Eröffnung der Westerwälder Literaturtage in Montabaur
Ingrid Noll bat zu Tisch
Montabaur. Es brodelte in der Mordküche – Ingrid Noll bat zu Tisch. Die Grande Dame der deutschen Kriminalliteratur eröffnete mit ihrer Lesung die Westerwälder Literaturtage in der Stadthalle von Montabaur. Mit rabenschwarzem Humor erzählte sie die etwas aus dem Lot geratene Familiengeschichte einer jungen Frau, deren Kochleidenschaft, ein illegales Restaurant und eine „Erdnussallergie“ den Grundstein zu ihrem neuen Bestseller „Der Mittagstisch“ legen.
Die Westerwälder Literaturtage, die einst von dem Westerwälder Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ins Leben gerufen wurden, stehen in diesem Jahr unter dem Kultursommer-Motto „Der Sommer unseres Vergnügens“ und sind überwiegend heiter, manchmal auch stürmisch, geprägt. Bis zum sechsten Oktober stellen namhafte Autoren, Kabarettisten und Musiker, darunter Annegret Held (25. Mai, Marienthal), Hanns-Josef Ortheil (5. Juni, Wissen), Heiner Feldhoff (14. Juni, Betzdorf), Josef Brustmann (16.Juli, Höhr-Grenzhausen) oder Hennig Venske (4. Oktober, Neitersen), und viele andere ihre Werke in 32 Veranstaltungen quer durch den Westerwald vor. Die Westerwälder Literaturtage sind ein kreisübergreifendes Projekt des Westerwaldkreises und der Landkreise Altenkirchen und Neuwied und finden in diesem Jahr zum 15. Mal statt. Die Programmleiterin und der Vorsitzende der Volkshochschule Wissen, Maria-Bastian-Erll, und der rheinland-pfälzische Kulturverantwortliche im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, Michael Au, freuten sich über die große Zahl der lesefreudigen Besucher, etwa 220 Frauen und Männer hatten den Weg ins Haus Mons Tabor gefunden, und versprachen Begegnungen mit herausragenden Künstlern. Bereits mit Ingrid Noll hatten sie voll ins Schwarze getroffen. Die Krimiautorin, die ihren 80. Geburtstag bereits hinter sich gelassen hat, nahm die Anwesenden sofort für sich ein. Charmant und locker plauderte sie aus ihrem Leben und setzte sich bei der eigenen Lebensplanung ein ehrgeiziges Ziel, welches sie lächelnd so begründete: „Meine Oma wurde 105 Jahre, meine Mutter 106 Jahre und ich werde 107 Jahre alt.“ Es klang glaubhaft, ihre Lebensvitalität wirkte ansteckend.
Ingrid Noll hat mit 55 Jahren erst spät, aber überaus erfolgreich, mit dem Schreiben angefangen. Ihr erster Kriminalroman „Der Hahn ist tot“ fand sofort einen Verleger und wurde ebenso zu einem Bestseller wie ihre anderen Krimis, die teilweise sogar verfilmt wurden. In ihren Geschichten, so die Schriftstellerin in einem Interview mit Anja Müller, der Besitzerin der Buchhandlung „Erlesenes“ aus Montabaur, die zusammen mit der Stadtbibliothek die Lesung präsentierten, gibt es oft sehr viele Menschen, die auf sehr unterschiedliche Art zu Tode kommen. Noll lässt sie aber immer „sterben“, ohne dass die Betroffenen viel davon merken, Kinder sind generell tabu. „Kindern passiert nie etwas“ verspricht sie.
„Der Mittagstisch“ erzählt die Lebensgeschichte von Nelly, einer Mittdreißigerin, die ihre Kinder alleine aufziehen muss, was viel Geld kostet. Als gute Köchin bewirtet sie zunächst eine Freundin, später zahlende Mittagsgäste, die sich als skurril erweisen. Tragende Rollen in „Der Mittagstisch“ spielen ein patenter Elektriker, seine auf Erdnüsse allergisch reagierende Freundin und Lammfleischbällchen mit Duft-Reis. Menüplan sowie Lebensgeschichte entwickeln eine turbulente und abwechslungsreiche Eigendynamik, deren Ausgang Ingrid Noll in der Lesung offen ließ.
Gabi Wieland, Stadtbürgermeisterin von Montabaur, gestand, von der lebendigen Darbietung ebenso beeindruckt zu sein wie von der Persönlichkeit der Autorin: „Niemand, der heute hier war, wird wohl jemals wieder Erdnüsse ohne Kopfkino essen können.“ Sie bedankte sich bei Ingrid Noll und der Programmleiterin Maria Bastian-Erll, für die Eröffnung der Westerwälder Literaturtage anlässlich des Jubiläumsjahres zu 725 Jahren Stadtrechten in Montabaur.
Das gesamte Programm, die Vorverkaufsstellen und Eintrittspreise finden Sie unter www.ww-lit.de.
Etwa 220 Lesehungrige waren zum Auftakt der Westerwälder Literaturtage in die Stadthalle Montabaur gekommen. Foto: Picasa
Ingrid Noll nahm sich ausgiebig Zeit, alle Autogrammwünsche zu erfüllen. Zwischendurch blieb immer noch Zeit für einen kleinen Plausch. Foto: Picasa
