Beobachtungen und Gedanken zum Inklusions-Aktionstag in der Fußgängerzone in Montabaur
„Menschen zugestehen, dass sie selbst definieren, wie sie leben möchten“
Gunnar Bach besucht den Inklusionstag und lernt verschiedene Perspektiven zum Thema kennen – Zwischen Integration und Inklusion, Heimat und Sich-Ausgeschlossen-Fühlen ist Selbstbestimmung ist das wichtigste Ziel
Montabaur. Inklusions-Aktionstag. Viele Stände gibt es da in der Fußgängerzone in Montabaur. Ich bleibe am Stand des Seniorenzentrums St. Josef Dernbach stehen und frage eine Rollstuhlfahrerin, wie ihr das Fest gefällt. „Ich finde den Aktionstag sehr gut. Es sind ja viele heute gekommen. Die lernen dann mal die Stadt kennen. Und das finde ich gut, denn seit nicht mehr so viele Geschäfte hier sind, ist Montabaur ein bisschen nach hinten gerutscht. Ich habe hier gewohnt, ich wohne jetzt in der Alleestraße.“ Ich bin ein wenig verwirrt über die Antwort. Einrichtungsleiterin Annika Belgrath hat unser Gespräch mitverfolgt, kommt freundlich auf uns zu und klärt mich auf. „Wir haben die Frau Labonte hierhin mitgenommen, weil hier was los ist und sie nämlich aus Montabaur ist. Das ist eine große Freude für sie. Wir sind hier vom Demenznetzwerk und freuen uns total, hier zu sein. Gleich machen wir eine Runde Sitztanz für alle.“
Zwei Seiten?
Ich gehe zur Bühne vor das Rathaus. Dort eröffnet Landrat Achim Schwickert den Aktionstag. Das Thema Inklusion betreffe alle, nicht nur Betroffene und Fachleute. Generell sei es Ziel, Defizite auszugleichen, soweit es gehe. Dafür brauche es „ordentlich Finanzmittel für frühe Bildung“, setzt er sich ein. Ängste „ein bisschen abbauen, aufeinander zugehen“, das sei „für beiden Seiten“ ein großes Thema. Und dafür brauche es auch fachliche Unterstützung. Der Kreischef dankt den freien Trägern für die ganze unterjährige Arbeit, aber auch für den Aktionstag. Ziel und Maßstab der Inklusion sei „der Bedarf oder die Notwendigkeit aus ganz persönlicher Sicht eines Betroffenen.“ Und: darauf sei „nicht nur eine Antwort“ richtig. Braucht es Inklusion am besten in den „normalen“ Schulen oder doch besser spezialisierte Einrichtungen? Der Landrat antwortet mit einer Frage: „Was ist für den betroffenen Einzelnen der bessere Weg?“ Er nennt die für ihn zwei wichtigsten Ziele von Inklusion: erstens soweit wie möglich selbstständig leben können, zweitens von der „Gesamt-Gesellschaft akzeptiert“ zu werden.
Heimat Montabaur
Dann kommt die Stadtbürgermeisterin Gabi Wieland auf die Bühne. „Wunderschön“ sei es, dass „heute diese Stadt so bunt ist, dass so viele unterschiedliche Menschen hier sind.“ Montabaur solle Heimat werden: „Dass man sich hier gerne aufhält, dass man sich hier wohlfühlt, egal wie alt man ist, egal, welche Begabungen man hat, egal, welche Hautfarbe man hat.“ Sie zeigt sich froh über das Wohnheim der Caritas. „Viele Bewohner kommen regelmäßig in die Stadt und halten sich hier auf.“ Und sie äußert den Wunsch, dass Montabaur auch für viele zur Heimat werde, die heute zum Aktionstag gekommen sind.“
Worum geht es hier heute? Integration oder Inklusion, Heimat oder Sich-Ausgeschlossen-Fühlen? Um Menschen mit Behinderung, Menschen mit unterschiedlichen Begabungen, mit unterschiedlichem Aussehen oder verschiedener Herkunft? Ich bin immer noch ein bisschen verwirrt.
Menschen in „besonderen Systemen“
Ich frage die anwesenden Experten. Den Aktionstag gebe es in dieser Form seit sechs Jahren, klärt mich der „Inklusions-Lotse“ und Cheforganisator des gemeinsamen Aktionstages der AG Eingliederungshilfe und des Netzwerks für Behinderte im Westerwald, Ruben Rhensius vom Diakonischen Werk, auf. Es gehe „einmal darum, Sensibilität dafür zu schaffen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt.“ Diese lebten „häufig noch in besonderen Systemen“. Doch in den letzten Jahren sei da viel im Wandel. Integrative Schulen würden besucht, es gebe immer mehr Integrationshelfer in Kindergärten und Schulen, Außenarbeitsplätze von Werkstätten von Menschen mit Behinderung würden geschaffen. Der Aktionstag solle die Stärken und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung zeigen. „Deswegen machen wir auch das Programm auf der Bühne. Menschen mit Behinderung sind kreativ und können ganz viel in die Gesellschaft reingeben.“ Mit dem entsprechenden Ansprechpartner und einer guten Struktur werde ermöglicht, dass sie dann „sehr normal an den ganzen Aktivitäten“ teilhaben könnten.
Ziel: Selbstbestimmung
Peter Roos, der Sprecher des Netzwerks für Behinderte im Westerwald, plädiert im Gespräch dafür, das „Ergebnis inklusiver Bildungspolitik an der Lebensqualität zu messen, an dem Maß des selbstbestimmten Lebens, das für einen Menschen mit Behinderung umsetzbar ist.“ Um dieses Ziel zu erreichen, gebe es keinen Königsweg, der ausschließlich in einer Gesamtschule liegt oder der, der sich ausschließlich auf Förderschulen projiziere. „Es muss Vielfalt im Angebot geben. Und es gibt dann sicherlich für jeden den passenden Weg, ins Leben hinein zu finden.“ Vor allem die Startbedingungen solle die Politik günstig gestalten.
Von der „einen und der anderen Seite“ von Inklusion zu reden, gefällt Roos nicht. „Es gibt nur eine gemeinsame Seite, nämlich die, auf der wir leben. Und wichtig ist, dass jeder da seinen Platz finden kann. Und derjenige, der dabei Unterstützung braucht, der muss diese Unterstützung bekommen, die er braucht, um in seinem Sinne und in seinem Anliegen, in der Gesellschaft unterwegs sein zu können. Und nicht von irgendjemandem bestimmen zu lassen, wie er zu leben ha, und wie das auszuschauen hat. Da – glaube ich – müssen wir lernen, Menschen zuzugestehen, dass sie selbst definieren, wie sie leben möchten.“
Begegnung ist wichtig
Inklusion, Integration, sind das zwei verschiedene Paar Schuhe, oder zwei Seiten derselben Medaille? Schluss mit der Theorie, rein in die Begegnung, in die Praxis. Dazu bot der Aktionstag viele Möglichkeiten. Zum Beispiel beim Demenz-Parcours. Da kann ich auch einen anderen Blick einüben, zum Beispiel meine Schuhe zubinden, während ich nur in einen Spiegel schaue. Eine kognitive Herausforderung. Nicht die einzige an diesem Tag. Aber das Wesentliche war die Begegnung, von unterschiedlichen Menschen und Meinungen. Eine gelungene Veranstaltung, nicht exklusiv, sondern inklusiv. Öffentlich, in der Fußgängerzone in Montabaur, bei strahlendem Sonnenschein, und guter Stimmung – bei allen, beziehungsweise auf allen Seiten.
Landrat Schwickert eröffnet den Inklusionstag.
Annika Belgrath (li.) mit zwei Besucherinnen.
Peter Roos vom Netzwerk für Behinderte.
Stadtbürgermeisterin Gabi Wieland. Fotos: GBA
Ruben Rhensius vom Diakonischen Werk.
