Traditionelles Misttragen in der Lehmener Würzlay
Jung und Alt düngen den Weinberg
Lehmer Razejunge erinnern an die mühevolle Arbeit ihrer Vorfahren
Lehmen. Es ist eine mühevolle Angelegenheit und dazu noch eine, die mit Wohlgeruch nicht viel zu tun hat. Und doch sind die Lehmer Razejunge alle vier Jahre mit viel Spaß dabei, wenn Stallmist unter den Weinstöcken verteilt wird. So auch in diesem Jahr, als nach Altväter Sitte der Mist mit Körben auf den Rücken – der Raz – seinen Weg in den Razejungewingert in der Lehmener Würzlay fand.
Ein Ereignis, welches seinesgleichen sucht
„Ich glaube, es ist in Deutschland einmalig“, so Dieter Möhring, 2. Vorsitzender der Lehmer Razejunge, der sich intensiv mit der Vergangenheit im Weinberg auseinandersetzt. An diesem Tag waren außer den Initiatoren und zahlreichen Gästen auch Schüler/innen der Sankt Georg Grundschule Lehmen an den Ort des Geschehens gekommen. Für die Razejunge ist es wichtig, den jungen Menschen die Arbeit der Vorfahren nahe zu bringen – ein Stück Generationsvertrag.
Die Seniorengruppe des Vereins begleitet seit Jahren diese Schüler/innen bei der praktischen Arbeit „rund ums Jahr“ im Wingert. Die Kleinen hatten ihren Spaß bei der geruchsintensiven Sache, stellten sich immer wieder an, waren stolz die Raz tragen zu dürfen und animierten Willi Unschuld zum wiederholten Füllen der Körbe.
Auch einige Ehrenrazejunge waren vor Ort, unter ihnen der Vorstandsvorsitzende der KSK Mayen Karl-Josef Esch, der sich bei seinem ersten Einsatz als Mistträger tapfer schlug, sowie der Ortsbürgermeister von Kobern-Gondorf Michael Dötsch, der nicht müde wurde die steilen Terrassen des Weinbergs zu erklimmen. Mistgabel für Mistgabel füllten sich die „Razen“.
Es sind aus astlosen Haselnussstöcken geflochtene Rückentragekörbe, mit denen bis heute der Stallmist auf die hochgelegenen Terrassen getragen wird. Den Bau dieser traditionellen Razen veranschaulicht eine umfangreiche Dokumentation auf der Homepage der Lehmer Razejunge (www.lehmer-razejunge.de). Diese werden nicht müde an den Traditionen festzuhalten.
Bevor der Kunstdünger erfunden wurde, düngte man vom Mittelalter bis zur Neuzeit in der Regel alle vier bis acht Jahre die Weinberge mit Stallmist. Historische Schriftstücke und Urkunden belegen dies vielfältig. Dieter Möhring wurde im Koblenzer Bundesarchiv fündig: „Stallmist war in der Vergangenheit kostbar. Kühe, Ochsen und Pferde und folglich Kuh- und Pferdemist hatten in der Regel „Wohlhabende“, sprich Besitzer von Bauernhöfen. Das waren überwiegend Adlige und kirchliche Einrichtungen wie Klöster und Bistümer beziehungsweise deren Pächter.
Bedingt durch das rare und kostbare Düngematerial wurde nicht immer in den vorgeschriebenen und in den Pachtverträgen vereinbarten Jahresabständen gemistet, es wurde ordentlich geschummelt. Ein Beispiel für die Wichtigkeit des Düngens war der Rommersdorfer Hof Koblenz-Moselweiß: Die Höfer mussten alle sieben Jahre die Weingärten misten. Versäumte ein Höfer die vorgeschriebenen Arbeiten, erhielt er beim ersten Mal eine angemessene Strafe. Stellte er den Missstand im zweiten Jahr nicht ab, musste er zwei Drittel seiner Trauben abgeben. Im dritten Jahr des Versäumnisses verlor er die Pacht.“
Erste urkundliche Eintragung über die Lehmer Razejunge
Heute arbeiten die Razejunge ehrenamtlich, früher erhielten die Mistträger dafür einen Lohn, wie eine Rechnung des Jahres 1784 aus dem Kirchbuch der Oberen Pfarrkirche zu Lehmen beweist: „Den Mistträgern wurden für ihre Arbeiten 1 Rheinischer Florin und 30 Albus gezahlt.“ Es ist die erste urkundliche Eintragung über die Lehmer Razejunge und ihre Winterarbeit, die bisher gefunden wurde.
Interessant sind auch die Hinweise darauf, dass die Freiflächen zwischen den Reben zum Anbau von Gemüse genutzt wurde. Zum Beispiel gibt es einen Vermerk aus dem Jahr 1793 zu Pflanzungen von Bohnen, Kohl, Kartoffeln, gelben Rüben und Erbsen in den Weingärten in Lehmen, Oberfell und Alken. „Ein kompletter Widerspruch zu der gern getätigten Aussage „es muss alles sauber sein zwischen den Reben“ bzw. „nichts darf grün sein – außer der Rebe im Weinberg“. Schon damals nicht zeitgemäß und zweckmäßig, heute wirtschaftlich widerlegt“, ergänzt Dieter Möhring.
Das diesjährige Misttragen fand ein gemütliches Ende beim Wingertsessen im katholischen Pfarrheim. Bei „Stampes mit Wellfleisch“ – gepaart mit manch gutem Schluck Riesling – erholten sich alle von der anstrengenden Arbeit.
Wolfgang Herpes wurde „Ehrenknüppelträger 2020“
Und einer war dabei, der 1999 seine Ernennung zum Ehrenrazejung erhalten hatte. Wolfgang Herpes unterstützt seit Jahrzehnten lebendiges Brauchtum und Kultur in der Region des unteren Moseltals mit seinen historischen Weinbaulandschaften. Er setzt sich für den Erhalt der einzigartigen Kulturlandschaft der Terrassenmosel ein und engagiert sich in den unterschiedlichsten Bereichen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Razejunge. Grund genug ihm dafür zu danken. Der langjährige Freund und Förderer erhielt von den Vorsitzenden Ralf Menden und Dieter Möhring für sein lobenswertes Engagement die Auszeichnung „Ehrenknüppelträger 2020“. Der „Knüppel“ spielt auch in der Historie des Misttragens eine Rolle, denn für jeden getragenen Raz mit Stallmist, erhielten die Razejunge vom Aufseher des Pächters eine geschnittene Kerbe in ihren Stock (Knüppel). Am Abend wurde dann abgerechnet, eine Kerbe entsprach dem vereinbarten Tragelohn für eine Raz. So erhielt Wolfgang Herpes seine wohlverdiente „Abrechnung“.
Die Lehmer Razejunge setzen ihr Engagement fort, für das sie in den Jahren 2013 und 2015 einen Umweltpreis des Landkreises Mayen-Koblenz erhalten haben. EP
Wolfgang Herpes bekam an diesem Tag seine „wohlverdiente Abrechnung“. Foto EP
Die Schüler/innen der Grundschule Lehmen hatten ihren Spaß bei der geruchsintensiven Sache. Foto EP
