Ob der Westerwald ein Eldorado zum Radfahren ist, darüber gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen
Lauschig und lebensgefährlich
Eine Recherche von Gunnar Bach
„Auf meinen Radtouren lausche ich den Geschichten der schönen Plätze und Gassen“ - mit diesen Worten wirbt der Westerwald Touristik Service dafür, Kultur und Landschaft „einer der schönsten Landschaften Deutschlands“ mit dem Drahtesel zu erkunden. „Viel Raum zum Luftholen, Durchatmen und Erholen“ biete der Westerwald, besonders für Radfahrerinnen und Radfahrer.
„Lebensgefährlich“
Für Rita Schneider sieht die Radfahr-Welt Westerwald ganz anders aus. Sie muss tief Luft holen, bevor sie sagt: „Die Touristen werden ganz schnell merken, dass es hier keine Radwege gibt, weil der Westerwald ganz klar in den letzten 20 Jahren vernachlässigt worden ist!“ Die Sprecherin der Bürgerinitiative „Radweg jetzt“ nimmt kein Blatt vor den Mund. „Es sind fast keine Radwege gebaut worden. Man muss sich irgendwelche Wege suchen, oder über die gefährlichen Straßen fahren und mit den Autofahrern teilen. Man riskiert dabei sein Leben!“ Allgemein könne man im Westerwald sehr schlecht Fahrrad fahren. „Man fährt entweder über Feldwege und Waldwege, die teilweise auch kaputt sind. Eine Verbindung parallel zu den einzelnen Landes- und Kreisstraßen und Bundesstraßen gibt es hier im Westerwald so gut wie keine“, weiß sie aus jahrzehntelanger Erfahrung.
E-Bikes als Trend
Für Pia Künstler, Mitarbeiterin im Fahrradladen Böckling in Montabaur, stellt sich die Situation etwas anders dar. Sie bekommt spätestens seit Corona von den Kunden quasi die Bude eingerannt. Besonders E-Mountainbikes stünden hoch im Kurs: „Gerade auch, weil es so hügelig ist, haben wir hier auch sehr starke Mountainbikes, vom Akku her und von der Umsetzung.“ Besonders Menschen zwischen 40 und 60 stellen die Hauptkundengruppe dar.„Die sind unwahrscheinlich aktiv und erweitern ihren Radius. Dadurch haben sie auch wesentlich mehr Lebensqualität. Sie haben mal wieder Spaß daran, Rad zu fahren. Das war vorher mit Fahrrädern ohne Motor einfach nicht so möglich. Das war viel zu anstrengend.“ Auch junge Familien interessierten sich für Lastenräder mit elektrischer Unterstützung, um damit zum Einkaufen zu fahren oder die Kinder damit in den Kindergarten zu bringen. Wer mit dem E-Bike einkaufe, fahre bequem am Autostau vorbei“, zeigt sich Pia Künstler begeistert. „Sie sind an der frischen Luft. Der Weg ist das Ziel. Von der Wohnung hin zum Büro oder zur Arbeitsstätte sind Sie schon morgens aktiv. Sie kommen ganz anders an. Viel frischer“, schwärmt sie. Rita Schneider dagegen kämpft mit ihrer Bürgerinitative schon seit vier Jahren für einen Radweg aus ihrem Wohnort Holler nach Montabaur, um sich sicher mit dem Fahrrad in die Innenstadt bewegen zu können. Bereits seit 1990 sei der Radweg Holler nach Montabaur schon im Gespräch. „Es sind jetzt mehr als 30 Jahre vergangen. Deshalb traue ich mich kaum, eine Prophezeiung abzugeben, wann denn endlich ein Radweg kommen mag.“
Normale Radfahrerbrauchen Radwege
Für Uli Schmidt steht als Rennradfahrer der sportlichen Aspekt im Vordergrund. „Wenn wir in der Mannschaft mit dem Rad unterwegs sind, ist das manchmal sogar gefährlicher, auf dem Radweg zu fahren, als auf der Straße“, beschreibt er seine Sicht auf die Dinge. Aber der normale Radfahrer fahre sicherer auf dem Radweg, gesteht er ein. „Wir haben im Westerwald sehr viele touristische Radwege, sodass man sehr schön über Wald und Wiese spazieren fahren kann. Aber es geht ja vermehrt darum, das Fahrrad für die Alltagsmobilität stärker zu nutzen“, beschreibt Schmidt das politische Anliegen, das er auch als Mitglied des Verkehrsclubs Deutschlands unterstützt. Radfahren müsse einfach sicher sein. „Auf Straßen ist es nicht möglich, relativ sicher Rad zu fahren. Deshalb brauchen wir viel mehr Radwege“, unterstreicht der vielseitig engagierte Westerwälder. Für 2022 plant er zusammen mit der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen einen Fahrrad-Kongress, um den öffentlichen Druck für das Anliegen zu erhöhen und alle Akteure an einen Tisch zu bringen. „Man hat das im Westerwald von politischer Seite sehr lange unterschätzt. Man hat mit viel Engagement touristische Radwege ausgebaut. Wir müssen erst einmal dafür sorgen, dass mehr Leute Bus oder Bahn fahren, und dann auch auf das Fahrrad umsteigen.“
Fünf neue Radwege pro Jahr
Bei den Bussen ist der Schülerverkehr bestimmend. Außerhalb der Stoßzeiten beobachtet Schmidt , dass die Busse und Bahnen „eigentlich leer durch die Gegend“ fahren. „Wir können nicht nur die ganzen Klimaschäden beklagen. Wir müssen auch was tun, das heißt das Auto einfach stehen lassen und dann mit Bahn und Bussen fahren, und im nächsten Schritt dann auch mit dem Fahrrad.“ Für Schmidt wäre es schon ein großer Erfolg, wenn der Westerwaldkreis ein Straßenbauprogramm plus für zwei bis drei Jahre aufstellte. „Wir brauchen zusätzlich zum jährlichen Programm für normale Straßen und zusätzlich ein Programm für Radwegebau. Jedes Jahr zehn Projekte für Straßenbau und dazu fünf Radwegeprojekte“, fordert er. Dass in der Vergangenheit wenig Geld vom Land für Radwege investiert worden sei, habe auch damit zu tun, dass es dafür relativ wenig baureife Pläne gebe. „Nur für irgendwelche Ideen kann man keine Mittel bewilligen.“
