Allgemeine Berichte | 29.07.2025

Urgestein sammelt seit 50 Jahren jeden Zeitungsausschnitt über den Verein

Manfred Brachtendorf - das Gedächtnis des FV Engers

Manfred Brachtendorf an seinem Gartentisch. Vor sich aufgeschlagen liegt einer von fast 50 Ordnern, in denen er alle Artikel rund um den FV Engers gesammelt hat. Brachtendorf hat auch maßgeblich die Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum geschrieben. Zu jedem Erfolg fertig er Keramik-Medaillen an, zu besonderen Anlässen wie den DFB-Pokal-Spielen auch Wassertürme.Foto: Ulf Steffenfauseweh

Engers. Am Ende des Gesprächs gibt Manfred Brachtendorf es sanft lächelnd zu: „Ein bisschen verrückt muss ich schon sein“, attestiert er sich selbst, als er erzählt, dass er „wohl rund 30 Prozent“ seiner Lebenszeit auf den FV Engers investiert hat. „Die hätte ich natürlich auch irgendwie anders nutzen können“, überlegt der 79-Jährige, kommt dann aber schnell zum Schluss, „dass am Ende schon alles richtig war“. „Ich komme vom Verein nicht los, und ich will es auch gar nicht.“

Doch wo kommt diese Leidenschaft her? Wie zeigt sie sich? Manfred Brachtendorf wird 1946, kurz nach Ende des 2. Weltkriegs, geboren. Mit zehn Jahren tritt er dem Fußballverein bei. „Wir waren damals eine Clique von Freunden, zu der auch Heinz Keuler, Günther Scherhag und Werner Kaufung gehörten“, zählt er Namen von Männern auf, die wie er heute zu den absoluten Vereins-Urgesteinen zählen.

Natürlich kickt der junge Werner selbst. Von Anfang an interessiert ihn aber auch die Geschichte des Vereins. Der Funke schlägt endgültig Feuer, als 1957 die Festschrift zum 50-jährigen Vereinsjubiläum erscheint. „Ich weiß gar nicht, wie oft ich die damals gelesen habe. Es hat mich einfach fasziniert“, sagt er und erinnert an die stolze Geschichte des Clubs. Daran, dass die Engerser insgesamt fünf Jahre lang in der Oberliga spielten. Daran, dass Engers in den Jahren bis zur Gründung der Bundesliga 1963 der kleinste Ort war, der es in diese damals höchste Spielklasse schaffte. Und daran, dass es der FVE war, der dem späteren Deutschen Meister aus Kaiserslautern 1952 als einzige Mannschaft eine Heimniederlage zufügte. „Was die damals geleistet haben, ist schon unglaublich“, findet Manfred Brachtendorf. „Es hat mich fasziniert“, wiederholt er.

Dann jedoch läuft es rund um den Wasserturm sportlich weniger rund. 1977 ist der Verein schließlich „am absoluten Tiefpunkt“ angelangt, wie Brachtendorf es formuliert. Abstieg in die A-Klasse. „Ganz Engers war in Depression“, sagt er. Manfred beschließt, Verantwortung zu übernehmen und wird das, was man heute „Teammanager“ nennt. Ein Begriff, der ihn abwehrend die Hände heben und erzählen lässt, dass die Verhandlungen mit den Spielern doch nicht wirklich seine Sache waren. „Ich war sehr froh, dass es dann Heinz Keuler übernommen hat. Er war der richtige Mann“, betont er.

Doch Manfred Brachtendorf kann sich auch anders für seinen Club engagieren. Etwas im Hintergrund fühlt sich der bescheidene Mann ohnehin wohler. Und so schafft der gelernte Modelleur und Designer über Jahrzehnte das Bühnenbild für den beliebten Sportlerball, organisiert das Turnier um den „Wasserturmpokal“ maßgeblich mit. Und vor allem beginnt er in dieser Zeit, systematisch praktisch jeden Schnipsel über den FV Engers zu sammeln. Damit wird Manfred Brachtendorf zum Gedächtnis des Vereins. Von 1977 an hat er für jedes Jahr einen dicken Ordner angelegt mit Zeitungsartikeln, Tabellen, Todesanzeigen.

Bis heute hat er fast 50 solcher Mappen erstellt. Nur zwei sind verloren gegangen, als sie im Rahmen des 100-jährigen Vereinsjubiläums Teil einer Wanderausstellung waren. „Ich hab immer für die Historie gekämpft“, sagt Manfred Brachtendorf. „Man soll nicht in der Vergangenheit leben, aber man soll sie auch nicht vergessen. Es ist doch irgendwie wichtig“, findet er und bedauert, dass viele Traditionsvereine aus der Region im Laufe der Jahre einfach von der Bildfläche verschwunden und praktisch vergessen worden sind.

Doch Manfred Brachtendorf ist nicht nur das Gedächtnis des FV Engers, er schafft auch selbst Erinnerungsstücke. Seit dem 80-jährigen Vereinsjubiläum 1987 fertigt er zu besonderen Anlässen immer wieder Wassertürme aus Keramik an. Beliebte Sammlerstücke. Und noch früher - als der Verein 1980 „endlich“ die A-Klasse wieder verlassen kann, beginnt er, Medaillen aus Keramik anzufertigen und an die jeweiligen Protagonisten zu verteilen. Nicht immer ist das ohne Risiko. So erzählt er mit einem Schmunzeln, dass er zweimal eine Kollektion still und heimlich in die Tonne wandern lassen musste. Der angepeilte Aufstieg hatte eben doch nicht geklappt.

Abgeschreckt hat ihn das aber nie. Die Tradition führte er bis heute zu jedem Aufstieg und Pokalsieg fort. „Klar, es gibt auch Leute, die sagen: ,Lass mich doch mit dem alten Kram in Ruhe‘. Aber ich höre auch immer wieder von ehemaligen Spielern, dass sie ihre Plaketten seit 40 Jahren im Wohnzimmer hängen haben“, freut er sich und weiß, dass sie vielen mehr bedeutet, als die offizielle Medaille. Die Plaketten wie die Wassertürme sind schließlich etwas Besonderes. Liebevolle Unikate - wie sie nur von einem kommen können, der ein bisschen verrückt sein muss.

Manfred Brachtendorf an seinem Gartentisch. Vor sich aufgeschlagen liegt einer von fast 50 Ordnern, in denen er alle Artikel rund um den FV Engers gesammelt hat. Brachtendorf hat auch maßgeblich die Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum geschrieben. Zu jedem Erfolg fertig er Keramik-Medaillen an, zu besonderen Anlässen wie den DFB-Pokal-Spielen auch Wassertürme. Foto: Ulf Steffenfauseweh

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