Allgemeine Berichte | 30.01.2019

Ella Anschein überzeugte im Rheinbacher „Viel Platz für Kultur“

Mehr als nur Anschein

Ella Anschein bei ihrem ersten Solo-Programm im VP. Foto: Gerd Engel

Rheinbach. „Vom großen Entzücken, wenn einer sich auszieht“, hatte Nordrhein-Westfalens U20-Poetry-Slam Meisterin von 2017 den Abend überschrieben, nach einer Zeile in einem ihrer großartigen Texte. Um es vorwegzunehmen: Die Kleider blieben, anders als bei der szenischen Lesung „Der alte Mann und das Mädchen“ an gleichem Ort vierzehn Tage zuvor, an.

Die Vorschusslorbeeren für die jüngst mit dem Leverkusener Kleinkunstpreis bedachten Ella Anschein waren nur zu berechtigt. Die Texte der Siegburger Schauspielschülerin sind inhaltlich breit gestreut und stilistisch so vielfältig, dass bei diesem Poetry-Slam gegen sich selbst zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkam.

Aus einer Reisebeschreibung über eine französische Kleinstadt wurde nach und nach ein flammendes Plädoyer für Europa. Ein wütendes Essay über ein Lied von Max Giesinger nutzte Anschein für ein brillantes emanzipatorisches Statement. Und bei dem herrlichen Text über die Notwendigkeit des Mauerlaufens von Kindern („Mauerlaufen sollte von Ärzten verschrieben werden.“) verband sich Humor mit Nachdenklichkeit. Überhaupt scheint dies eine Besonderheit der Nachwuchskünstlerin zu sein. Selbst wenn sie sich und dem aufmerksam lauschenden Publikum einmal Klamauk gönnt, wie bei dem rasanten Mitsprechtext „Gangster-Rap-Oma“ schimmert immer ihre Klugheit und ein ungewöhnliches politisches Bewusstsein durch.

Der fein komponierte Abend verlangte den Zuhörern volle Konzentration ab und belohnte sie mit inspirierender Unterhaltung auf höchstem Niveau. Es hat mehr als nur den Anschein, dass da eine bemerkenswerte Bühnenkünstlerin heranreift. Ella Anschein hat etwas zu sagen. Und wie sie es sagt, ist höchst kunstvoll. Manch müder Kabarettist könnte sich an Ella Anscheins pointierter Schärfe und ihrer brillanten Rhetorik sein Messer wetzen.

Klare Kante zeigt die umtriebige Kulturnetzwerkerin auch bei ihrer Aussage zur Zukunft der ehemaligen Pallotti-Aula: „Die Rheinbacher wären mit dem Klammerbeutel gepudert, diesen wunderbaren Ort nicht für Kultur und Bildung zu erhalten. Wo bleibt der Aufschrei, wenn hier über einen Abriss auch nur nachgedacht wird?“

Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen. Ralf Eschweiler vom Freundeskreis Pallottistraße 1 und Steffi Scherer von Rheinbach Liest, die beide den jungen Verein „Rheinreden e.V.“ bei der Durchführung der Veranstaltung unterstützt hatten, zeigten sich hoch zufrieden: „VPK – Viel Platz für Kultur!“

Ella Anschein bei ihrem ersten Solo-Programm im VP. Foto: Gerd Engel

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