Allgemeine Berichte | 19.04.2021

Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt Skulptur und Plastik vom Mittelalter bis zu Rodin

„In Form“ gebracht

Ein Blick in die Ausstellung.Foto: HG

Rolandseck. „Es kommt darauf an, bewegt zu sein, zu lieben, zu hoffen, zu schaudern, zu leben. Mensch zu sein, ehe man Künstler ist!“ Diese Worte des Bildhauers Auguste Rodin liest man auf einer Wand der Ausstellung „In Form - Skulptur und Plastik bis 1900“. Sie beschreiben, was das Menschsein ausmacht und zugleich zur Essenz dessen gereicht, was Künstler zur Anschauung bringen wollen. Sie könnten niemanden berühren, wäre nicht die Dimension des Menschlichen auch Bestandteil ihrer Kunst.

Geschnitzte und gehauene Skulptur, modellierte und gegossene Plastik machen im Wortsinne begreiflich, welche Botschaften und Empfindungen ihnen eingespeist sind. Natürlich darf man sie im ARP Museum Rolandseck nur mit den Augen abtasten – auch das ein sinnliches Vergnügen.

Die Kunstkammer Rau wirft im Themenjahr „Fantastisch plastisch“ des Museums bis Ende Januar 2022 Schlaglichter auf die klassische Bildhauerei vom Mittelalter bis zu Rodin. Im zentralen der drei Ausstellungsräume gibt es unter dem Motto „die Werkstatt des Bildhauers“ vorab einen Blick auf verschiedene Merkmale dieser Kunst.

Materialien und Motive werden herbeizitiert, so in Holzfiguren der Heiligen Petrus und Johannes, im kleinen Marmor-Mädchen mit Vogel und Apfel und in der Bronze von Paolo Troubetzkoy, der seine Frau Elin im japanischen Kostüm portraitiert. Die Arbeit des impressionistischen Bildhauers stellt zugleich ein Scharnier dar zur im Sommer beginnenden Dialog-Ausstellung zweier Neuerer der modernen Plastik: Auguste Rodin (1840–1917) und Museumspatron Hans Arp (1886–1966). Denn Troubetzkoy empfing durch Rodin wesentliche Anregungen.

Angerissen wird auch das Phänomen „Fragment“, erscheinen doch Kunstwerke nach Jahrhunderten oft ihrem angestammten Umfeld entrissen. Oder sie überdauern nur in Reststücken ihrer selbst, wie jener anmutige Kopf der Maria Magdalena eines anonymen Meisters. Auch der einst farbig gefasste und um eine Mitra bereicherte heilige Petrus gilt als, wenn auch kunstvolles Fragment, nachdem eine puristische Restaurierung ihm nichts als nackte Materialsichtigkeit ließ. Komplett erscheint dagegen eine Werkstatt im Gemälde „Das Atelier“ von Michiel Sweerts 1650. Die Maler sind bei der Arbeit. Eine junge Frau sitzt Modell. Im Zentrum aber verweisen Skulpturen, lauter hell leuchtende aufgehäufte Gipskopien, darauf, dass für die damaligen Künstler das Antikenstudium obligatorisch war.

Heilsame Berührung

Mittelalterliche Skulptur ist zumeist christliche Bildhauerkunst und eingebunden in die Architektur, weshalb der Ausstellungsraum links an einen Kirchenraum mit vielen Altären erinnert. Man sieht die Skulpturen der Altäre: schöne Madonnen, anmutige Märtyrerinnen mit ihren Attributen, etwa Katharina und Barbara oder der heilige Andreas mit vom Leiden gezeichneten Antlitz. Andachtsimpulse und heilsgeschichtliche Unterweisung für Menschen, die weder lesen noch schreiben können, verkörperten die Figuren. Sie bewegten die Gläubigen. Und diese, um der Kraft der Heiligen teilhaftig zu werden, berührten sie. Kuratorin Blöcker berichtet sogar von „Berührungstüchlein“, die man gegen die Figuren drückte und so etwas von heiliger Anhaftung mit nach Hause zu nehmen glaubte. In schweren Zeiten, wie dem 100-jährigen Krieg im 14. und 15. Jahrhundert, in Not und Pest, kommen entkräftete Heiligenfiguren auf, die Mitleid erregen und in denen sich die Menschen wiedererkennen.

Außerhalb des Kirchenraums legten im Mittelalter und in der Neuzeit adelige Herrscher und gebildete reiche Bürger Kunstsammlungen an als Statussymbole, wie schon ihre Vorläufer in der griechischen Antike. Kleinskulpturen wie Jupiter mit seinem Adler als kostbare Elfenbeinschnitzerei zeugen davon. Als der Barock von den Künstlern und ihrer Kunst Beweglichkeit verlangte, zogen viele im 17. und 18. Jahrhundert nach Rom, um die Antikensammlung des Vatikans oder der Villa Borghese zu besuchen. Blöcker im Katalog: „Das Ebenmaß, die Kraft und Dynamik der antiken Monumentalskulptur übersetzten die Bildhauer in eine elegante skulpturale Sprache voller Wendungen und Drehungen.“ Unschlagbar belegt dies jene sich empor windende Bronze „Weinlese“, die 1738 Francesco Bertos schuf. Daneben existieren als Propaganda der katholischen Gegenreformation drastische Darstellungen, so die Enthäutung des heiligen Bartholomäus. Die Aufklärung aber stellte Geistesgrößen wie Seneca und Voltaire auf den Sockel.

Je nach Stand der Pandemie kann das Arp Museum für den physischen Besuch zugänglich oder geschlossen sein. Einen Einblick in die Ausstellung gewinnt man jedoch unter https://arpmuseum.org im Internet. HG

Ein Blick in die Ausstellung.Foto: HG

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