Verein löst sich nach fast 180-jähriger Geschichte auf
Ließ der Zeitgeist die Stimme des MGV Dierdorf verstummen?
Dierdorf. „Es stimmt uns traurig, dass ein so renommierter Verein keine Zukunft mehr hat. Daran tragen die Sänger und Sängerinnen, die bis heute dem Verein die Treue gehalten haben, keine Schuld. Sie haben ihr Bestes gegeben und versucht. Ihnen möchte der Vorstand danken.“ Mit diesen Worten teilte Vorsitzender Hans Schaeffer der Öffentlichkeit wenige Tage vor Weihnachten die Auflösung des Männergesangvereins Dierdorf mit, der in diesem Jahr, 2019, 180 Jahre alt geworden wäre. Der MGV mit dem ihm angeschlossenen Frauenchor habe sich dem Alter und dem Sängerschwund beugen müssen, nennt Schaeffer als Begründung.
Erschwerend sei hinzu gekommen, dass Chorleiter und Dirigent András Orbán aus beruflichen Gründen sein Amt zur Verfügung gestellt hatte. Zuletzt gehörten dem MGV Dierdorf noch 13 Männer, Durchschnittalter 74, und 14 Frauen an, Durchschnittsalter 71 Jahre.
Im Gespräch mit „BLICK aktuell“ sagen Hans Schaeffer und sein Vorstandskollege Dieter Hilgert: „Die Entscheidung, den Verein aufzulösen, ist uns sehr schwer gefallen. Genau genommen gibt es sechs Gründe, die uns keine andere Wahl ließen. Das erste ist das Alter und die Überalterung der aktiven Mitglieder. Das führt dazu, dass einzelne Sängerinnen und Sänger häufiger wegen Krankheit oder Behandlungen ausfallen. Drittens waren wir stimmlich nicht mehr so gut aufgestellt.
Der 1. Tenor war praktisch gar nicht mehr besetzt. Ähnlich verhielt es sich im 2. Bass. Wenn dann einer ausfällt beim Konzert, gab es keinen Ersatz dafür. Dann ist 2014 unser Chorleiter Georg Wolf verstorben. Dadurch sind uns einige gute Sänger verloren gegangen. Als Nächstes hatten wir Probleme, jüngere Leute für unsere Vorstandsposten zu gewinnen. Der sechste Grund war die Kündigung unseres Dirigenten András Orbán. Hätten wir wieder einen neuen Dirigenten gesucht und gefunden, wären wieder einige Sänger abgesprungen. Das alles führte dazu, dass Dreiviertel der Mitglieder in der Vollversammlung für die Auflösung des Vereins gestimmt haben. Wir sind nicht der Meinung, dass es am Liedgut gelegen hat.“ Aber letztlich habe den Sängern aufgrund ihres hohen Alters auch die Motivation und die Begeisterung zum Singen gefehlt. Viele seien nur noch aus Gewohnheit zu den Proben gekommen.
Aber warum ist es in den letzten 20, 30 Jahren nicht gelungen, neue Freunde für den Chorgesang zu gewinnen, lautet die Frage an die beiden Vereinsvorstände. „Das hängt mit der Veränderung der Gesellschaft zusammen“, sagt Hans Schaeffer. „Das ist ein generelles Problem und betrifft nicht nur unseren Männergesangverein. Vielen Vereinen fällt es schwer, Mitglieder für eine gemeinschaftliche Aufgabe zu gewinnen“.
An Versuchen, auch für spätere Jahrgänge attraktiv zu erscheinen, habe es nicht gefehlt. Zum Beispiel gab es eine karnevalistisch geprägte Veranstaltung in Giershofen. Aber die Erfahrung war, dass sich Menschen nicht mehr an einen Verein binden und zu festen Proben verpflichten wollen. Höchstens noch die zeitlich begrenzten Projektchöre stießen auf Interesse. „Tradition hat wieder einmal verloren“, ist das traurige Resümee der beiden Gesangs-Ehrenamtler.
Sie sind der Meinung, einen „Kampf gegen die Zeichen der Zeit“ verloren zu haben.
Dabei war der MGV Dierdorf in den 180 Jahren seiner Geschichte eher erfolgsverwöhnt: 1976 wurde den damals 50 Sängern (im Alter ab 18) der Titel „Meisterchor von Rheinland-Pfalz“ verliehen, der vier Jahre getragen werden darf. 1992 wiederholte sich dieser Titelgewinn. Zur Blütezeit, mit dem damaligen Dirigenten Georg Wolf, hat der MGV Dierdorf sogar Konzerte auf drei Rundreisen in den USA und einem Besuch in Locarno in der Schweiz gegeben. 1999 wurde mit einem dreitägigen Fest und vielen befreundeten Chören das 160-jährige Bestehen gefeiert.
Fünf Jahre später, 2004, bei einer weiteren Jubiläumsfeier, sang der Chor, damals noch unter der Leitung von Georg Wolf, zum Abschluss das Lied „Jung samma, fesch samma“. Zumindest das „jung“ stimmte damals schon nicht mehr wirklich.
In seiner Glanzzeit - hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1999 - konnte der MGV Dierdorf noch über eine stattliche Anzahl begeisterungsfähiger Sänger verschiedensten Alters verfügen.Foto: Verein
