruck.
Bei der anschließenden Abstimmung durch Klatschen konnten „Mario el Toro“ und die Verantwortlichen der Stadt keinen eindeutigen Sieger ermitteln. Da auch beim folgenden Drei-Sekunden-Applaus, bei dem das Publikum in der kurzen Zeit noch einmal alles gibt, kein Unterschied festzustellen war, teilten sich die zwei Finalisten schließlich die Prämie - Tasse und Schnaps - mit der sie im weiteren Abendverlauf gleich ihren Sieg begießen wollten.
Moderator „Mario el Toro“, mit den zwei Siegern und dem Veranstalter Kulturamt Andernach.
