Einzelhandelsverband hatte Swisttaler Gewerbetreibende eingeladen
Hoffnung auf Wiedereröffnung der Einzelhandelsgeschäfte schwindet jeden Tag mehr
Informationsveranstaltung zum Thema: „Flut und Corona-Pandemie - Herausforderungen und Chancen für den Swisttaler Einzelhandel“ fand nur ein verhaltenes Interesse
Swisttal. Sehr verhalten war das Interesse der von der Flut betroffenen Swisttaler Gewerbetreibenden an einer Informationsveranstaltung des Einzelhandelsverbandes Bonn-Rhein-Sieg zum Thema: „Flut und Corona-Pandemie – Herausforderungen und Chancen für den Swisttaler Einzelhandel“. Lediglich zwei Geschäftsinhaberinnen nahmen an der Videokonferenz teil, die vonseiten der Veranstalter hochkarätig besetzt war. Unter der Leitung des Einzelhandelsverbandes-Vorsitzenden Jannis Vassiliou brachten Ursula Thiel, die Leiterin der Stabsstelle Wiederaufbau beim Rhein-Sieg-Kreis, sowie Regina Rosenstock, die bei der IHK Bonn-Rhein-Sieg für die Fluthilfe-Entschädigungen der Unternehmen zuständig ist, und der Swisttaler Wirtschaftsförderer Martin Koenen ihre Expertise ein.
Lebensader in den Ortskernen
Unter den Teilnehmern der Veranstaltung waren auch Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner (CDU) und die beiden Ratsfrauen Hannelore Kirleis (CDU) und Sabine Riedl (Grüne), die wissen wollten, wo die Swisttaler Geschäftsinhaber der Schuh drückt. „Der Einzelhandel ist uns überaus wichtig, denn er ist die Lebensader in den Ortskernen und Magnet für Besucher“, erklärte Kalkbrenner. Es sei schon vor der Flut eine Herausforderung gewesen, die Ortskerne attraktiv zu halten, das habe sich nun noch einmal deutlich erschwert. „Hut ab vor allen, die weitermachen mit neuen Ideen und Initiativen wie der Container-Einkaufszeile in Heimerzheim.“ Zu allem Überfluss seien auch die allermeisten Einzelhändler nicht nur mit ihren Geschäften, sondern auch privat von der Flut betroffen gewesen und somit doppelt geschädigt, wusste die Bürgermeisterin. Außerdem seien die Einzelhandelsgeschäfte in den Ortschaften auch wichtige Kommunikationspunkte für die Bürger und somit ein elementarer Bestandteil des Gemeindelebens, ergänzte Sabine Riedl.
„Nach wie vor ist die jetzige Zeit sehr herausfordernd und teils auch ungewiss“, bemerkte Jannis Vassiliou. Die Flut habe alles geändert, und noch immer gelte es, mit den Nachwirkungen zu leben. Auch die Auswirkungen der noch andauernden Corona-Pandemie hätten dem Einzelhandel schwer zugesetzt. Zwar gebe es nun eine Perspektive für Lockerungen, dennoch bleibe die wirtschaftliche Lage des Einzelhandels prekär. „Es gilt nun, Altes hinter sich zu lassen, Neues zu beginnen und gemeinsam Schritte in die Normalität zu machen“, forderte er.
Verödung der Ortskerne als zunehmende Gefahr für den Handel
Es sei bekannt, dass die Verödung der Ortskerne schon seit Jahren eine zunehmende Gefahr für den Handel darstellten. Die Corona-Pandemie sei ein Katalysator für derartige Prozesse, die Flutkatastrophe könne diese Entwicklung noch beschleunigen. „Aus diesen Gründen muss dringend etwas getan werden.“ Sich zu vernetzen und in Zusammenarbeit Probleme zu lösen, sei von größter Bedeutung. Für Swisttal sei der Wiederaufbau das größte Thema, fast ebenso wichtig sei aber auch die Digitalisierung. In der Corona-Pandemie sei vielen Unternehmen des stationären Einzelhandels die Kundenansprache und die Kundenbindung schwergefallen. „Hier eröffnet die Digitalisierung wichtige Möglichkeiten, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben“, wusste der Einzelhandelsverbandsvorsitzende. Zumal Digitalisierung auch bei internen Geschäftsprozessen eine erhebliche Rolle spiele. „Die Digitalisierung ist eine Chance, die es jetzt zu nutzen gilt. Ohne sie wird der Einzelhandel in Zukunft nicht mehr funktionieren.“
Frust und Enttäuschung bei Einzelhändlern
Für die beiden Einzelhändlerinnen Ina Krämer, die ein Sportgeschäft in Heimerzheim betrieb, und Regina Rothkopf, die am Fronhof in Heimerzheim einen Direktvermarktungsladen für ihren landwirtschaftlichen Betrieb in Dom-Esch hatte, sind indes die Regeln für die Zahlungen aus den Wiederaufbaufonds das alles überlagernde Problem. Es werde nämlich für zerstörtes Inventar und abgesoffene Gerätschaften nur der Zeitwert ersetzt und nicht, wie bei Privatpersonen, der Wiederbeschaffungswert. So seien steuerlich abgeschriebene Objekte, die dennoch wichtig für die Produktion seien, praktisch wertlos und würden daher nicht ersetzt. „Die Vorgaben sind einfach falsch, da muss eine Lösung gefunden werden“, war Vassiliou fassungslos. Hier solle auf eine Änderung im NRW-Katastrophenschutzerlass hingewirkt werden, in dem dies so vorgeschrieben werde. Weil auch die Versicherung nur einen Teilbetrag ersetzte und Ina Krämer am Schluss auch noch den Gutachter selbst bezahlen musste, weil die NRW-Bank ihren Förderantrag ablehnte, „hatte ich die Faxen dicke und habe das Geschäft zum 28. Dezember abgemeldet.“
Regina Rothkopf ist ebenfalls frustriert und sieht ihre Hoffnung auf eine Wiedereröffnung jeden Tag ein bisschen mehr schwinden. Zumal der Vermieter wenig Anstalten mache, die Geschäftsräume wieder in Ordnung zu bringen. „Der Wiederaufbau geht überhaupt nicht voran“, schüttelt die Landwirtin den Kopf. Anscheinend konzentriere der Vermieter seine ganze Energie auf ein anderes Mietobjekt. Auch die Container-Ladenzeile auf dem Fronhof in Heimerzheim sieht sie kritisch, „denn da macht jeder sein Ding mit völlig unterschiedlichen Öffnungszeiten.“ Das schrecke die Kunden ab, weil sie nie wüssten, wer gerade geöffnet habe und wer nicht. Hier wünscht sie sich künftig eine bessere Zusammenarbeit und gemeinsame Öffnungszeiten, hier soll Wirtschaftsförderer Martin Koenen seinen Einfluss geltend machen. Bürgermeisterin Kalkbrenner will zudem dem Vermieter persönlich ins Gewissen reden.
JOST
